Unsere Erinnerungen – unsere Sinne

Wir haben eine ungefähre Geruchs-, und manche haben eine besonders gute Hörerinnerung. Unsere taktile Erinnerung ist schwach. Unsere Gefühlserinnerung viel stärker, doch auch sehr vergänglich, später im Leben häufig nur noch erahnbar in häufig selbstüberraschenden Reaktionen . Die Geschmackserinnerung ist noch vergänglicher. Doch wir leben auch mit der Bilderinnerung. Nichts ist so stark wie sie.
Wir sammeln in unserem Kopf die Erinnerungsbilder unseres Lebens, wenn auch sie mit der Zeit verbleichen. Dieser Vorgang ist nicht gleichförmig, denn einige Bilder bleiben in uns immer präsent. Sie dokumentieren Abschnitte unseres Lebens, aus denen sich der Rückblick auf das Leben ergibt.
Aber sind es wirklich Schnappschüsse, sind es wirklich nur bildliche Erinnerungen, die sich in unserem Kopf befinden? Oder sind es schlichtweg Erinnerungen an Fotos? Es wäre ja möglich, dass wir beides miteinander verwechseln. Dann würden wir uns nur noch erinnern, weil wir mehrfach in unserem Leben auf ein bestimmtes Foto gesehen haben. Und Fotos haben wir lange Zeit für wahr gehalten.
Andererseits – wer hat heute noch haltbare Fotos auf Papier. Bilder haben in den letzten zwanzig Jahren quantitativ und qualitativ zugenommen. Wir hatten noch nie so viele Fotos. Und Fotos hatten noch nie so viel Einfluss auf unsere Gesellschaft wie heute. Auf Politik, Konsum, Leben. Sogar auf Krieg und Frieden. Wir sammeln digital die Fotos unseres Lebens. Wir versuchen, sie zu archivieren. Doch es sind weitaus mehr als früher in ein Fotoalbum passten. Wir suchen eine Systematik, um die Fotos zu erhalten. Und oftmals müssen wir aufgeben, denn es fehlt die Zeit, die Erinnerung an unser Leben im immer schnelleren Fototakt zu erhalten.
Und mit der Vielzahl der Fotos nimmt zusätzlich ihre Vergänglichkeit auf Datenträgern zu. So rapide wie nie zuvor. Auf einem Festplattenlaufwerk sind diese Fotos zwei bis zehn Jahre sicher, auf einer CD-R fünf bis zehn Jahre, auf einem USB-Stick zehn bis dreißig Jahre, auf Fotopapier 150 Jahre. Ein Jugendlicher, der heute sein Leben mit seinem Smartphone dokumentiert, wird wahrscheinlich schon in zehn Jahren keine Fotos aus seiner Jugend mehr besitzen. Das könnte Folgen haben.
Die Konfusion, ob ich mich wirklich an etwas erinnere oder ob ich mich an ein Foto erinnere, würde uns nicht mehr so stark irritieren. Aber wahrscheinlich wird unsere Erinnerung schwächer. Es sei denn, man hätte frühzeitig ein Fotoalbum angelegt. Denn dann könnte man den Kopfbildern etwas hinzufügen, und sich stärker der eigenen Identität bewusst sein. Denn darum geht es uns doch. Wir wollen doch wissen, wer wir sind, und warum wir so geworden sind.

Hesse kann Tango

Hesse kann Tango

Von Alpan Sagsöz
„Anschläge in Istanbul, mehrere deutsche Touristen tot“
„Kinder schauen alle 18 Minuten auf ihr Handy. Laut aktueller Studie stresst das dauernde On-Sein unsere Kinder mehr als bisher angenommen“
„Isis-Schlächter enthauptet einen Norweger, 17 Tadschiken und einen Ostfriesen auf dem Marktplatz in Soest – keiner der Zeugen zeigte Zivilcourage“
„Peter Pan kotzt morgens um drei aus dem dritten Stock eines Berliner Vier-Sterne-Hotels und trifft das Dekolleté von Veronica Ferres“
„Breaking News! Klimaveränderungen beeinflussen laut Pekinger Forschungsinstitut nachhaltig die Haarstruktur von Bulgarinnen. Spliss! Rasant ansteigende Zahl Geschädigter im Norden von Sofia!“

Unsere Welt: Laut. Stakkato. Hardcore. Schwer, nicht aus seinem Lebensrhythmus herauskatapultiert zu werden.
Wie hätte Hermann Hesse mit dieser Informationsflut gelebt? Jedenfalls hätte er diese Phase unserer Spezies wohl als ziemlich unromantisch empfunden.

Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu finden, sagte er.

Hesse ist eine Ikone. Einer, den man weder in der Pubertät verbiegen konnte (eher wäre er in der Psychiatrie zerbrochen) noch später, als er die Literaturnobelpreis-Feierlichkeiten als Klimbim abtat und einfach schwänzte. Bei uns war Hesse kein Popstar, aber in den USA und Japan avancierte er posthum unter die meistgelesenen Europäer des Jahrhunderts. Also hatte er Einfluss auf die Haltung vieler Menschen. Er hatte Einfluss auf die Weltenseele.
Seitdem ich mich für die Literaturwelt interessiere, bin ich sein Fan. Würde Hesse noch leben, würde ich natürlich seine Lesungen besuchen, zu denen er selbst wahrscheinlich nicht erschiene. Spannende Vorstellung, vor allem in der jetzigen Zeit, wo Hinz und Kunz sich als „Supertalente“ exaltieren und dabei nicht selten nur dumpfe Vulgarität bieten. Star for a day. Eher für fünf Minuten. Und das Supertalent ist: keins zu haben. Ätsch! Eine andere Art Nirwana sozusagen. Auf eine Zeit mit so vielen „Stars“ hätte Hesse nur mit noch mehr Rückzug reagiert.
Wenn mich aber doch etwas an ihm irritiert hat, dann, dass seine Figuren nie zu lachen scheinen. Vor meinem inneren Auge haben sie dauernd die Stirn in Falten gelegt, selbst wenn sie schlafen. Selbst wenn sie noch Kinder sind, selbst wenn sie kurz vor der Erleuchtung stehen. Vielleicht war seine trockene Ernsthaftigkeit den religiösen Eltern, vielleicht dem engstirnigen Calw, möglicherweise beidem geschuldet. Dennoch wurde Hesse für mich zu einem Leuchtturm.
Vor über zehn Jahren las ich seinen Demian. Kennen Sie das, wenn eine Geschichte Sie im Mark trifft und Sie eigentlich sofort – wegen dieser einen Geschichte – Ihr Leben umkrempeln wollen? Ja, okay, es wird nichts daraus. Aber etwas hinterlässt es doch: ein unsichtbares Band, eine verschworene Übereinkunft, eine diffuse Solidarität zwischen Autor und Leser.
Was Herrmann Hesse vor fast hundert Jahren schrieb, beruhigte suchende Seelen, nicht nur meine. Niemand konnte innere Welten, Identitätskrisen und versuchte Wege zu jesuitischen Erlösungsgefühlen präziser kartografieren und damit fassbar, verdaubar machen. Er konnte die Weltenseele sezieren und spielend wieder neu zusammensetzen. Das dürfte die Königsklasse des Schreibens sein.
Hesse wurde nicht zufällig a star for a life (und posthum). Er beschäftige sich mit immer aktuellen Fragen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Wer sind wir und wie bekomme ich heraus, was wir hier sollen?
Sein Demian, der Steppenwolf und Siddharta sind Bewusstseinserweiterer. Jeder von ihnen hat diese überwältigende Kraft. Vielleicht habe ich in diesem Winterurlaub deswegen wieder in mein Bücherregal gegriffen und den Demian aufgeschlagen. Hesse war fast immer „offline“, meist irgendwo in der Natur. Sicher, das war früher auch besser praktizierbar. Heute hat man eher das Gefühl, dass man kurz überprüfen muss, ob man überhaupt existiert, wenn man länger keine Posts geschrieben hat. Ja, was hätte Hesse heute empfunden, was hätte er im Jahr 2016 geschrieben?
Fest steht, dass er versuchte sich „von Stufe zu Stufe“ zu entwickeln. Durch seine Romane kristallisiert sich ein zentraler Gedanke heraus: Es gibt nur ein Universum, in das es sich lohnt, abzutauchen – man selbst. Immer wieder und immer wieder aus einem anderen Einfallstor, sich selbst überraschend. Quadraturen der Kreise produzierend. Man wird darin umkommen. Was sonst? Aber was, wenn es ein Umkommen, ein Sich-Verlieren wäre, wie bei Hesse? Vielleicht hat er dieses Ich nie gefunden, vielleicht auch bald nicht mehr finden wollen. Aber der Weg dahin hat ihn ein Leben lang getragen und geschützt vor der diffusen, meist im Gleichschritt laufenden Außenwelt. Er hat sich nicht von ihr mitreißen lassen, die Fersen fest in den Boden gerammt.
Es ist alles nur ein Versuch … schrieb Hesse. Man darf also alles versuchen. Man darf fragen, wo eigentlich der Punkt war, an dem die äußeren Fortschritte sich vom seelischem Unterbau der Welt abkoppelten. Vielleicht hilft es, um dort wieder anzuknüpfen. Andernfalls werden gewisse Fragen nicht zu klären sein: Wie zum Beispiel konnte sich ein gesellschaftlicher Konsens bilden, dass man sich in einer immer substanzloseren Effektivitätsgegenwart verlieren will? Hesse war es geglückt, die eigenen Schneckenhäuser immer mitzunehmen und eben nicht mit einer billigen Arschbombe johlend ins Nirwana zu springen. Er beherrschte den Tango des Lebens. Wir sollten es vielleicht ab und an auch versuchen, und sei es mit zwei linken Füßen.

Terror – das Medienereignis

Terror – das Medienereignis

Von B. Stipetic

New York, London, Madrid, Paris, Brüssel. Auch vor New York gab es Terroranschläge und Brüssel war nicht der letzte. Wir sind entsetzt, wir fühlen uns hilflos und keiner hat auch nur ansatzweise ein Rezept, wie man das beenden könnte.
Als heute morgen die Nachrichten aus Brüssel eintickerten, dann die ersten Bilder, die ersten Videos, musste ich irgendwann an eine Szene aus dem Film „Ausnahmezustand“ denken. Da hat eine Gruppe Terroristen einen Bus gekapert und es passiert zunächst nichts. Es werden keine Forderungen gestellt, keine Drohungen ausgestoßen. Bis einer der Ermittler plötzlich begreift: „Sie warten auf die TV-Kameras“.
So ähnlich ist es mit der Mehrzahl der Terrorangriffe, die Europa treffen. Das Ziel ist weniger, möglichst viele Menschen in den Tod zu bomben, sondern uns zu zeigen, wie verletzbar wir sind, wie sehr wir uns von der Angst beherrschen lassen. Und unsere Medien spielen diesen Absichten in die Hände.
Keine Nachricht ist in diesem Zusammenhang zu banal, um nicht zur Schlagzeile zu werden: Bundespolizei verstärkt Präsenz an Flughäfen und Grenzen, Deutsche Bahn stellt Zugverkehr nach Brüssel ein.
Flankiert von nützlichem Ratgeberwissen: Was die Anschläge in Brüssel für Reisende bedeuten. So rüstet sich Europa gegen den Terror.
Den ganzen Vormittag wurde gemeldet, dass es nun zehn oder doch elf Tote am Flughafen gab, obwohl beide Zahlen sich vermutlich spätestens am Abend leider als falsch erweisen werden.
Terrorangriffe sind zu medialen Ereignissen geworden. Jede Online-Zeitung hat Newsticker, im Fernsehen kommen Sondersendungen am laufenden Band. Dabei gibt es nicht wirklich mehr zu berichten, als das, was bereits am Morgen bekannt war: Es gab einen Terroranschlag und es gab Tote und Verletzte. Der Neuigkeitengehalt der ganzen Artikel und Sondersendungen ist minimal. Wir werden in die Hysterie „genewst“. Und wir geben den Terroristen genau das, was sie wollen, wir bestätigen sie mit Schlagzeilen wie: Angriff auf Europa. Belgien ist bis ins Mark getroffen. Der Terror trifft das Machtzentrum der EU. Wieder ins Herz.
Kurz gesagt: Sie haben ihr Ziel erreicht.
Unsere Berichterstattung folgt einer bekannten und berechenbaren Choreographie, die einen Sog nach allen Seiten entwickelt. Das Ereignis wird dramatisiert, obwohl das Drama längst geschehen ist. Wenn man sich dem nicht bewusst entgegenstemmt, ist man als Leser versucht, alle Viertelstunde die Nachrichtenseiten zu aktualisieren und in einem der Newsticker nachzuschauen, ob es nicht doch eine unerwartete Entwicklung gibt. Denn genau diese Dringlichkeit wird durch die Art der Berichterstattung suggeriert: Bleibt dran, es könnte noch mehr passieren.
Die Krönung sind für mich die Bilder und das Filmmaterial. Ich kann mich gut erinnern, wie nach den Anschlägen von Paris eine Kamera stundenlang auf die Straße gerichtet war, in der das Bataclan steht. Es war nicht wirklich etwas zu sehen außer Polizeifahrzeugen, die die Straße absperrten, und Polizisten, die hin- und herliefen. Worauf hat die Kamera gewartet? Auf die ersten Toten und Verletzten, die aus dem Theater getragen werden? Darauf, dass alles live in die Luft fliegt? Was hilft es uns, solche Bilder zu sehen? Dient das unserer Information? Sind wir dann besser vorbereitet, wenn es uns in Berlin oder Frankfurt oder München erwischt? Wozu brauchen wir verwackelte Amateurvideos aus Brüssel: Momente nach den Explosionen. Ich habe es mir nicht angeschaut. Ich bin entsetzt genug. Wenn ich mir aber vorstelle, dass die Drahtzieher der Anschläge und geistigen Brandstifter die Bilder von Menschen sehen, die in Panik sind, die bluten und weinen, Bilder von vermummten Polizisten, die in Brüssel alles Mögliche absperren und sichern, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, wie zufrieden sie lächeln und sich daran aufgeilen, wie erfolgreich auch dieser Anschlag war. Dann planen sie genüsslich den nächsten, und ein Puzzleteilchen in ihrer Planung ist unsere Berichterstattung.

Flüchtlingskrise – Münchhausen by proxy

Flüchtlingskrise – Münchhausen by proxy

von B. Stipetic

Die Tatsache, dass eine unvorstellbare Anzahl an Flüchtlingen vor den Toren Europas unter menschenunwürdigen Bedingungen kampiert, begreifen wir noch immer als unsere Krise. Von der Politik wird hektisch agiert und reagiert, in einer Rhetorik, die den Krisenzustand zum Ausnahmezustand erhebt: Obergrenzen, Transitzonen, Kontingente, Schießbefehl. Währenddessen wird das besorgte Wahlvolk zusehends hysterisch: Islamisierung, importierter Terror und überhaupt und ganz allegemein: der kurz bevorstehende Untergang des Abendlandes.
Gefühlt hundert Prozent aller Talkshows und Politikrunden beschäftigen sich mit dieser Krise, bzw. deren Symptomen, ohne bisher auch nur ein wenig Struktur in die Debatte gebracht zu haben, geschweige denn wirkliche Lösungsansätze. Nur hin und wieder kommt der zaghafte Hinweis, diese Krise müsste an ihren Wurzeln bekämpft werden. In schöner Regelmäßigkeit wird eine Vertiefung dieser Redebeiträge von den Moderatoren der Talkshows abgeblockt, ja, ja, natürlich sei das so, aber es würde doch den Rahmen der Sendung sprengen, darüber weiter zu reden, und schließlich rede man ohnehin gerade über etwas anderes, Köln, die AfD, Integration, Kriminalität oder was sonst noch in den Flüchtlingstopf passt.
Die Flüchtlingskrise hat für uns ihren Ursprung und ihr herbeigesehntes Ende dort, wo Europa anfängt, bzw. aufhört – in Griechenland und der Türkei. Ein anschauliches Beispiel hierfür lieferte der Kanzleramtschef Peter Altmeier in der Sendung Hart aber fair vom 14. März. Herr Altmeier sieht auch den Bedarf, die Flüchtlingskrise an ihren Wurzeln zu bekämpfen, indem man zum Beispiel in den Flüchtlingslagern die Essensrationen erhöht und mehr Geld in die Ausstattung investiert. Ich finde nicht, dass man Politikern aus einem dahingesagten Satz gleich einen Strick drehen muss, aber manchmal sind dahingesagte Sätze entlarvend. Die Flüchtlinge sind erst dann eine Krise, wenn sie bis zu unserer Haustür vordringen. Machen wir es ihnen also etwas kuscheliger in der Türkei, geben wir ihnen zu essen, Unterkünfte und sanitäre Einrichtungen, die im Fernsehen nicht ganz so erbärmlich erscheinen, und sie werden uns nicht weiter behelligen.
Das sind aber nicht die Wurzeln der Flüchtlingsströme. Denn nicht wir stecken in der Krise, sondern die Flüchtlinge. Um das zu begreifen, genügt eine Minute innere Einkehr und Ehrlichkeit, man braucht dazu weder Bilder aus Idomeni noch Talkshows über die Verhandlungen der EU mit der Türkei. Die Flüchtlinge sind es, die in diesen Monaten die schwerste Krise ihres Lebens durchmachen, nicht wir. Weil die Länder, aus denen sie kommen, sich in der Krise befinden. Und genau hier finden sich die Wurzeln der Probleme. Die Menschen strömen nicht nach Europa, weil Frau Merkel sie eingeladen hat. Die Menschen strömen nach Europa, weil in ihren Herkunftsländern Krieg herrscht, weil geschossen und gebombt wird, auch mit deutschen Waffen. Weil Diktatoren an der Macht sind, die andere Meinungen gewaltsam unterbinden, unter anderem mit Waffen aus EU-Ländern.
Deutschland ist der fünftgrößte Waffenexporteur der Welt. Mit an der Spitze unserer „Kunden“ steht Saudi-Arabien. Den größten Teil der Waffen exportieren wir an NATO-Länder, die wiederum einen großen Teil ihrer Waffenerzeugnisse in Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas liefern. Ist es so abwegig, hier eine Verbindung zu sehen? Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat es beim Namen genannt: Wir verteidigen am Hindukush nicht die Demokratie, sondern unsere Wirtschaftsinteressen.
Wir sind bereit, junge Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan zu schicken, nehmen billigend in Kauf, dass sie dabei ums Leben kommen, weil wir dort wirtschaftliche Interessen haben. Wir sind aber nicht bereit, Menschen ins Land zu lassen, die vor Zuständen, die wir mitverantworten, fliehen.
Diese Menschen stürzen uns angeblich in eine Krise, weil sie nicht in dem Saustall, den wir mit anrichten, leben wollen. Wir zeigen Verständnis, zum Teil sogar Anerkennung, für den ungarischen Präsidenten Orban, weil er Zäune errichtet. Ungarn ist zwar sicher kein großer Waffenexporteur, doch Ungarn hat gut profitiert von dem Geld, das Deutschland, Frankreich oder Großbritannien mit Waffenverkäufen erwirtschaften. Ebenso wie Polen, Kroatien oder Tschechien.
Nein, wir sind nicht schuld an den Krisen im Nahen Osten oder an den Regimen in Nordafrika. Wir verursachen diese Krisen nicht, aber wir befeuern sie, und wenn das Folgen hat, wollen wir es nicht wahrhaben. Statt uns und unsere Politik zu hinterfragen, entdecken wir plötzlich wieder unsere Werte und eine Leitkultur, deren Inhalt immer schwammiger und nebulöser wird.
Wir machen uns eine Krise zu eigen, die nicht unsere ist, und verlangen dann nach Lösungen, die nur irgendwelche Symptome behandeln, und zwar eingebildete.

[Laut Wikipedia bezeichnet Münchhausen bx proxy das Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, um anschließend die medizinische Behandlung zu verlangen.]

Randnotiz: Wahl der Köpfe

Randnotiz: Wahl der Köpfe

von B. Stipetic

In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt wurde gewählt. Unter Volldampf sozusagen, mit einer richtig hohen Wahlbeteiligung. Analysiert wurde auch schon: In BW wählte ungefähr jeder Siebte, in RP jeder Sechste und in SA jeder Vierte die AfD. Woher die AfD-Wähler kommen, wen sie vorher gewählt haben, und überhaupt die Afd waren in den Analysen ein Riesenthema. Viel interessanter fand ich die immer wieder zu hörende Feststellung, es sei, zumindest in BW und RP eine Personenwahl gewesen. Der charismatische Kretschmann und die menschelnde Dreyer. Man sah ihren Erfolg darin begründet, dass sie nicht nach rechts geschielt, sondern den Kurs von Kanzlerin Merkel sogar unterstützt hätten. In einigen Sendungen nach der Wahl wurde die Frage aufgeworfen, ob wir gerade das immer dringender brauchen: starke Persönlichkeiten mit Rückgrat. Wer wollte da widersprechen. Auch ich finde Menschen gut, die zu ihrer Meinung stehen und sich nicht drehen wie das sprichwörtliche Fähnchen im Wind. Aber gerade deshalb finde ich es auch ein wenig gruselig. Denn so etwas geht natürlich nur solange gut, wie die starken Köpfe auch meinen Vorstellungen entsprechen. Bringt man den Ruf nach Politikerpersönlichkeit in Verbindung mit den Wahlergebnissen der AfD grusle ich mich noch mehr.
Es ist wesentlich leichter ein mieses Parteiprogramm hinter einer charismatischen Persönlichkeit zu verstecken, als ein gutes Parteiprogramm durch blasse Persönlichkeiten ans Wahlvolk zu bringen. Nichts gegen Dreyer und Kretschmann, sogar Merkel ist mir zur Zeit sympathisch, aber es passiert schnell, dass eine charismatische Persönlichkeit auftaucht, die für ein Programm steht, das so gar nicht in meine Vorstellung von Deutschland passt.
Man stelle sich vor, der kläffende Terrier, der der AfD voransteht, würde ersetzt durch eine charismatische Dame oder einen geschmeidigen Herrn, die nicht nur die AfD einen und hetzerische Auswüchse innerhalb der Partei unterbinden können, sondern der AfD ein menschelndes Gesicht geben und manche Kritik im Keim ersticken. Jemand, der rhetorisch begabt ist und nach außen hin zum Beispiel einen multikulti- oder grünen Lebensstil pflegt. Der einzige Trost ist, dass es so jemand wahrscheinlich innerhalb der Afd nicht weit bringen würde.
Dennoch, Köpfe mögen gut sein, gute Programme sind besser.

Wie unter einer Käseglocke – Interview mit Jurica Pavicic

Jurica Pavicic ist Schriftsteller und Filmkritiker. Er lehrt an der Universität Split, schreibt Erzählungen und Romane und seine Artikel erscheinen regelmäßig in der kroatischen Presse. 2004 lief die Verfilmung seines Buches „Ovce od gipsa“ unter dem Titel „Die Zeugen“ im Berlinale Wettbewerb. Ich treffe ihn in einem Café am Potsdamer Platz.

RED: Hast du eine sentimentale Beziehung zur Berlinale?

PAVICIC: Ja. Es ist immerhin das einzige Festival, bei dem ich als Autor präsent war. Aber die Berlinale ist mir auch das liebste große Filmfestival. Du musst dir das so verstellen. Wir alle, die wir diese Presseausweise oder irgendwelche VIP-Ausweise tragen, sind auf solchen Festivals in der Regel wie unter einer Käseglocke. In Cannes oder Venedig kommst du mit dem Publikum praktisch nicht in Berührung. Du lebst in einer Parallelwelt. Ich glaube, wenn eine Atombombe vom Himmel fiele, würdest du es erst drei Tage später erfahren.
Das Schöne in Berlin ist, dass du zwar auf einem Festival bist, doch du musst nur zwei Querstraßen weitergehen und schon bist du wieder in der wirklichen Welt. Und außerdem schaust du dir die Filme zusammen mit dem Publikum an. Das ist untypisch für ein großes Festival.

RED: Seit 2004 kommst du jedes Jahr zur Berlinale. Das sind immerhin mehr als zehn Jahre. Hast du in dieser Zeit eine Entwicklung bzw. eine Veränderung des Festivals bemerkt?

PAVICIC: Insgesamt hat sich die Anwesenheit Hollywoods verringert. Das liegt aber an der Verteilung der anderen wichtigen Film-Events. Früher war Berlin prädestiniert für die europäische Premiere amerikanischer Filme, die für den Oskar vorgesehen waren. Inzwischen ist das anders. In Kroatien beispielsweise laufen alle oskar-nominierten Filme bereits zwei Wochen vor der Berlinale. Dieser ganze Film-Event-Kalender hat sich verschoben, das ist zum Nachteil der Berlinale. Um das Festival aber dennoch attraktiv zu halten, laufen oft B-Filme, die aber mit bekannten Schauspielern besetzt sind. Das schadet der Qualität und ich halte das für einen Fehler.

RED: Gibt es auch Dinge, die gleichbleibend gut sind?

PAVICIC: Was ich aus kroatischer Sicht bemerkenswert finde, ist die kontinuierliche Präsenz von südosteuropäischen Filmen. Hier laufen immer russische Filme, oder polnische. Dieses Jahr habe ich zwei gute tschechische Filme gesehen, einen ungarischen. In Cannes oder Venedig gibt es kaum Filme aus Südosteuropa. Da wirst du Filme aus den USA, Frankreich, Südamerike, Asien finden. Südosteuropa war interessant, als es noch den Kalten Krieg gab. Seitdem ist diese Region aus den Wettbewerben verschwunden. Außer eben in Berlin. Das liegt an der historischen Rolle Berlins oder aber an den vielen Migranten aus diesen Ländern, so dass auch das entsprechende interessierte Publikum da ist. Das hört man wenn man in den Vorführungen sitzt. Dann wird um einen herum z.B. plötzlich Polnisch gesprochen. Die wollen alle sehen, was in der alten Heimat so gedreht wird. Berlin ist wirklich das einzige Festival, wo du dir einen Überblick verschaffen kannst, was filmisch gesehen in Südosteuropa so los ist.

RED: Welche Filme haben dir dieses Jahr am besten gefallen?

PAVICIC: Der tunesische Film „Hedi“. Der kam auch beim Publikum gut an. Ebenso „Fuocoammare“. Und der portugiesische Beitrag „Cartas da guerra“ hat mir auch sehr gefallen.

RED: Erkennst du einen Bezug der diesjährigen Wettbewerbsbeiträge zu Themen, die uns aktuell beschäftigen?

PAVICIC: Schon. Allerdings muss man immer berücksichtigen, dass der Entstehungsprozess eines Films relativ lang ist. Ein Film kann also nur den Gesisteszustand wiedergeben, der bei seiner Entstehung aktuell war. Das bringe ich meinen Studenten immer bei. Wenn sie über Prozesse nachdenken und die Poetik des Films, dass sie dann immer einige Jahre im Voraus denken müssen.
Es gibt schon viele Filme, die sich mit dem Islam beschäftigen, der Familie, den Familienstrukturen in islamisch geprägten Ländern. Emigration ist ein Thema, aber das ist eigentlich seit zehn Jahren ein Dauerthema im europäischen Film.

RED: Wie sieht es dieses Jahr mit Beiträgen aus Ex-YU aus?

PAVICIC: Dieses Jahr sind ein kroatischer und zwei serbische Filme zu sehen. Und im Wettbewerb natürlich der bosnische. Am besten gefällt mir davon der serbische Dokumentarfilm „Dubina dva / Depth Two“. Das ist ein ganz hervorragender Film. Sehr experimentell. Es geht um Kriegsverbrechen im Kosovo. Der Regisseur Ognjen Glavonic arbeitet mit Tonaufnahmen der Gerichtsverfahren in Den Haag. Diese Zeugenaussagen unterlegt er mit Bildern der Schauplätze aus der Gegenwart. Das ist sehr eindrücklich.

RED: Du hast gerade eben in Kroatien erlebt, dass zum zweiten Mal eine literarische Vorlage von dir filmisch umgesetzt wurde. 2004 war es dein Roman “Ovce od gipsa”. Und nun ist aus deiner Erzählung „Patrola na cesti“ eine fünfteilige Serie fürs kroatische Fernsehen entstanden. Wie war das? Hattest du Mitspracherecht?

PAVICIC: Ich werde in beiden Drehbüchern als Co-Autor genannt. Beide Projekte sind aber unterschiedlich abgelaufen. Mit Bresan habe ich eine Zeit lang zusammengearbeitet, doch ab einem gewissen Moment hat er eine Richtung eingeschlagen, die nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach. Ich habe ihn dann einfach machen lassen. Ich empfinde mich nicht unbedingt als Co-Autor des Drehbuchs. Trotzdem finde ich den Film gut, er hat ja auch Preise gewonnen. Bei der Serie ist es anders. Das Fernsehen orientiert sich viel mehr am Autor. Da war ich wesentlich näher am Entstehungsprozess beteiligt. Natürlich kommt es während des Drehs zu Veränderungen. Dinge werden rausgeschmissen, Dialoge verändern sich, die Struktur wird angepasst. Aber das ist trotzdem viel näher an dem, wie ich es ursprünglich geschrieben habe.

RED: Ist es dir im ersten Fall schwer gefallen, loszulassen?

PAVICIC: Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig zynisch an, aber wenn der Film ein Misserfolg geworden wäre, hätte ich es bedauert, weil dann das Buch als Filmstoff sozusagen verbrannt gewesen wäre, ohne den Erfolg, den er verdient. Aber nun war der Film ein Erfolg und da wäre es unangebracht, sich irgendwie zu beschweren. Letztendlich kennen mehr Menschen den Film als das Buch.

RED: Mich interessiert trotzdem nochmal dieser ganz spezielle Moment, als du gesagt hast, “dann mach doch, was du willst”. Wie schwer ist dir der Satz über die Lippen gekommen?

PAVICIC: Nein, es war wirklich nicht so schwerig. Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Film und da funktioniert das eben so. Ich weiß, dass das vielen Autoren sehr schwer fällt. Aber da ich mit einem Bein in der Literatur und mit dem anderen im Film stehe, nehme ich das als gegeben hin.

RED: BEi der Serie war es dann anders?

PAVICIC: Ja, da hatte ich als Autor eine wesentlich größere Autonomie. Außerdem spielt in diesem Bereich der Produzent eine sehr wichtige Rolle. Es war im Grunde eine richtig gute Team-Arbeit, mit vielen Besprechungen. Eine Zeitlang bin ich jeden Montag von Split mach Zagreb geflogen, um Szenen und Details zu besprechen. Beim Fernsehen ist auch der Zeitdruck viel größer.

RED: Würdest du gern selber mal einen Film drehen?

PAVICIC: Nein. Als Regisseur musst du dauernd mit den Leuten reden und ihnen erklären, was du willst. Und dann musst du ihnen ständig sagen, dass es nicht gut war und sie die Szene nochmal spielen müssen. Ich bin ein Mensch, der zwischen seinen eigenen vier Wänden funktioniert. Das meine ich natürlich nur auf die Arbeit bezogen. Ansonsten gehe ich schon gerne unter Menschen. Was mir auch gegen den Strich geht, ist das Tempo. Beim Film läuft es immer erst sehr gemächlich an, um dann in einer bestimmten Phase zum Stress pur zu werden. Unter solchen Bedingungen funtioniere ich nicht so gut.

RED: In Amerika und in Deutschland erleben Fernsehserien seit einiger Zeit ein Revival. Wie ist das in Kroatien?

PAVICIC: Ja ich weiß schon, das goldene Zeitalter der Fernsehserien. Ich sehe das auch so. In Kroatien hat man das auch erkannt und das setzt die kroatischen Fernsehmacher unter Druck. Die Leute verlangen weniger Soaps und Sitcoms und mehr Qualität. Das kroatische Fernsehen hat reagiert und einen Versuch gewagt. Einige Leute sehen in unserer Serie den ersten Output. Der serbische Filmkritiker und Drehbuchautor Dimitrije Vojnov schrieb, die Serie sei die erste in ganz Ex-Yu, die den modernen Fernsehstandards, wie HBO sie vorgibt, entspreche. Und ich hoffe, dass wir mit dieser Serie einen neuen Standard auch für das kroatische Fernsehen definieren.

RED: Ist die Serie nur in Kroatien zu sehen?

PAVICIC: Erst mal ja. Ich weiß nicht, ob sie auch an serbische oder bosnische Sender verkauft wird. Aber man kann sie in der Mediathek von HRT sehen und soweit ich weiß, sind alle Folgen auch bei Youtube eingestellt.

RED: Bei Youtube? Legal oder illegal?

PAVICIC: Ich fürchte illegal. In diesem speziellen Fall finde ich es ok. Ich freue mich, wenn möglichst viele sich die Folgen anschauen. Und die Leute haben die Produktion über ihre Fernsehgebühren ja bezahlt. Dann sollen sie sie auch anschauen. Ich glaube der Sender duldet das auch stillschweigend, weil die Serie nicht nur als Erfolg im Sinne von Zuschauerzahlen geplant war, sondern auch als Prestigeprojekt, um zu zeigen, dass das kroatische Fernsehen auch hochwertige Spannung produzieren kann.

RED: Schaust du dir die amerikanischen Serien an? Und welche gefällt die am beste?

PAVICIC: Ich mag „The Wire“. Überhaupt alles, was David Simon gemacht hat, auch “Treme”. Er ist für mich der Balzac des 21. Jahrhunderts. Ich mag auch „Killing“, „Fargo“, die dänischen Serien finde ich auch gut. Auch die erste Staffel von „True Detective“ war gut, obwohl ich das Ende nicht ganz gelungen fand. Es gibt übrigens einen grundsätzlichen Unterschied in der Rezeption von Büchern und Serien. Wenn du ein Buch schreibst, dann lesen es die Leute zu Ende und sagen dir dann ihre Meinung, bzw. kannst du in der Zeitung Rezensionen dazu lesen. Bei einer Serie hingegen findet die Meinungsbildung nach der ersten Folge statt. Stell dir mal vor, unsere Bücher würden nach dem ersten Kapitel rezensiert. Das finde ich wirklich interessant. Nach der ersten Folge sind die Rezensionen da und bleiben als kulturelle Spur zurück, auch wenn die Serie erst danach in Fahrt und irgendwann zu einem Ende kommt. Wen also interessiert das verkorkste Ende von „True Detective“? In einem Buch kannst du dir das nicht erlauben.

Anm. der Interviewerin: Nach dem Interview stehen wir noch eine Weile vor dem Café und Jurica Pavicic vertauscht unsere Rollen. Er befragt mich über Berlin, über Ost und West, und irgendwie kommen wir auf die „kulturellen Spuren“ zurück, die die Geschichte in einer Stadt hinterlässt. Ich erzähle ihm von einem Bild, das ich einmal gesehen habe, das Berlin bei Nacht zeigt, aus dem Weltall. Da sieht man die Grenze zwischen Ost und West, weil für die Straßenlaternen noch immer unterschiedliche Leuchtmittel eingesetzt werden, so dass die eine Hälfte der Stadt bei Nacht gelblich und die andere milchig leuchtet. Pavicic nickt und agt dann: “Bei uns sind es die Gullideckel. Alle Spuren des sozialistischen Staates hat man getilgt. Aber die Gullideckel, mit der Aufschrift von damals, die sind geblieben, überall im Land.“

Miljenko Jergovic: Angst

„Wer im Zustand der Angst lebt, der Schuld, der ständigen Angst vor der Angst, ohne die Augen schließen und Erlösung empfinden zu können, und dabei arbeiten, lachen und sich unterhalten muss, der lebt wie ich und muss damit in unserer Welt zurecht kommen.“ Das schrieb Ivo Andrić in “Wegzeichen“, einem Buch, an dem er zeit seines Lebens arbeitete. Auch wenn es anders klingt, liegt in  Andrićs Worten mehr Wahrheit als Selbstmitleid, der schlimmste Feind des Menschen – schlimmer noch als die Angst.
Würde sich jeder von uns zur Jahreswende, zwischen dem katholischen und dem orthodoxen Weihnachtsfest, fragen, wovor er sich die vergangenen 365 Tage gefürchtet hat, käme dabei eine lange Liste heraus. Im vergangenen Jahr waren die Ängste zahlreicher als die Schäfchen, die wir zum Einschlafen zählen. Einige davon sind riesig und lassen sich durch nichts besänftigen, andere so winzig, dass man sie leicht vergisst, sie vergehen von allein, auch wenn ihre Ursache bleibt, nur dass sie uns keine Angst mehr macht. Genauer gesagt: nicht uns, sondern mir.
Ängste sind zunächst individuell, persönlich und einzigartig, nicht kollektiv. Die Angst des anderen ist uns in der Regel egal. Wir teilen sie nicht. Wir denken, ach, mit dieser Angst ließe sich leicht leben.
Meine Ängste, auch die winzigen, sind schrecklich. So schrecklich, dass ich sie gar nicht benennen will. Denn wem ich sie offenbare, dem lege ich meine Seele in die Hände. Das ist gefährlich, denn derjenige könnte meine Angst ausnutzen. Das ist eine der größten Ängste überhaupt.
Psychotherapeuten wurden erfunden, um uns von unseren Ängsten zu befreien. Das ist ihre oberste Pflicht, die Basis ihrer Arbeit. Dem Psychotherapeuten vertraut man seelenruhig seine Angst an, in der Gewissheit, dass er keinen Vorteil daraus zieht. An erster Stelle der Psychotherapeuten stehen die Pfarrer im Beichtstuhl: Der grundlegende Gedanke hinter dem Beichtgeheimnis ist die von Gott und der Kirche gegebene Garantie, dass dein Beichtvater, deine Angst nicht ausnutzen wird. Religionen, die keine Beichte kennen, das Judentum und der Islam, sind viel strenger und kategorischer. Sie erwarten von den Menschen, alleine mit ihrer Angst zurecht zu kommen. Oder aber, sie nehmen sich des Problems äußerst gründlich an. Es ist nicht verwunderlich, dass Freud Jude war, genauso wie die meisten Väter, Onkel und Tanten der Psychoanalyse. Ebenso wenig, dass der Psychiater, der Shrink in amerikanischen Filmen und Serien, einer merkwürdigen Regel folgend Jude ist.

2015 hatte ich Angst vor dem Tod, vor Krankheit, dem Mob und dem zivilisatorischen Zerfall unserer Gesellschaft. Diese Ängste gestehe ich unumwunden ein, weil sie typisch sind. Ich teile sie mit den meisten Menschen, und keiner außer einem talentierten Psychopathen oder einem Autor von Horror-Romanen wird daraus ein Drama machen. Eine Angst, die wir wie ein Verhungernder seinen letzten Kanten Brot mit anderen teilen, verliert ihren Schrecken. Auch wenn unsere Angst natürlich größer ist als die der anderen, die entweder dümmer oder mutiger sind als wir.
Über meine anderen Ängste kann ich nicht so offen sprechen. Man kann ihnen in meinen Büchern nachspüren, in meinen Prosatexten und Gedichten aus dem Jahr 2015. Das ist der Exhibitionismus des Schriftstellers: Er wird auch seine Ängste offenbaren, wenn es ihm nützt. Er wird seine Seele verkaufen und sich auch noch freuen, wenn sich irgendein Mistkerl daran festbeißt, denn das wäre ein schlagender Beweis, dass derjenige das Buch gelesen hat.

Die effizienteste und leichteste, aber auch gefährlichste Methode, sich seiner Ängste zu entledigen, ist die Erfindung von Scheinängsten. Echte Ängste sind immer individuell. Selbst wenn wir sie mit anderen teilen – wie etwa die Angst vor dem Tod – gehören sie doch nur uns, dem einen unvergleichlichen Ich, dem gegenüber alles andere nur Schein und Illusion ist. Und das Wir ist natürlich die beste Illusion.
Kollektive Ängste sind immer Scheinängste. Sofern es sich nicht um konstitutive und allgemein menschliche Ängste handelt, erfasst uns ein angenehmes Schaudern, wenn wir sie mit der Mehrheit unserer Landsleute, Glaubensbrüder, Mitbürger teilen. Anbieter von Ängsten sind Internetplattformen, das Fernsehen und die Presse. Es versetzt unsere Seele in einen Zustand der Glückseligkeit, wenn wir bei ihrem Angebot zugreifen. Für den Einzelnen gibt es kein größeres Glück als eine Scheinapokalypse, die Ankündigung des Weltuntergangs unter der Regie eines versierten Verschwörungstheoretikers wie z.B. William Engdahl. Wenn der sich unseres Planeten annimmt, schürt er eine Angst, die jede wirkliche Angst harmlos erscheinen lässt. Wer vor ungefähr zehn Jahren Engdahls Hard- oder Softcover-Verschwörung über die Ölindustrie auch nur durchgeblättert hat, der fürchtete hinterher kein Wasser und kein Feuer, weder Finsternis noch Zahnarzt. Er war gewappnet fürs Leben wie ein IS-Kämpfer.

Ganz oben auf der aktuellen Liste der um sich greifenden Scheinängste, der kollektiven Phobien, die uns von dem heilen, was uns wirklich ängstigt, steht die Angst vor syrischen Flüchtlingen. Ihre größte Wirkung entfaltet sie unter Regierungen, Polizei, Armee und hypnotisierten Bürgern der Staaten, die auf der Reiseroute der Flüchtlinge liegen: Ungarn, Slowenien, Tschechien, Slowakei, Polen – alles osteuropäische postkommunistische Staaten. Die Unglücksraben, die aus dem Osten in diese Staaten kommen, gehören zu einer der ältesten modernen arabischen Nationen, sind Semiten, oft Atheisten, Bürger eines arabischen und islamischen Staates mit vorbildlicher Trennung von Kirche und Staat, der sich lange Jahre auf der Grundlage einer merkwürdigen Mischung aus Folklore und Tradition, Marxismus und wissenschaftlichem Sozialismus entwickelte und gedieh. Sie hatten nie die Absicht, sich in den ehemaligen Bastionen des sowjetischen und titoistischen Sozialismus niederzulassen – doch je mehr von ihnen durch Ungarn, Kroatien, Slowenien oder auf Umwegen durch Tschechien, die Slowakei und Polen reisten, desto größer wurde die Angst der Massen und umso bildgewaltiger die Phantasien der Anführer des Volkes von einer Arabisierung und Islamisierung ihrer ethnisch und konfessionell porentief reinen Länder. Schließlich wurden Mauern errichtet mit Stacheldraht und Wachtürmen, die an Konzentrationslager aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, oder, wie etwa an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien, provisorische Absperrungen aus NATO-Draht, die zum Tod von Rehen, Dachsen und Hasen führen. Es wurde ein perfekter Rahmen geschaffen für die Aufzucht und genetische Modifizierung der kollektiven Angst.

An zweiter Stelle steht die Islamophobie im Allgemeinen. Während die erste Scheinphobie als emotionalen und geistigen Treibstoff immerhin noch die Flüchtlinge braucht, genügt der Islamophobie der Fernsehbildschirm. Und auf diesem war Ende 2014 und 2015 zu sehen: die Enthauptung von Menschen in orangefarbenen Overalls, europäischen Mitbürgern, mit denen wir in Christus verbunden sind. Umgebracht an den fernen Stränden des östlichen und südlichen Mittelmeers, in den Wüsten und Einöden des Nahen Ostens. Durch die Wunder der Fernsehübertragung, die Illusion des Internets und die autosuggestive Kraft der Angst wurden sie zu festen Bestandteilen unserer Wohnräume. Der IS lebt und erweitert sein Herrschaftsgebiet bis in unsere halbdunklen Treppenhäuser, unsere schlecht beleuchteten Flure und Badezimmern. Der IS beherrscht unsere Träume, okkupiert unsere Phantasie und Erinnerung. Auf einmal fügt sich alles ein in die große Geschichte der Zivilisation, in eine Angst, die größer und umfassender ist als unsere kleinen Sprach- und Kulturgemeinschaften, die durch Zeit und Raum fließt und die letzten tausend Jahren zu einer Konfrontation zwischen unserer und ihrer Welt reduziert.
Was wir im vergangenen Jahr über Muslime, ihre Kultur und Zivilisation, ihren Glauben dachten und fühlten, unterscheidet sich radikal von dem, was wir ein Jahr, zehn oder fünfzig Jahre zuvor über sie dachten und ihnen gegenüber empfanden. In der Zwischenzeit hat sich etwas verändert, dessen wir uns nicht bewusst sind. Wir denken, es sei schon immer so gewesen, und dass unsere Angst vor dem Islam und einer Islamisierung unseres Lebens ein natürlicher Dauerzustand sei.

Die dritte Pseudophobie ist unsere lokale, kroatische, osteuropäische, kommunistische. Es ist die Phobie vor dem Westen, vor Amerika, dem American Way of Life, der Weltanschauung und dem politisch-militärischen Agieren der Vereinigten Staaten. Nur auf den ersten Blick scheint zwischen dieser Angst und der Angst vor Flüchtlingen und dem Islam ein Widerspruch zu liegen. Schließlich ist die amerikanische Politik ursächlich für die humanitäre, menschliche und zivilisatorische Katastrophe im Nahen und Mittleren Osten und die Vereinigten Staaten sind der Hauptgenerator der globalen Islamophobie. Doch die Dinge liegen anders. All unsere Scheinphobien der vergangenen vier Jahrhunderte waren im Grunde genommen anti-westlich, richteten sich gegen die Errungenschaften der Französischen Revolution, gegen die europäische Aufklärung, die Säkularisierung, die parlamentarische Demokratie. Die Anglophobie – die Angst vor dem wirklichen oder dem metaphorischen Amerika – spielt der Islamophobie in die Hände, sie treten im Paar auf. Schwerlich wird man bei uns einen Christen finden, der sich vor den Muslimen ängstigt, ohne gleichzeitig Hollywood, die CIA, das State Department, den IWF zu fürchten, aber auch beispielsweise Juden, die internationale Bankenlobby, die Freimaurer und was weiß ich.

Es folgen die kollektiven Ängste oder Phobien zweiter Ordnung. Am attraktivsten und am weitesten verbreitet sind die Angst vor der globalen Klimaerwärmung und vor genetisch veränderten Lebensmitteln. Die Dealer der Ängste erster Ordnung sind in der Regel Rechte, was aber keine Voraussetzung ist. Die Dealer von Ängsten zweiter Ordnung sind eher die Linken, obwohl es auch hier zahlreiche Ausnahmen gibt. Natürlich drohen der Welt in ferner Zukunft die Sintflut infolge des Abschmelzens der Polkappen, ein Anstieg der Meerestemperatur, Ozonlöcher, Treibhauseffekt und alles andere, was vor einigen Jahren der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore prophezeite. So, wie uns auch nichts Gutes erwartet, wenn wir Tomaten mit Genen von Seehunden verändern. Doch dazu wird die Welt auch noch bedroht von islamischen Extremisten, amerikanischen Imperialisten und hohlköpfigen Neofaschisten (der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump), und auch unter den syrischen Flüchtlingen findet sich der eine oder andere Psychopath oder zumindest Überträger gefährlicher nahöstlicher Seuchen, zum Beispiel der Pocken. Trotz dieser ganzen Palette an Gefahren, ist es wahrscheinlicher, dass man von einer Straßenbahn überfahren wird oder sich durch den Verzehr von Leberwurst mit einem tödlichen Bakterium infiziert. Wenn man in Europa lebt, geht immer noch eine größere Gefahr von Viktor Orban und Marine Le Pen aus als von Al Bagdadi und seinen Schreihälsen. Leberwurst ist gefährlicher als Donald Trump, ein starkes Erdbeben schlimmer als genetisch veränderte Tomaten.
Warum haben wir dann keine Angst vor Leberwurst und Tomaten?
Die Antwort auf diese Frage ist lebenswichtig: Oh ja, unter uns leben bestimmt Menschen mit panischer Angst vor Tomaten. Zahlreicher sind solche mit Todesangst vor abgelaufenem Haltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln. Aber das sind ihre privaten Ängste, sie betreffen die Mitbewohner, die Verwandtschaft, den Psychiater und den Seelsorger. Der Rest der Welt schert sich nicht um Leberwurst und Tomaten. Bis sich eines Tages vielleicht auch für diese Ängste Dealer finden und sie auf das Niveau kollektiver Empfindungen heben.
Jede Scheinphobie war irgendwann einmal jemandes winzige und harmlose Angst. Oder wurde ganz einfach als Ausdruck eines unanständigen Chauvinismus betrachtet. Was wäre vor zehn Jahren mit jemanden geschehen, der den Islam als böse, verbrecherische Religion bezeichnet hätte, wie es heute Donald Trump tut oder auch erschreckend viele Journalisten, Pfarrer und Bischöfe? Wie hätte vor fünfzig Jahren die Öffentlichkeit eines freien und demokratischen Staates, einer lupenreinen parlamentarischen Demokratie, auf die Entscheidung ihrer Regierung reagiert, das Land mit einer Mauer aus NATO-Draht abzuschotten? Und was wäre aus der Idee eines vereinten Europa geworden, wenn vor nur fünfzehn Jahren Fremde genauso behandelt worden wären wie heute in einigen Teilen des geeinten Europa? Stellen Sie sich Ihre eigenen Eltern, aber auch Großeltern mit den heutigen kollektiven Ängsten vor.

Das Jahr, das hinter uns liegt, war ein Jahr der Angst, so wie die Jahre 1989, 1990, 1991 und 1992 in Europa und der Welt Jahre der Hoffnung waren. Aufgrund besonderer lokaler Umstände haben wir Kroaten die Jahre der Hoffnung ausgelassen, aber wir haben mit den Europäern alle ihre Ängste geteilt. Solange die Idee von Freiheit, Gleichheit und Einheit lebendig war, solange gab es auch Hoffnung. Solange die Osteuropäer an eine bessere Zukunft glaubten, an Wohlstand und Lebensqualität, und solange die Westeuropäer überzeugt waren, dass mit dem Ende des Kalten Krieges eine Zeit des Friedens und der Verständigung angebrochen war, solange lebte man in einer Zeit der Hoffnung. Solange auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer eine positive Idee und Ideologie vorherrschte, um die sich die Gemeinschaft scharen konnte, war Hoffnung berechtigt. Darauf folgten erst Leere und dann Angst. Manchmal erkennen die Menschen den Unterschied zwischen Hoffnung und Angst nicht. Hypnotisiert von der Angst, fühlen sie sich genauso gut wie zu der Zeit als sie von der Hoffnung hypnotisiert waren. Starke und leidenschaftliche kollektiv empfundene Emotionen befreien den Menschen von seinen Alltagssorgen.
Wenn Anführer und ihre Sprachrohre nichts Vernünftiges zu sagen haben, um die Gemeinschaft um sich zu scharen, machen sie den Menschen Angst. Es gibt kein besseres und billigeres Marketinginstrument, als die Angst der Masse zu schüren. Nie laufen die Geschäfte besser als kurz vor dem Jüngsten Gericht. Darauf gehe ich jede Wette ein. Vielleicht erleben wir es auch noch, dann wäre es bewiesen. Am letzten Sonntag vor dem Jüngsten Gericht wird die Konsumfreude größer sein als vor Weihnachten. Die Straßen werden üppiger geschmückt, die Schaufenster glänzender dekoriert sein, und alle werden ihr letztes Geld verpulvern. Hohlköpfige oder ideenlose Politiker, Vladimir Putin oder Barack Obama, sind wie Händler am Vortag des Jüngsten Gerichts. Oder noch besser: wie die Boulevardpresse. Nicht Bildung und Seriosität sind der Tod der Boulevardpresse, wie man gemeinhin annimmt. Der Tod der Boulevardpresse wäre die Hoffnung, dass das Jüngste Gericht und der Weltuntergang in weiter Ferne liegen. Für die kroatische Boulevardpresse zum Beispiel gibt es keine schlimmere Nachricht, als ein unerwarteter Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Das wäre keine Nachricht, sondern eine Anti-Nachricht. Bis sich irgendein Haken findet, etwa eine Absprache noch aus Zeiten unseres ehemaligen Premierministers Ivo Sanader mit der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, derzufolge im Falle eines gestiegenen BIP diejenigen eine Gehaltserhöhung erhalten, denen aus Sicht der Boulevardpresse nie und nimmer eine Gehaltserhöhung zusteht. Das führt dann zu der wunderbaren rettenden Kehrtwende, und der Anstieg des BIP wird nicht nur zu einer schlechten, sondern zu einer katastrophalen Nachricht. Der Anstieg des BIP in Kroatien wird zum Vorboten des Jüngsten Gerichts.

In “Wegzeichen” hat sich Andrić an vielen Stellen mit Angst beschäftigt. Sein ganzes Leben lang hat er sich damit auseinandergesetzt. Dabei war er eigentlich ein sehr mutiger Mann. Schüchtern, verzweifelt, voller Unbehagen und Schuldgefühle, aber mutig. Wäre er anders gewesen, würden wir uns heute weniger mit seinen Überzeugungen und Identitäten beschäftigen. Die Identität des Feiglings ist die der Mehrheit: Immer und in jeder Gesellschaft ist der Feigling Teil der Mehrheit. Er ist niemals ein einsamer, isolierter Einzelner. Feiglinge leben in Frieden mit der Angst. Andrić schrieb: “Die Angst steht im Dienst einer unbekannten Macht, die sie verfolgt wie ein Jäger seine Beute. Ich beobachte die Angst in mir und um mich, und es scheint mir, dass die Menschen nicht vor dem Angst haben, von dem sie denken und sagen, dass es ihnen Angst macht, sondern vor ihrer ureigenen Angst. Diese Angst hockt in ihnen und lauert wie eine hungrige Spinne darauf, dass etwas am Netz der menschlichen Nerven rüttelt. Jede noch so kleine Regung ist ein willkommener Anlass, sich blind darauf zu stürzen. Dann erfüllt die Angst den ganzen Menschen, trübt seine Sinne und seinen Blick, zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, macht aus ihm ein blindes, bewegungsunfähiges Opfer für die unbekannte Macht, die ihn fressen will. Und wenn der Mensch bei diesem Mal nicht unterliegt, zieht sich die Angst in ihm wieder zurück, macht sich klein und unsichtbar und wartet auf den nächsten Anlass.“

Miljenko Jergović, 27.12.2015