Unsere Erinnerungen – unsere Sinne

Wir haben eine ungefähre Geruchs-, und manche haben eine besonders gute Hörerinnerung. Unsere taktile Erinnerung ist schwach. Unsere Gefühlserinnerung viel stärker, doch auch sehr vergänglich, später im Leben häufig nur noch erahnbar in häufig selbstüberraschenden Reaktionen . Die Geschmackserinnerung ist noch vergänglicher. Doch wir leben auch mit der Bilderinnerung. Nichts ist so stark wie sie.
Wir sammeln in unserem Kopf die Erinnerungsbilder unseres Lebens, wenn auch sie mit der Zeit verbleichen. Dieser Vorgang ist nicht gleichförmig, denn einige Bilder bleiben in uns immer präsent. Sie dokumentieren Abschnitte unseres Lebens, aus denen sich der Rückblick auf das Leben ergibt.
Aber sind es wirklich Schnappschüsse, sind es wirklich nur bildliche Erinnerungen, die sich in unserem Kopf befinden? Oder sind es schlichtweg Erinnerungen an Fotos? Es wäre ja möglich, dass wir beides miteinander verwechseln. Dann würden wir uns nur noch erinnern, weil wir mehrfach in unserem Leben auf ein bestimmtes Foto gesehen haben. Und Fotos haben wir lange Zeit für wahr gehalten.
Andererseits – wer hat heute noch haltbare Fotos auf Papier. Bilder haben in den letzten zwanzig Jahren quantitativ und qualitativ zugenommen. Wir hatten noch nie so viele Fotos. Und Fotos hatten noch nie so viel Einfluss auf unsere Gesellschaft wie heute. Auf Politik, Konsum, Leben. Sogar auf Krieg und Frieden. Wir sammeln digital die Fotos unseres Lebens. Wir versuchen, sie zu archivieren. Doch es sind weitaus mehr als früher in ein Fotoalbum passten. Wir suchen eine Systematik, um die Fotos zu erhalten. Und oftmals müssen wir aufgeben, denn es fehlt die Zeit, die Erinnerung an unser Leben im immer schnelleren Fototakt zu erhalten.
Und mit der Vielzahl der Fotos nimmt zusätzlich ihre Vergänglichkeit auf Datenträgern zu. So rapide wie nie zuvor. Auf einem Festplattenlaufwerk sind diese Fotos zwei bis zehn Jahre sicher, auf einer CD-R fünf bis zehn Jahre, auf einem USB-Stick zehn bis dreißig Jahre, auf Fotopapier 150 Jahre. Ein Jugendlicher, der heute sein Leben mit seinem Smartphone dokumentiert, wird wahrscheinlich schon in zehn Jahren keine Fotos aus seiner Jugend mehr besitzen. Das könnte Folgen haben.
Die Konfusion, ob ich mich wirklich an etwas erinnere oder ob ich mich an ein Foto erinnere, würde uns nicht mehr so stark irritieren. Aber wahrscheinlich wird unsere Erinnerung schwächer. Es sei denn, man hätte frühzeitig ein Fotoalbum angelegt. Denn dann könnte man den Kopfbildern etwas hinzufügen, und sich stärker der eigenen Identität bewusst sein. Denn darum geht es uns doch. Wir wollen doch wissen, wer wir sind, und warum wir so geworden sind.

Erzählende Fotos

Vor kurzem hatte ich das Glück, mir in Birma über dem Tal der tausend Pagoden den Sonnenaufgang ansehen zu können. Noch im Dunkeln fuhr ich mit dem Rad zu einem Tempel und stieg fast fünfzig Meter die hohen Stufen hinauf. Und natürlich war ich nicht allein. Immer mehr kamen, um das Spektakel zu sehen. Im ersten Licht konnte man im Osten einige der hohen Tempel erkennen, dann rötete sich der Himmel, die Sonne wollte hervorkommen. Über dem Tal lag leichter Nebel. Das erste Gold einiger Stupas wurde sichtbar.

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Wir standen vielleicht eine halbe Stunde dicht an dicht. Mehr als hundert Menschen aus allen Teilen der Welt. Doch statt sich ruhig und aufmerksam das Wunder zu betrachten, waren alle damit beschäftigen es zu fotografieren. Belichtungszeiten wurden verändert, Stative neu ausgerichtet, Tabletts weit hochgehoben. Neben meinem Gesicht schob sich rechts und links ein Teleobjektiv nach vorn. Fast alle betrachteten sich den Sonnenaufgang durch ihre Kameras. Ein Italiener neben mir schoss in der kurzen Zeit mehr als fünfhundert Fotos. Schoss! Andere drehten sich weg, um mit Selfie-Sticks nicht nur den roten Himmel, sondern vor allem sich selbst zu inszenieren. Ich spürte eine schwelende Aggressivität um mich herum, eine lieblose und hemmungslose Aneignung von Schönheit und fühlte mich unwohl.

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Da ist etwas geschehen, was ich so noch nicht kannte. Fotos erhalten mehr Wert als das gerade Erlebte. Das Erlebte ist nur dann von Bedeutung, wenn es fotografisch festgehalten wird. Gut, man muss nicht mehr wie früher ökonomisch mit einem 36ger-Farbfilm umgehen, wenn auch in der Analogzeit schon wild herumfotografiert wurde. Aber was geschieht, wenn man aus dem Urlaub nur noch Fotos auf einer SD-Karte statt erlebte Erinnerung mitbringt? Frei nach Susan Sontag: Kürzlich ist meine Digitalkamera von einem wunderschönen Urlaub zurückgekehrt. Wenn du magst, kann sie dir zeigen, wo überall sie war und was sie erlebt hat.

Dabei zeugt ein Foto nicht von Realität. Realität ist mehr als die Überleitung von Lichtwerten zu Spannungswerte in einem Chip. Unsere Sinne sind umfangreicher. Das Foto zeigt zusätzlich nur eine von vielen Variationen, wie etwas im Bruchteil einer Sekunde ausgesehen haben kann. Muss man daher so viele Fotos aufnehmen? Man wird auch durch die Vielzahl nicht der Wirklichkeit gerecht, weil viele Bilder noch keinen Gedanken und kein Gefühl schaffen. Nichts ist w a h r genommen. Und was geschieht eigentlich mit all den Fotos, wenn die Kamera aus dem Urlaub zurückgekehrt ist? Ist eines dabei, das mehr ist als Abklatsch? Ist eines dabei, das uns anrührt (wie das Licht eines Sterns), wie Roland Barthes es wollte? Oder will man tatsächlich nur bewahren und beglaubigen: Ich war zum Sonnenaufgaben auf dem Shwesandaw-Tempel!!! Ich. Ich. Ich.

Nochmals Susan Sontag und dieses Mal original und noch aus der Analogzeit: „Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“

Ich habe an diesem Morgen in Birma die ersten Sonnenstrahlen auf meiner kühlen Haut gespürt. Ich hätte gern der Stille dort unten zwischen den Pagoden gespürt, wenn nicht die Verschlüsse dazwischen geschnappt hätten. Ich hätte dort oben den Morgen riechen können. Und deshalb fasste ich einen Entschluss. Nein zwei.

Erstens: Ich gebe toten Fotos ihre Wahrheit, ihre Wirklichkeit, ihr Leben zurück. Zuhause überschütte ich eines mit konzentrierter Zuckerlösung. Der Zucker kristallisiert über Wochen. Das Motiv wird langsam immer unsichtbarer. Irgendwann ist der Zucker auskristallisiert und fällt nach langer Zeit Stück für Stück ab. Das Motiv tritt wieder hervor. Zucker, Moos, Flechten, Wasser, Schnee und mein letztes Experiment: Schimmelkulturen. Rötlich, gelb, grau, blau.bagan-3

Zweitens: Ich zeige meinen Romanfiguren ein Foto, das etwas ganz anderes behauptet als im Roman geschrieben. Nein, mehr noch: Das Gegenteil. Große Verwirrung. Protest. Beispiel: Kai Hinrichsen unterstellt im Roman „Fluchtland“ seinem Gast beim gemeinsamen Abendessen, dass dessen Großeltern sich als Nazis am Ende des Faschismus nach Argentinien abgesetzt hatten. Kai war schon wieder einmal die Fantasie durchgegangen. Peinlich. Seine Familie stellt ihn an den Pranger, denn die Großeltern des Gastes waren Juden gewesen, die nach Argentinien fliehen mussten. Und jetzt lege ich das erste Foto auf den Esstisch. Der Opar des Gastes in der Uniform eines SS-Oberführers. Eisernes Kreuz, Ritterkreuz, Totenkopfring, Ehrendegen. Zweites Foto: Der Opa des Gastes gemeinsam mit Eichmann in Argentinien. So können Fotos leben! Und verändern (wenn auch sie sich immer noch nicht selbst verändern). Und ich überlasse es ganz elegant meinen Romanfiguren, mit diesem Problem umzugehen.

Denn alles kann ja ganz anders sein als beschrieben und natürlich als gesehen.

 

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