Jurica Pavicic ist Schriftsteller und Filmkritiker. Er lehrt an der Universität Split, schreibt Erzählungen und Romane und seine Artikel erscheinen regelmäßig in der kroatischen Presse. 2004 lief die Verfilmung seines Buches „Ovce od gipsa“ unter dem Titel „Die Zeugen“ im Berlinale Wettbewerb. Ich treffe ihn in einem Café am Potsdamer Platz.

RED: Hast du eine sentimentale Beziehung zur Berlinale?

PAVICIC: Ja. Es ist immerhin das einzige Festival, bei dem ich als Autor präsent war. Aber die Berlinale ist mir auch das liebste große Filmfestival. Du musst dir das so verstellen. Wir alle, die wir diese Presseausweise oder irgendwelche VIP-Ausweise tragen, sind auf solchen Festivals in der Regel wie unter einer Käseglocke. In Cannes oder Venedig kommst du mit dem Publikum praktisch nicht in Berührung. Du lebst in einer Parallelwelt. Ich glaube, wenn eine Atombombe vom Himmel fiele, würdest du es erst drei Tage später erfahren.
Das Schöne in Berlin ist, dass du zwar auf einem Festival bist, doch du musst nur zwei Querstraßen weitergehen und schon bist du wieder in der wirklichen Welt. Und außerdem schaust du dir die Filme zusammen mit dem Publikum an. Das ist untypisch für ein großes Festival.

RED: Seit 2004 kommst du jedes Jahr zur Berlinale. Das sind immerhin mehr als zehn Jahre. Hast du in dieser Zeit eine Entwicklung bzw. eine Veränderung des Festivals bemerkt?

PAVICIC: Insgesamt hat sich die Anwesenheit Hollywoods verringert. Das liegt aber an der Verteilung der anderen wichtigen Film-Events. Früher war Berlin prädestiniert für die europäische Premiere amerikanischer Filme, die für den Oskar vorgesehen waren. Inzwischen ist das anders. In Kroatien beispielsweise laufen alle oskar-nominierten Filme bereits zwei Wochen vor der Berlinale. Dieser ganze Film-Event-Kalender hat sich verschoben, das ist zum Nachteil der Berlinale. Um das Festival aber dennoch attraktiv zu halten, laufen oft B-Filme, die aber mit bekannten Schauspielern besetzt sind. Das schadet der Qualität und ich halte das für einen Fehler.

RED: Gibt es auch Dinge, die gleichbleibend gut sind?

PAVICIC: Was ich aus kroatischer Sicht bemerkenswert finde, ist die kontinuierliche Präsenz von südosteuropäischen Filmen. Hier laufen immer russische Filme, oder polnische. Dieses Jahr habe ich zwei gute tschechische Filme gesehen, einen ungarischen. In Cannes oder Venedig gibt es kaum Filme aus Südosteuropa. Da wirst du Filme aus den USA, Frankreich, Südamerike, Asien finden. Südosteuropa war interessant, als es noch den Kalten Krieg gab. Seitdem ist diese Region aus den Wettbewerben verschwunden. Außer eben in Berlin. Das liegt an der historischen Rolle Berlins oder aber an den vielen Migranten aus diesen Ländern, so dass auch das entsprechende interessierte Publikum da ist. Das hört man wenn man in den Vorführungen sitzt. Dann wird um einen herum z.B. plötzlich Polnisch gesprochen. Die wollen alle sehen, was in der alten Heimat so gedreht wird. Berlin ist wirklich das einzige Festival, wo du dir einen Überblick verschaffen kannst, was filmisch gesehen in Südosteuropa so los ist.

RED: Welche Filme haben dir dieses Jahr am besten gefallen?

PAVICIC: Der tunesische Film „Hedi“. Der kam auch beim Publikum gut an. Ebenso „Fuocoammare“. Und der portugiesische Beitrag „Cartas da guerra“ hat mir auch sehr gefallen.

RED: Erkennst du einen Bezug der diesjährigen Wettbewerbsbeiträge zu Themen, die uns aktuell beschäftigen?

PAVICIC: Schon. Allerdings muss man immer berücksichtigen, dass der Entstehungsprozess eines Films relativ lang ist. Ein Film kann also nur den Gesisteszustand wiedergeben, der bei seiner Entstehung aktuell war. Das bringe ich meinen Studenten immer bei. Wenn sie über Prozesse nachdenken und die Poetik des Films, dass sie dann immer einige Jahre im Voraus denken müssen.
Es gibt schon viele Filme, die sich mit dem Islam beschäftigen, der Familie, den Familienstrukturen in islamisch geprägten Ländern. Emigration ist ein Thema, aber das ist eigentlich seit zehn Jahren ein Dauerthema im europäischen Film.

RED: Wie sieht es dieses Jahr mit Beiträgen aus Ex-YU aus?

PAVICIC: Dieses Jahr sind ein kroatischer und zwei serbische Filme zu sehen. Und im Wettbewerb natürlich der bosnische. Am besten gefällt mir davon der serbische Dokumentarfilm „Dubina dva / Depth Two“. Das ist ein ganz hervorragender Film. Sehr experimentell. Es geht um Kriegsverbrechen im Kosovo. Der Regisseur Ognjen Glavonic arbeitet mit Tonaufnahmen der Gerichtsverfahren in Den Haag. Diese Zeugenaussagen unterlegt er mit Bildern der Schauplätze aus der Gegenwart. Das ist sehr eindrücklich.

RED: Du hast gerade eben in Kroatien erlebt, dass zum zweiten Mal eine literarische Vorlage von dir filmisch umgesetzt wurde. 2004 war es dein Roman “Ovce od gipsa”. Und nun ist aus deiner Erzählung „Patrola na cesti“ eine fünfteilige Serie fürs kroatische Fernsehen entstanden. Wie war das? Hattest du Mitspracherecht?

PAVICIC: Ich werde in beiden Drehbüchern als Co-Autor genannt. Beide Projekte sind aber unterschiedlich abgelaufen. Mit Bresan habe ich eine Zeit lang zusammengearbeitet, doch ab einem gewissen Moment hat er eine Richtung eingeschlagen, die nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach. Ich habe ihn dann einfach machen lassen. Ich empfinde mich nicht unbedingt als Co-Autor des Drehbuchs. Trotzdem finde ich den Film gut, er hat ja auch Preise gewonnen. Bei der Serie ist es anders. Das Fernsehen orientiert sich viel mehr am Autor. Da war ich wesentlich näher am Entstehungsprozess beteiligt. Natürlich kommt es während des Drehs zu Veränderungen. Dinge werden rausgeschmissen, Dialoge verändern sich, die Struktur wird angepasst. Aber das ist trotzdem viel näher an dem, wie ich es ursprünglich geschrieben habe.

RED: Ist es dir im ersten Fall schwer gefallen, loszulassen?

PAVICIC: Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig zynisch an, aber wenn der Film ein Misserfolg geworden wäre, hätte ich es bedauert, weil dann das Buch als Filmstoff sozusagen verbrannt gewesen wäre, ohne den Erfolg, den er verdient. Aber nun war der Film ein Erfolg und da wäre es unangebracht, sich irgendwie zu beschweren. Letztendlich kennen mehr Menschen den Film als das Buch.

RED: Mich interessiert trotzdem nochmal dieser ganz spezielle Moment, als du gesagt hast, “dann mach doch, was du willst”. Wie schwer ist dir der Satz über die Lippen gekommen?

PAVICIC: Nein, es war wirklich nicht so schwerig. Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Film und da funktioniert das eben so. Ich weiß, dass das vielen Autoren sehr schwer fällt. Aber da ich mit einem Bein in der Literatur und mit dem anderen im Film stehe, nehme ich das als gegeben hin.

RED: BEi der Serie war es dann anders?

PAVICIC: Ja, da hatte ich als Autor eine wesentlich größere Autonomie. Außerdem spielt in diesem Bereich der Produzent eine sehr wichtige Rolle. Es war im Grunde eine richtig gute Team-Arbeit, mit vielen Besprechungen. Eine Zeitlang bin ich jeden Montag von Split mach Zagreb geflogen, um Szenen und Details zu besprechen. Beim Fernsehen ist auch der Zeitdruck viel größer.

RED: Würdest du gern selber mal einen Film drehen?

PAVICIC: Nein. Als Regisseur musst du dauernd mit den Leuten reden und ihnen erklären, was du willst. Und dann musst du ihnen ständig sagen, dass es nicht gut war und sie die Szene nochmal spielen müssen. Ich bin ein Mensch, der zwischen seinen eigenen vier Wänden funktioniert. Das meine ich natürlich nur auf die Arbeit bezogen. Ansonsten gehe ich schon gerne unter Menschen. Was mir auch gegen den Strich geht, ist das Tempo. Beim Film läuft es immer erst sehr gemächlich an, um dann in einer bestimmten Phase zum Stress pur zu werden. Unter solchen Bedingungen funtioniere ich nicht so gut.

RED: In Amerika und in Deutschland erleben Fernsehserien seit einiger Zeit ein Revival. Wie ist das in Kroatien?

PAVICIC: Ja ich weiß schon, das goldene Zeitalter der Fernsehserien. Ich sehe das auch so. In Kroatien hat man das auch erkannt und das setzt die kroatischen Fernsehmacher unter Druck. Die Leute verlangen weniger Soaps und Sitcoms und mehr Qualität. Das kroatische Fernsehen hat reagiert und einen Versuch gewagt. Einige Leute sehen in unserer Serie den ersten Output. Der serbische Filmkritiker und Drehbuchautor Dimitrije Vojnov schrieb, die Serie sei die erste in ganz Ex-Yu, die den modernen Fernsehstandards, wie HBO sie vorgibt, entspreche. Und ich hoffe, dass wir mit dieser Serie einen neuen Standard auch für das kroatische Fernsehen definieren.

RED: Ist die Serie nur in Kroatien zu sehen?

PAVICIC: Erst mal ja. Ich weiß nicht, ob sie auch an serbische oder bosnische Sender verkauft wird. Aber man kann sie in der Mediathek von HRT sehen und soweit ich weiß, sind alle Folgen auch bei Youtube eingestellt.

RED: Bei Youtube? Legal oder illegal?

PAVICIC: Ich fürchte illegal. In diesem speziellen Fall finde ich es ok. Ich freue mich, wenn möglichst viele sich die Folgen anschauen. Und die Leute haben die Produktion über ihre Fernsehgebühren ja bezahlt. Dann sollen sie sie auch anschauen. Ich glaube der Sender duldet das auch stillschweigend, weil die Serie nicht nur als Erfolg im Sinne von Zuschauerzahlen geplant war, sondern auch als Prestigeprojekt, um zu zeigen, dass das kroatische Fernsehen auch hochwertige Spannung produzieren kann.

RED: Schaust du dir die amerikanischen Serien an? Und welche gefällt die am beste?

PAVICIC: Ich mag „The Wire“. Überhaupt alles, was David Simon gemacht hat, auch “Treme”. Er ist für mich der Balzac des 21. Jahrhunderts. Ich mag auch „Killing“, „Fargo“, die dänischen Serien finde ich auch gut. Auch die erste Staffel von „True Detective“ war gut, obwohl ich das Ende nicht ganz gelungen fand. Es gibt übrigens einen grundsätzlichen Unterschied in der Rezeption von Büchern und Serien. Wenn du ein Buch schreibst, dann lesen es die Leute zu Ende und sagen dir dann ihre Meinung, bzw. kannst du in der Zeitung Rezensionen dazu lesen. Bei einer Serie hingegen findet die Meinungsbildung nach der ersten Folge statt. Stell dir mal vor, unsere Bücher würden nach dem ersten Kapitel rezensiert. Das finde ich wirklich interessant. Nach der ersten Folge sind die Rezensionen da und bleiben als kulturelle Spur zurück, auch wenn die Serie erst danach in Fahrt und irgendwann zu einem Ende kommt. Wen also interessiert das verkorkste Ende von „True Detective“? In einem Buch kannst du dir das nicht erlauben.

Anm. der Interviewerin: Nach dem Interview stehen wir noch eine Weile vor dem Café und Jurica Pavicic vertauscht unsere Rollen. Er befragt mich über Berlin, über Ost und West, und irgendwie kommen wir auf die „kulturellen Spuren“ zurück, die die Geschichte in einer Stadt hinterlässt. Ich erzähle ihm von einem Bild, das ich einmal gesehen habe, das Berlin bei Nacht zeigt, aus dem Weltall. Da sieht man die Grenze zwischen Ost und West, weil für die Straßenlaternen noch immer unterschiedliche Leuchtmittel eingesetzt werden, so dass die eine Hälfte der Stadt bei Nacht gelblich und die andere milchig leuchtet. Pavicic nickt und agt dann: “Bei uns sind es die Gullideckel. Alle Spuren des sozialistischen Staates hat man getilgt. Aber die Gullideckel, mit der Aufschrift von damals, die sind geblieben, überall im Land.“