Unsere Erinnerungen – unsere Sinne

Wir haben eine ungefähre Geruchs-, und manche haben eine besonders gute Hörerinnerung. Unsere taktile Erinnerung ist schwach. Unsere Gefühlserinnerung viel stärker, doch auch sehr vergänglich, später im Leben häufig nur noch erahnbar in häufig selbstüberraschenden Reaktionen . Die Geschmackserinnerung ist noch vergänglicher. Doch wir leben auch mit der Bilderinnerung. Nichts ist so stark wie sie.
Wir sammeln in unserem Kopf die Erinnerungsbilder unseres Lebens, wenn auch sie mit der Zeit verbleichen. Dieser Vorgang ist nicht gleichförmig, denn einige Bilder bleiben in uns immer präsent. Sie dokumentieren Abschnitte unseres Lebens, aus denen sich der Rückblick auf das Leben ergibt.
Aber sind es wirklich Schnappschüsse, sind es wirklich nur bildliche Erinnerungen, die sich in unserem Kopf befinden? Oder sind es schlichtweg Erinnerungen an Fotos? Es wäre ja möglich, dass wir beides miteinander verwechseln. Dann würden wir uns nur noch erinnern, weil wir mehrfach in unserem Leben auf ein bestimmtes Foto gesehen haben. Und Fotos haben wir lange Zeit für wahr gehalten.
Andererseits – wer hat heute noch haltbare Fotos auf Papier. Bilder haben in den letzten zwanzig Jahren quantitativ und qualitativ zugenommen. Wir hatten noch nie so viele Fotos. Und Fotos hatten noch nie so viel Einfluss auf unsere Gesellschaft wie heute. Auf Politik, Konsum, Leben. Sogar auf Krieg und Frieden. Wir sammeln digital die Fotos unseres Lebens. Wir versuchen, sie zu archivieren. Doch es sind weitaus mehr als früher in ein Fotoalbum passten. Wir suchen eine Systematik, um die Fotos zu erhalten. Und oftmals müssen wir aufgeben, denn es fehlt die Zeit, die Erinnerung an unser Leben im immer schnelleren Fototakt zu erhalten.
Und mit der Vielzahl der Fotos nimmt zusätzlich ihre Vergänglichkeit auf Datenträgern zu. So rapide wie nie zuvor. Auf einem Festplattenlaufwerk sind diese Fotos zwei bis zehn Jahre sicher, auf einer CD-R fünf bis zehn Jahre, auf einem USB-Stick zehn bis dreißig Jahre, auf Fotopapier 150 Jahre. Ein Jugendlicher, der heute sein Leben mit seinem Smartphone dokumentiert, wird wahrscheinlich schon in zehn Jahren keine Fotos aus seiner Jugend mehr besitzen. Das könnte Folgen haben.
Die Konfusion, ob ich mich wirklich an etwas erinnere oder ob ich mich an ein Foto erinnere, würde uns nicht mehr so stark irritieren. Aber wahrscheinlich wird unsere Erinnerung schwächer. Es sei denn, man hätte frühzeitig ein Fotoalbum angelegt. Denn dann könnte man den Kopfbildern etwas hinzufügen, und sich stärker der eigenen Identität bewusst sein. Denn darum geht es uns doch. Wir wollen doch wissen, wer wir sind, und warum wir so geworden sind.

Terror – das Medienereignis

Terror – das Medienereignis

Von B. Stipetic

New York, London, Madrid, Paris, Brüssel. Auch vor New York gab es Terroranschläge und Brüssel war nicht der letzte. Wir sind entsetzt, wir fühlen uns hilflos und keiner hat auch nur ansatzweise ein Rezept, wie man das beenden könnte.
Als heute morgen die Nachrichten aus Brüssel eintickerten, dann die ersten Bilder, die ersten Videos, musste ich irgendwann an eine Szene aus dem Film „Ausnahmezustand“ denken. Da hat eine Gruppe Terroristen einen Bus gekapert und es passiert zunächst nichts. Es werden keine Forderungen gestellt, keine Drohungen ausgestoßen. Bis einer der Ermittler plötzlich begreift: „Sie warten auf die TV-Kameras“.
So ähnlich ist es mit der Mehrzahl der Terrorangriffe, die Europa treffen. Das Ziel ist weniger, möglichst viele Menschen in den Tod zu bomben, sondern uns zu zeigen, wie verletzbar wir sind, wie sehr wir uns von der Angst beherrschen lassen. Und unsere Medien spielen diesen Absichten in die Hände.
Keine Nachricht ist in diesem Zusammenhang zu banal, um nicht zur Schlagzeile zu werden: Bundespolizei verstärkt Präsenz an Flughäfen und Grenzen, Deutsche Bahn stellt Zugverkehr nach Brüssel ein.
Flankiert von nützlichem Ratgeberwissen: Was die Anschläge in Brüssel für Reisende bedeuten. So rüstet sich Europa gegen den Terror.
Den ganzen Vormittag wurde gemeldet, dass es nun zehn oder doch elf Tote am Flughafen gab, obwohl beide Zahlen sich vermutlich spätestens am Abend leider als falsch erweisen werden.
Terrorangriffe sind zu medialen Ereignissen geworden. Jede Online-Zeitung hat Newsticker, im Fernsehen kommen Sondersendungen am laufenden Band. Dabei gibt es nicht wirklich mehr zu berichten, als das, was bereits am Morgen bekannt war: Es gab einen Terroranschlag und es gab Tote und Verletzte. Der Neuigkeitengehalt der ganzen Artikel und Sondersendungen ist minimal. Wir werden in die Hysterie „genewst“. Und wir geben den Terroristen genau das, was sie wollen, wir bestätigen sie mit Schlagzeilen wie: Angriff auf Europa. Belgien ist bis ins Mark getroffen. Der Terror trifft das Machtzentrum der EU. Wieder ins Herz.
Kurz gesagt: Sie haben ihr Ziel erreicht.
Unsere Berichterstattung folgt einer bekannten und berechenbaren Choreographie, die einen Sog nach allen Seiten entwickelt. Das Ereignis wird dramatisiert, obwohl das Drama längst geschehen ist. Wenn man sich dem nicht bewusst entgegenstemmt, ist man als Leser versucht, alle Viertelstunde die Nachrichtenseiten zu aktualisieren und in einem der Newsticker nachzuschauen, ob es nicht doch eine unerwartete Entwicklung gibt. Denn genau diese Dringlichkeit wird durch die Art der Berichterstattung suggeriert: Bleibt dran, es könnte noch mehr passieren.
Die Krönung sind für mich die Bilder und das Filmmaterial. Ich kann mich gut erinnern, wie nach den Anschlägen von Paris eine Kamera stundenlang auf die Straße gerichtet war, in der das Bataclan steht. Es war nicht wirklich etwas zu sehen außer Polizeifahrzeugen, die die Straße absperrten, und Polizisten, die hin- und herliefen. Worauf hat die Kamera gewartet? Auf die ersten Toten und Verletzten, die aus dem Theater getragen werden? Darauf, dass alles live in die Luft fliegt? Was hilft es uns, solche Bilder zu sehen? Dient das unserer Information? Sind wir dann besser vorbereitet, wenn es uns in Berlin oder Frankfurt oder München erwischt? Wozu brauchen wir verwackelte Amateurvideos aus Brüssel: Momente nach den Explosionen. Ich habe es mir nicht angeschaut. Ich bin entsetzt genug. Wenn ich mir aber vorstelle, dass die Drahtzieher der Anschläge und geistigen Brandstifter die Bilder von Menschen sehen, die in Panik sind, die bluten und weinen, Bilder von vermummten Polizisten, die in Brüssel alles Mögliche absperren und sichern, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, wie zufrieden sie lächeln und sich daran aufgeilen, wie erfolgreich auch dieser Anschlag war. Dann planen sie genüsslich den nächsten, und ein Puzzleteilchen in ihrer Planung ist unsere Berichterstattung.

Flüchtlingskrise – Münchhausen by proxy

Flüchtlingskrise – Münchhausen by proxy

von B. Stipetic

Die Tatsache, dass eine unvorstellbare Anzahl an Flüchtlingen vor den Toren Europas unter menschenunwürdigen Bedingungen kampiert, begreifen wir noch immer als unsere Krise. Von der Politik wird hektisch agiert und reagiert, in einer Rhetorik, die den Krisenzustand zum Ausnahmezustand erhebt: Obergrenzen, Transitzonen, Kontingente, Schießbefehl. Währenddessen wird das besorgte Wahlvolk zusehends hysterisch: Islamisierung, importierter Terror und überhaupt und ganz allegemein: der kurz bevorstehende Untergang des Abendlandes.
Gefühlt hundert Prozent aller Talkshows und Politikrunden beschäftigen sich mit dieser Krise, bzw. deren Symptomen, ohne bisher auch nur ein wenig Struktur in die Debatte gebracht zu haben, geschweige denn wirkliche Lösungsansätze. Nur hin und wieder kommt der zaghafte Hinweis, diese Krise müsste an ihren Wurzeln bekämpft werden. In schöner Regelmäßigkeit wird eine Vertiefung dieser Redebeiträge von den Moderatoren der Talkshows abgeblockt, ja, ja, natürlich sei das so, aber es würde doch den Rahmen der Sendung sprengen, darüber weiter zu reden, und schließlich rede man ohnehin gerade über etwas anderes, Köln, die AfD, Integration, Kriminalität oder was sonst noch in den Flüchtlingstopf passt.
Die Flüchtlingskrise hat für uns ihren Ursprung und ihr herbeigesehntes Ende dort, wo Europa anfängt, bzw. aufhört – in Griechenland und der Türkei. Ein anschauliches Beispiel hierfür lieferte der Kanzleramtschef Peter Altmeier in der Sendung Hart aber fair vom 14. März. Herr Altmeier sieht auch den Bedarf, die Flüchtlingskrise an ihren Wurzeln zu bekämpfen, indem man zum Beispiel in den Flüchtlingslagern die Essensrationen erhöht und mehr Geld in die Ausstattung investiert. Ich finde nicht, dass man Politikern aus einem dahingesagten Satz gleich einen Strick drehen muss, aber manchmal sind dahingesagte Sätze entlarvend. Die Flüchtlinge sind erst dann eine Krise, wenn sie bis zu unserer Haustür vordringen. Machen wir es ihnen also etwas kuscheliger in der Türkei, geben wir ihnen zu essen, Unterkünfte und sanitäre Einrichtungen, die im Fernsehen nicht ganz so erbärmlich erscheinen, und sie werden uns nicht weiter behelligen.
Das sind aber nicht die Wurzeln der Flüchtlingsströme. Denn nicht wir stecken in der Krise, sondern die Flüchtlinge. Um das zu begreifen, genügt eine Minute innere Einkehr und Ehrlichkeit, man braucht dazu weder Bilder aus Idomeni noch Talkshows über die Verhandlungen der EU mit der Türkei. Die Flüchtlinge sind es, die in diesen Monaten die schwerste Krise ihres Lebens durchmachen, nicht wir. Weil die Länder, aus denen sie kommen, sich in der Krise befinden. Und genau hier finden sich die Wurzeln der Probleme. Die Menschen strömen nicht nach Europa, weil Frau Merkel sie eingeladen hat. Die Menschen strömen nach Europa, weil in ihren Herkunftsländern Krieg herrscht, weil geschossen und gebombt wird, auch mit deutschen Waffen. Weil Diktatoren an der Macht sind, die andere Meinungen gewaltsam unterbinden, unter anderem mit Waffen aus EU-Ländern.
Deutschland ist der fünftgrößte Waffenexporteur der Welt. Mit an der Spitze unserer „Kunden“ steht Saudi-Arabien. Den größten Teil der Waffen exportieren wir an NATO-Länder, die wiederum einen großen Teil ihrer Waffenerzeugnisse in Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas liefern. Ist es so abwegig, hier eine Verbindung zu sehen? Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat es beim Namen genannt: Wir verteidigen am Hindukush nicht die Demokratie, sondern unsere Wirtschaftsinteressen.
Wir sind bereit, junge Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan zu schicken, nehmen billigend in Kauf, dass sie dabei ums Leben kommen, weil wir dort wirtschaftliche Interessen haben. Wir sind aber nicht bereit, Menschen ins Land zu lassen, die vor Zuständen, die wir mitverantworten, fliehen.
Diese Menschen stürzen uns angeblich in eine Krise, weil sie nicht in dem Saustall, den wir mit anrichten, leben wollen. Wir zeigen Verständnis, zum Teil sogar Anerkennung, für den ungarischen Präsidenten Orban, weil er Zäune errichtet. Ungarn ist zwar sicher kein großer Waffenexporteur, doch Ungarn hat gut profitiert von dem Geld, das Deutschland, Frankreich oder Großbritannien mit Waffenverkäufen erwirtschaften. Ebenso wie Polen, Kroatien oder Tschechien.
Nein, wir sind nicht schuld an den Krisen im Nahen Osten oder an den Regimen in Nordafrika. Wir verursachen diese Krisen nicht, aber wir befeuern sie, und wenn das Folgen hat, wollen wir es nicht wahrhaben. Statt uns und unsere Politik zu hinterfragen, entdecken wir plötzlich wieder unsere Werte und eine Leitkultur, deren Inhalt immer schwammiger und nebulöser wird.
Wir machen uns eine Krise zu eigen, die nicht unsere ist, und verlangen dann nach Lösungen, die nur irgendwelche Symptome behandeln, und zwar eingebildete.

[Laut Wikipedia bezeichnet Münchhausen bx proxy das Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, um anschließend die medizinische Behandlung zu verlangen.]

Randnotiz: Wahl der Köpfe

Randnotiz: Wahl der Köpfe

von B. Stipetic

In Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Sachsen-Anhalt wurde gewählt. Unter Volldampf sozusagen, mit einer richtig hohen Wahlbeteiligung. Analysiert wurde auch schon: In BW wählte ungefähr jeder Siebte, in RP jeder Sechste und in SA jeder Vierte die AfD. Woher die AfD-Wähler kommen, wen sie vorher gewählt haben, und überhaupt die Afd waren in den Analysen ein Riesenthema. Viel interessanter fand ich die immer wieder zu hörende Feststellung, es sei, zumindest in BW und RP eine Personenwahl gewesen. Der charismatische Kretschmann und die menschelnde Dreyer. Man sah ihren Erfolg darin begründet, dass sie nicht nach rechts geschielt, sondern den Kurs von Kanzlerin Merkel sogar unterstützt hätten. In einigen Sendungen nach der Wahl wurde die Frage aufgeworfen, ob wir gerade das immer dringender brauchen: starke Persönlichkeiten mit Rückgrat. Wer wollte da widersprechen. Auch ich finde Menschen gut, die zu ihrer Meinung stehen und sich nicht drehen wie das sprichwörtliche Fähnchen im Wind. Aber gerade deshalb finde ich es auch ein wenig gruselig. Denn so etwas geht natürlich nur solange gut, wie die starken Köpfe auch meinen Vorstellungen entsprechen. Bringt man den Ruf nach Politikerpersönlichkeit in Verbindung mit den Wahlergebnissen der AfD grusle ich mich noch mehr.
Es ist wesentlich leichter ein mieses Parteiprogramm hinter einer charismatischen Persönlichkeit zu verstecken, als ein gutes Parteiprogramm durch blasse Persönlichkeiten ans Wahlvolk zu bringen. Nichts gegen Dreyer und Kretschmann, sogar Merkel ist mir zur Zeit sympathisch, aber es passiert schnell, dass eine charismatische Persönlichkeit auftaucht, die für ein Programm steht, das so gar nicht in meine Vorstellung von Deutschland passt.
Man stelle sich vor, der kläffende Terrier, der der AfD voransteht, würde ersetzt durch eine charismatische Dame oder einen geschmeidigen Herrn, die nicht nur die AfD einen und hetzerische Auswüchse innerhalb der Partei unterbinden können, sondern der AfD ein menschelndes Gesicht geben und manche Kritik im Keim ersticken. Jemand, der rhetorisch begabt ist und nach außen hin zum Beispiel einen multikulti- oder grünen Lebensstil pflegt. Der einzige Trost ist, dass es so jemand wahrscheinlich innerhalb der Afd nicht weit bringen würde.
Dennoch, Köpfe mögen gut sein, gute Programme sind besser.

Miljenko Jergovic: Angst

„Wer im Zustand der Angst lebt, der Schuld, der ständigen Angst vor der Angst, ohne die Augen schließen und Erlösung empfinden zu können, und dabei arbeiten, lachen und sich unterhalten muss, der lebt wie ich und muss damit in unserer Welt zurecht kommen.“ Das schrieb Ivo Andrić in “Wegzeichen“, einem Buch, an dem er zeit seines Lebens arbeitete. Auch wenn es anders klingt, liegt in  Andrićs Worten mehr Wahrheit als Selbstmitleid, der schlimmste Feind des Menschen – schlimmer noch als die Angst.
Würde sich jeder von uns zur Jahreswende, zwischen dem katholischen und dem orthodoxen Weihnachtsfest, fragen, wovor er sich die vergangenen 365 Tage gefürchtet hat, käme dabei eine lange Liste heraus. Im vergangenen Jahr waren die Ängste zahlreicher als die Schäfchen, die wir zum Einschlafen zählen. Einige davon sind riesig und lassen sich durch nichts besänftigen, andere so winzig, dass man sie leicht vergisst, sie vergehen von allein, auch wenn ihre Ursache bleibt, nur dass sie uns keine Angst mehr macht. Genauer gesagt: nicht uns, sondern mir.
Ängste sind zunächst individuell, persönlich und einzigartig, nicht kollektiv. Die Angst des anderen ist uns in der Regel egal. Wir teilen sie nicht. Wir denken, ach, mit dieser Angst ließe sich leicht leben.
Meine Ängste, auch die winzigen, sind schrecklich. So schrecklich, dass ich sie gar nicht benennen will. Denn wem ich sie offenbare, dem lege ich meine Seele in die Hände. Das ist gefährlich, denn derjenige könnte meine Angst ausnutzen. Das ist eine der größten Ängste überhaupt.
Psychotherapeuten wurden erfunden, um uns von unseren Ängsten zu befreien. Das ist ihre oberste Pflicht, die Basis ihrer Arbeit. Dem Psychotherapeuten vertraut man seelenruhig seine Angst an, in der Gewissheit, dass er keinen Vorteil daraus zieht. An erster Stelle der Psychotherapeuten stehen die Pfarrer im Beichtstuhl: Der grundlegende Gedanke hinter dem Beichtgeheimnis ist die von Gott und der Kirche gegebene Garantie, dass dein Beichtvater, deine Angst nicht ausnutzen wird. Religionen, die keine Beichte kennen, das Judentum und der Islam, sind viel strenger und kategorischer. Sie erwarten von den Menschen, alleine mit ihrer Angst zurecht zu kommen. Oder aber, sie nehmen sich des Problems äußerst gründlich an. Es ist nicht verwunderlich, dass Freud Jude war, genauso wie die meisten Väter, Onkel und Tanten der Psychoanalyse. Ebenso wenig, dass der Psychiater, der Shrink in amerikanischen Filmen und Serien, einer merkwürdigen Regel folgend Jude ist.

2015 hatte ich Angst vor dem Tod, vor Krankheit, dem Mob und dem zivilisatorischen Zerfall unserer Gesellschaft. Diese Ängste gestehe ich unumwunden ein, weil sie typisch sind. Ich teile sie mit den meisten Menschen, und keiner außer einem talentierten Psychopathen oder einem Autor von Horror-Romanen wird daraus ein Drama machen. Eine Angst, die wir wie ein Verhungernder seinen letzten Kanten Brot mit anderen teilen, verliert ihren Schrecken. Auch wenn unsere Angst natürlich größer ist als die der anderen, die entweder dümmer oder mutiger sind als wir.
Über meine anderen Ängste kann ich nicht so offen sprechen. Man kann ihnen in meinen Büchern nachspüren, in meinen Prosatexten und Gedichten aus dem Jahr 2015. Das ist der Exhibitionismus des Schriftstellers: Er wird auch seine Ängste offenbaren, wenn es ihm nützt. Er wird seine Seele verkaufen und sich auch noch freuen, wenn sich irgendein Mistkerl daran festbeißt, denn das wäre ein schlagender Beweis, dass derjenige das Buch gelesen hat.

Die effizienteste und leichteste, aber auch gefährlichste Methode, sich seiner Ängste zu entledigen, ist die Erfindung von Scheinängsten. Echte Ängste sind immer individuell. Selbst wenn wir sie mit anderen teilen – wie etwa die Angst vor dem Tod – gehören sie doch nur uns, dem einen unvergleichlichen Ich, dem gegenüber alles andere nur Schein und Illusion ist. Und das Wir ist natürlich die beste Illusion.
Kollektive Ängste sind immer Scheinängste. Sofern es sich nicht um konstitutive und allgemein menschliche Ängste handelt, erfasst uns ein angenehmes Schaudern, wenn wir sie mit der Mehrheit unserer Landsleute, Glaubensbrüder, Mitbürger teilen. Anbieter von Ängsten sind Internetplattformen, das Fernsehen und die Presse. Es versetzt unsere Seele in einen Zustand der Glückseligkeit, wenn wir bei ihrem Angebot zugreifen. Für den Einzelnen gibt es kein größeres Glück als eine Scheinapokalypse, die Ankündigung des Weltuntergangs unter der Regie eines versierten Verschwörungstheoretikers wie z.B. William Engdahl. Wenn der sich unseres Planeten annimmt, schürt er eine Angst, die jede wirkliche Angst harmlos erscheinen lässt. Wer vor ungefähr zehn Jahren Engdahls Hard- oder Softcover-Verschwörung über die Ölindustrie auch nur durchgeblättert hat, der fürchtete hinterher kein Wasser und kein Feuer, weder Finsternis noch Zahnarzt. Er war gewappnet fürs Leben wie ein IS-Kämpfer.

Ganz oben auf der aktuellen Liste der um sich greifenden Scheinängste, der kollektiven Phobien, die uns von dem heilen, was uns wirklich ängstigt, steht die Angst vor syrischen Flüchtlingen. Ihre größte Wirkung entfaltet sie unter Regierungen, Polizei, Armee und hypnotisierten Bürgern der Staaten, die auf der Reiseroute der Flüchtlinge liegen: Ungarn, Slowenien, Tschechien, Slowakei, Polen – alles osteuropäische postkommunistische Staaten. Die Unglücksraben, die aus dem Osten in diese Staaten kommen, gehören zu einer der ältesten modernen arabischen Nationen, sind Semiten, oft Atheisten, Bürger eines arabischen und islamischen Staates mit vorbildlicher Trennung von Kirche und Staat, der sich lange Jahre auf der Grundlage einer merkwürdigen Mischung aus Folklore und Tradition, Marxismus und wissenschaftlichem Sozialismus entwickelte und gedieh. Sie hatten nie die Absicht, sich in den ehemaligen Bastionen des sowjetischen und titoistischen Sozialismus niederzulassen – doch je mehr von ihnen durch Ungarn, Kroatien, Slowenien oder auf Umwegen durch Tschechien, die Slowakei und Polen reisten, desto größer wurde die Angst der Massen und umso bildgewaltiger die Phantasien der Anführer des Volkes von einer Arabisierung und Islamisierung ihrer ethnisch und konfessionell porentief reinen Länder. Schließlich wurden Mauern errichtet mit Stacheldraht und Wachtürmen, die an Konzentrationslager aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, oder, wie etwa an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien, provisorische Absperrungen aus NATO-Draht, die zum Tod von Rehen, Dachsen und Hasen führen. Es wurde ein perfekter Rahmen geschaffen für die Aufzucht und genetische Modifizierung der kollektiven Angst.

An zweiter Stelle steht die Islamophobie im Allgemeinen. Während die erste Scheinphobie als emotionalen und geistigen Treibstoff immerhin noch die Flüchtlinge braucht, genügt der Islamophobie der Fernsehbildschirm. Und auf diesem war Ende 2014 und 2015 zu sehen: die Enthauptung von Menschen in orangefarbenen Overalls, europäischen Mitbürgern, mit denen wir in Christus verbunden sind. Umgebracht an den fernen Stränden des östlichen und südlichen Mittelmeers, in den Wüsten und Einöden des Nahen Ostens. Durch die Wunder der Fernsehübertragung, die Illusion des Internets und die autosuggestive Kraft der Angst wurden sie zu festen Bestandteilen unserer Wohnräume. Der IS lebt und erweitert sein Herrschaftsgebiet bis in unsere halbdunklen Treppenhäuser, unsere schlecht beleuchteten Flure und Badezimmern. Der IS beherrscht unsere Träume, okkupiert unsere Phantasie und Erinnerung. Auf einmal fügt sich alles ein in die große Geschichte der Zivilisation, in eine Angst, die größer und umfassender ist als unsere kleinen Sprach- und Kulturgemeinschaften, die durch Zeit und Raum fließt und die letzten tausend Jahren zu einer Konfrontation zwischen unserer und ihrer Welt reduziert.
Was wir im vergangenen Jahr über Muslime, ihre Kultur und Zivilisation, ihren Glauben dachten und fühlten, unterscheidet sich radikal von dem, was wir ein Jahr, zehn oder fünfzig Jahre zuvor über sie dachten und ihnen gegenüber empfanden. In der Zwischenzeit hat sich etwas verändert, dessen wir uns nicht bewusst sind. Wir denken, es sei schon immer so gewesen, und dass unsere Angst vor dem Islam und einer Islamisierung unseres Lebens ein natürlicher Dauerzustand sei.

Die dritte Pseudophobie ist unsere lokale, kroatische, osteuropäische, kommunistische. Es ist die Phobie vor dem Westen, vor Amerika, dem American Way of Life, der Weltanschauung und dem politisch-militärischen Agieren der Vereinigten Staaten. Nur auf den ersten Blick scheint zwischen dieser Angst und der Angst vor Flüchtlingen und dem Islam ein Widerspruch zu liegen. Schließlich ist die amerikanische Politik ursächlich für die humanitäre, menschliche und zivilisatorische Katastrophe im Nahen und Mittleren Osten und die Vereinigten Staaten sind der Hauptgenerator der globalen Islamophobie. Doch die Dinge liegen anders. All unsere Scheinphobien der vergangenen vier Jahrhunderte waren im Grunde genommen anti-westlich, richteten sich gegen die Errungenschaften der Französischen Revolution, gegen die europäische Aufklärung, die Säkularisierung, die parlamentarische Demokratie. Die Anglophobie – die Angst vor dem wirklichen oder dem metaphorischen Amerika – spielt der Islamophobie in die Hände, sie treten im Paar auf. Schwerlich wird man bei uns einen Christen finden, der sich vor den Muslimen ängstigt, ohne gleichzeitig Hollywood, die CIA, das State Department, den IWF zu fürchten, aber auch beispielsweise Juden, die internationale Bankenlobby, die Freimaurer und was weiß ich.

Es folgen die kollektiven Ängste oder Phobien zweiter Ordnung. Am attraktivsten und am weitesten verbreitet sind die Angst vor der globalen Klimaerwärmung und vor genetisch veränderten Lebensmitteln. Die Dealer der Ängste erster Ordnung sind in der Regel Rechte, was aber keine Voraussetzung ist. Die Dealer von Ängsten zweiter Ordnung sind eher die Linken, obwohl es auch hier zahlreiche Ausnahmen gibt. Natürlich drohen der Welt in ferner Zukunft die Sintflut infolge des Abschmelzens der Polkappen, ein Anstieg der Meerestemperatur, Ozonlöcher, Treibhauseffekt und alles andere, was vor einigen Jahren der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore prophezeite. So, wie uns auch nichts Gutes erwartet, wenn wir Tomaten mit Genen von Seehunden verändern. Doch dazu wird die Welt auch noch bedroht von islamischen Extremisten, amerikanischen Imperialisten und hohlköpfigen Neofaschisten (der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump), und auch unter den syrischen Flüchtlingen findet sich der eine oder andere Psychopath oder zumindest Überträger gefährlicher nahöstlicher Seuchen, zum Beispiel der Pocken. Trotz dieser ganzen Palette an Gefahren, ist es wahrscheinlicher, dass man von einer Straßenbahn überfahren wird oder sich durch den Verzehr von Leberwurst mit einem tödlichen Bakterium infiziert. Wenn man in Europa lebt, geht immer noch eine größere Gefahr von Viktor Orban und Marine Le Pen aus als von Al Bagdadi und seinen Schreihälsen. Leberwurst ist gefährlicher als Donald Trump, ein starkes Erdbeben schlimmer als genetisch veränderte Tomaten.
Warum haben wir dann keine Angst vor Leberwurst und Tomaten?
Die Antwort auf diese Frage ist lebenswichtig: Oh ja, unter uns leben bestimmt Menschen mit panischer Angst vor Tomaten. Zahlreicher sind solche mit Todesangst vor abgelaufenem Haltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln. Aber das sind ihre privaten Ängste, sie betreffen die Mitbewohner, die Verwandtschaft, den Psychiater und den Seelsorger. Der Rest der Welt schert sich nicht um Leberwurst und Tomaten. Bis sich eines Tages vielleicht auch für diese Ängste Dealer finden und sie auf das Niveau kollektiver Empfindungen heben.
Jede Scheinphobie war irgendwann einmal jemandes winzige und harmlose Angst. Oder wurde ganz einfach als Ausdruck eines unanständigen Chauvinismus betrachtet. Was wäre vor zehn Jahren mit jemanden geschehen, der den Islam als böse, verbrecherische Religion bezeichnet hätte, wie es heute Donald Trump tut oder auch erschreckend viele Journalisten, Pfarrer und Bischöfe? Wie hätte vor fünfzig Jahren die Öffentlichkeit eines freien und demokratischen Staates, einer lupenreinen parlamentarischen Demokratie, auf die Entscheidung ihrer Regierung reagiert, das Land mit einer Mauer aus NATO-Draht abzuschotten? Und was wäre aus der Idee eines vereinten Europa geworden, wenn vor nur fünfzehn Jahren Fremde genauso behandelt worden wären wie heute in einigen Teilen des geeinten Europa? Stellen Sie sich Ihre eigenen Eltern, aber auch Großeltern mit den heutigen kollektiven Ängsten vor.

Das Jahr, das hinter uns liegt, war ein Jahr der Angst, so wie die Jahre 1989, 1990, 1991 und 1992 in Europa und der Welt Jahre der Hoffnung waren. Aufgrund besonderer lokaler Umstände haben wir Kroaten die Jahre der Hoffnung ausgelassen, aber wir haben mit den Europäern alle ihre Ängste geteilt. Solange die Idee von Freiheit, Gleichheit und Einheit lebendig war, solange gab es auch Hoffnung. Solange die Osteuropäer an eine bessere Zukunft glaubten, an Wohlstand und Lebensqualität, und solange die Westeuropäer überzeugt waren, dass mit dem Ende des Kalten Krieges eine Zeit des Friedens und der Verständigung angebrochen war, solange lebte man in einer Zeit der Hoffnung. Solange auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer eine positive Idee und Ideologie vorherrschte, um die sich die Gemeinschaft scharen konnte, war Hoffnung berechtigt. Darauf folgten erst Leere und dann Angst. Manchmal erkennen die Menschen den Unterschied zwischen Hoffnung und Angst nicht. Hypnotisiert von der Angst, fühlen sie sich genauso gut wie zu der Zeit als sie von der Hoffnung hypnotisiert waren. Starke und leidenschaftliche kollektiv empfundene Emotionen befreien den Menschen von seinen Alltagssorgen.
Wenn Anführer und ihre Sprachrohre nichts Vernünftiges zu sagen haben, um die Gemeinschaft um sich zu scharen, machen sie den Menschen Angst. Es gibt kein besseres und billigeres Marketinginstrument, als die Angst der Masse zu schüren. Nie laufen die Geschäfte besser als kurz vor dem Jüngsten Gericht. Darauf gehe ich jede Wette ein. Vielleicht erleben wir es auch noch, dann wäre es bewiesen. Am letzten Sonntag vor dem Jüngsten Gericht wird die Konsumfreude größer sein als vor Weihnachten. Die Straßen werden üppiger geschmückt, die Schaufenster glänzender dekoriert sein, und alle werden ihr letztes Geld verpulvern. Hohlköpfige oder ideenlose Politiker, Vladimir Putin oder Barack Obama, sind wie Händler am Vortag des Jüngsten Gerichts. Oder noch besser: wie die Boulevardpresse. Nicht Bildung und Seriosität sind der Tod der Boulevardpresse, wie man gemeinhin annimmt. Der Tod der Boulevardpresse wäre die Hoffnung, dass das Jüngste Gericht und der Weltuntergang in weiter Ferne liegen. Für die kroatische Boulevardpresse zum Beispiel gibt es keine schlimmere Nachricht, als ein unerwarteter Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Das wäre keine Nachricht, sondern eine Anti-Nachricht. Bis sich irgendein Haken findet, etwa eine Absprache noch aus Zeiten unseres ehemaligen Premierministers Ivo Sanader mit der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, derzufolge im Falle eines gestiegenen BIP diejenigen eine Gehaltserhöhung erhalten, denen aus Sicht der Boulevardpresse nie und nimmer eine Gehaltserhöhung zusteht. Das führt dann zu der wunderbaren rettenden Kehrtwende, und der Anstieg des BIP wird nicht nur zu einer schlechten, sondern zu einer katastrophalen Nachricht. Der Anstieg des BIP in Kroatien wird zum Vorboten des Jüngsten Gerichts.

In “Wegzeichen” hat sich Andrić an vielen Stellen mit Angst beschäftigt. Sein ganzes Leben lang hat er sich damit auseinandergesetzt. Dabei war er eigentlich ein sehr mutiger Mann. Schüchtern, verzweifelt, voller Unbehagen und Schuldgefühle, aber mutig. Wäre er anders gewesen, würden wir uns heute weniger mit seinen Überzeugungen und Identitäten beschäftigen. Die Identität des Feiglings ist die der Mehrheit: Immer und in jeder Gesellschaft ist der Feigling Teil der Mehrheit. Er ist niemals ein einsamer, isolierter Einzelner. Feiglinge leben in Frieden mit der Angst. Andrić schrieb: “Die Angst steht im Dienst einer unbekannten Macht, die sie verfolgt wie ein Jäger seine Beute. Ich beobachte die Angst in mir und um mich, und es scheint mir, dass die Menschen nicht vor dem Angst haben, von dem sie denken und sagen, dass es ihnen Angst macht, sondern vor ihrer ureigenen Angst. Diese Angst hockt in ihnen und lauert wie eine hungrige Spinne darauf, dass etwas am Netz der menschlichen Nerven rüttelt. Jede noch so kleine Regung ist ein willkommener Anlass, sich blind darauf zu stürzen. Dann erfüllt die Angst den ganzen Menschen, trübt seine Sinne und seinen Blick, zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, macht aus ihm ein blindes, bewegungsunfähiges Opfer für die unbekannte Macht, die ihn fressen will. Und wenn der Mensch bei diesem Mal nicht unterliegt, zieht sich die Angst in ihm wieder zurück, macht sich klein und unsichtbar und wartet auf den nächsten Anlass.“

Miljenko Jergović, 27.12.2015

Der Amtsschimmel reitet auch Heiligabend

Schon auf dem Gang riecht es nach Zimtsternen und Vanillekipferln. Ich steige die Stufen zum Gemeindesaal hinauf, den die Ehrenamtlichen einmal wöchentlich zum Begegnungscafé umfunktionieren. An weihnachtlich geschmückten Tischen sitzen Leute zusammen, spielen selbsterklärende Spiele, füllen Anträge fürs Sozialamt aus und verfassen Briefe, in denen sie der ehemaligen GEZ erklären, der Bewohner des Containers Nr. sowieso halte gar kein Gerät zum Empfang öffentlich-rechtlicher Sender bereit und verzichte deshalb darauf, einen Beitrag zum deutschen Bildungsfernsehen zu entrichten.
Zur Feier des Tages hat sich ein älterer Herr mit Akkordeon eingefunden. Umringt von den anwesenden Kindern spielt er Weihnachtslieder. Der kleine Danijel Jusufović strahlt übers ganze Gesicht, als er das Lied erkennt, das er gerade im Kindergarten gelernt hat, und stimmt aus vollem Halse ein: „Morgen, Kinder, wird’s was geben…“

Vor der Kirche verkauft ein Trüppchen Pfadfinder Weihnachtsbäume für einen guten Zweck. Ich diskutiere mit meinem Mann gerade Nordmanntanne versus Fichte, als ein kleiner Wölfling sich zu Wort meldet: „Möchten Sie sich nicht dieses Baumes erbarmen?“, fragte er und zeigte auf ein gut gewachsenes Exemplar, dem aber die Spitze fehlt. „Sie bekommen ihn auch zum Sonderpreis.“ Mit spontanem Wohlwollen reagiere ich auf die korrekte Verwendung des Genitivs (schließlich unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache), während mein Mann sich eher als Tüftler angesprochen fühlt und die abgebrochene Baumspitze begutachtet, die der Pfadfinder hochhält. Das finanzielle Argument gibt bei uns beiden den Ausschlag, aber das würde keiner von uns zugeben. Kurz darauf verstauen wir unseren „Weihnachtsbaumbausatz“ im Auto.

Als wir den Baum am nächsten Morgen zum Schmücken ins Haus holen, klingelt das Telefon. Herr Jusufović, der seit ein paar Monaten mit seiner Familie bei uns in der Gemeinde wohnt, ist dran. Ich gebe ihm Deutschunterricht, und da ich seine Sprache spreche, dolmetsche ich ab und zu für ihn. Er habe einen Brief bekommen, sagt Jusufović. Etwas Amtliches, mit einem Adler links oben. B-E-S-C-H-E-I-D, buchstabiert er mir die Überschrift. Ich lasse den Baum liegen und treffe mich mit ihm. Der Brief, den er pünktlich am 24. Dezember bekommen hat, ist ein Bescheid über die Anordnung seiner Abschiebung. Ich brauche Jusufović nichts zu übersetzen. Das Wort „Abschiebung“ kennt er. Fehlt nur noch, dass der Absender mit „Frohes Fest“ grüßt.

Ich stelle mir vor, wie am Vortag, während wir Weihnachtslieder sangen und Plätzchen aßen, ein Sachbearbeiter in seinem Büro auf die Uhr sah. Es war Mittagszeit. Aber heute würde er sich keine Pause gönnen, sondern durcharbeiten, um vor dem wohlverdienten Weihnachtsurlaub noch alle Bescheide, die in seinem Fach warten, fertigzumachen und abzuschicken. Und dann: Gran Canaria! Weihnachten in der Sonne. Weit weg vom Büromief, von der pflegebedürftigen Mutter, von Nieselregen oder Schneematsch. Frisch motiviert haute er in die Tasten seines Computers.
Plötzlich klopfte es und eine Nikolausmütze schob sich durch die Tür. „Frohes Fest und guten Beschluss!“ Die Kollegin aus dem Büro nebenan stellte ein Tütchen Lebkuchenherzen neben seinen Bildschirm, selbstgebacken. Dann verschwand sie über den Flur zu den übrigen fleißigen Kollegen.
Von da an fiel es dem Sachbearbeiter schwer, sich zu konzentrieren. Sein Magen knurrte, sein Blick glitt immer wieder vom Dokument auf dem Bildschirm zu der durchsichtigen Tüte. Schließlich riss er sie auf. Auf Gran Canaria machten Lebkuchen ohnehin keinen Sinn. Er probierte ein Herz, klickte kauend weiter, steckte sich noch eins in den Mund. Dann riss er sich zusammen, erledigte in einem Zug die letzten Schreiben, speicherte und gab den Druckauftrag. Während der Drucker ratterte, vertilgte er die restlichen Lebkuchenherzen aus der Tüte. Er faltete die Briefe und steckte sie in Fensterumschläge und leckte die gummierten Laschen mit seiner klebrigen Zunge an. Ab zur Poststelle und dann nach Hause, packen. Heilig Abend unter Palmen.

Als ich von Jusufovićs zurückkomme, hat mein Mann den Baum schon aufgestellt und ist gerade dabei, die abgebrochene Spitze mit Blumendraht zu befestigen. „Lass mal“, sage ich. „Dieses Jahr kommt kein Stern an den Baum.“
Und dann stelle ich mir vor, wie der Sachbearbeiter gerade mit seiner Frau in einer Hotellobby auf Gran Canaria steht. Vor den Panoramafenstern wiegen sich Palmen im Wind. Die Krippe, die die Hotelangestellten davor aufgebaut haben, wirkt wie im falschen Film. Aber der Sachbearbeiter hat ohnehin nur Augen für den Portier. Seit einer Viertelstunde sucht der im Computer vergeblich nach ihrer Reservierung. Ein Anruf im Reisebüro bringt auch nichts. An Heiligabend ist dort niemand mehr zu erreichen. Verzweifelt wendet er sich nochmals an den Portier. Der zuckte die Schultern: „Tut mir leid, wir haben wirklich kein Zimmer mehr frei.“

Streiflicht: Belgrad – Hotel Moskva

Von der Terrasse unseres Hotels hat man einen grandiosen Blick in Richtung Pannonische Tiefebene. Die Straße, die in den Terazije-Platz mündet, schiebt die Bebauung auseinander, der unmittelbar benachbarte Park bricht diese Stadtlichtung noch weiter auf und zwischen dem Hotel Moskva und dem Hotel Balkan öffnet sich die Stadt und mein Blick fällt den Berg hinab und über den Fluss in eine gewaltige Weite. Was für ein Ausblick, was für ein Himmel!
Wenn mir die Weite zu viel wird und mein Auge Halt braucht, drehe ich den Kopf leicht nach links. Dort steht seit vielen Jahrzehnten das Hotel Moskva. Ich kann mich kaum sattsehen an seiner glänzenden grünen Jugendstilfassade. Es ist eines meiner zwei Lieblingsgebäude in Belgrad, das andere steht am entgegengesetzten Ende der Knez Mihajlova, der Belgrader Fußgängerzone, in der Kralja Petra. Jugendstil, mit grünen Kacheln verziert.

Das Moskva. Auch meine Tochter liebt das Hotel, es erinnert sie an viele vergangene Aufenthalte in Belgrad. Also machen wir uns auf den Weg und gehen hinüber. Am ersten Tag sitzen wir mit Freunden im inneren Hotelbereich, Jugendstilkunst an den Wänden, ein Flügel, auf dem heute allerdings niemand spielt. Man sitzt unten oder auf der Galerie, in bequemen Sesseln oder Zweisitzern um niedrige Tische herum. Noch darf hier immer und überall geraucht werden, selbst während des Essens in den Restaurants. Wir rauchen nicht. Wir bestellen Kaffee, Orasnice, ein Gebäck, das überwiegend aus Walnüssen besteht und wundervoll schmeckt, und hausgemachte Limonade. Ein Traum.

Das Moskva. Elegant gekleidete, höfliche Kellner, die gekonnt türkischen Mokka aus sogenannten Džezve einschenken. Diese schön gearbeiteten kleinen Stielkännchen aus getriebenem Messing und der Kaffee, den man hier lieber „landestypisch“ als „türkisch“ nennt, erinnern an die lange Zeit der türkischen Besatzung und sind ein gutes Beispiel für die pragmatische Einstellung auf dem Balkan: Was gut ist aus vergangenen Zeiten, oder lecker oder schön, das wird beibehalten, was nicht, landet auf dem Müllabladeplatz der Geschichte.
Am nächsten Nachmittag setzen wir uns vor dem Moskva auf die Terrasse und bestellen – dasselbe. Es ist ein Ritual, an sich gehören noch eine Zigarette und die Tageszeitung dazu, und ganz viel Zeit. Von hier aus kann man, durch die hohen Nadelgehölze, die im Wechsel mit blutroten Geranien die Terrasse vom Bürgersteig der belebten Straße abgrenzen, die Passanten beobachten. Sehr schlanke, hochgewachsene Mädchen, die Haare perfekt geschnitten und glatt frisiert, stark aber überwiegend geschmackvoll geschminkt, sind auf halsbrecherisch hohen Hacken unterwegs, die uns Respekt einflößen. Junge Männer, meist groß und gepflegt, die vor wenigen Jahren noch aussahen, wie frisch aus dem Bodybuildingstudio gekommen, mit seltsam anzusehenden, mühsam antrainierten Muskelsträngen an Hälsen, die fast denselben Umfang erreichten, wie die Köpfe der Halsbesitzer, sind jetzt wieder auf Normalgröße zurückgeschrumpft. Straßenkartenbewaffnete Touristen aus Deutschland, Amerika oder Japan, in Wanderschuhen und mit Rucksäcken. Orthodoxe Popen in langen schwarzen Soutanen, deren lustig-listige Augen über wallenden Vollbärten hervorblitzen. Bettelnde Zigeunerinnen, die sich mit dem Kind an der Brust an Touristenfersen heften. Niemals würden sie sich als Roma bezeichnen. Und von wegen lustig ist das Zigeunerleben, hier sind sie, wenn sie arbeiten, Straßenfeger – deren ständiger Einsatz übrigens dazu beiträgt, dass die Stadt deutlich sauberer ist, als ich sie in Erinnerung habe.

Das Moskva. Ein Schmuckstück. Tagsüber in der Sonne glänzend, nachts effektvoll beleuchtet. Früher Dreh- und Angelpunkt für Besprechungen und Geschäfte der Belgrader Kaufleute mit den Bauern und Händlern aus der näheren Umgebung und Geschäftsleuten auf der Durchreise. Selten geworden sind die Bauern aus dem Umland, die noch vor wenigen Jahren in Tracht, oder zumindest mit einzelnen Teilen ihrer Tracht, wie den Šajkače, gefilzten Wollhosen, oder in Opanke, Lederschuhen aus einem Stück, deren Kappe hochgebogen ist, mit ihren Produkten zum großen Markt unterhalb des Moskva kamen. Dort, auf dem Zeleni Venac, verkaufen sie immer noch ihr selbst angebautes Obst und Gemüse, das Fleisch ihrer selbst gezüchteten Schweine und Schafe, ihren eigenen Käse und Kajmak, aber ihre Tracht tragen sie nicht mehr.

Das Moskva. Heute sitzen hier korrekt gekleidete Herren in dunklen Anzügen, die während ihrer Geschäftsreise ein Hotelzimmer im Moskva bezogen haben, Pensionäre, die über Politik diskutieren, Touristen, die sich von der Stadtbesichtigung ausruhen, und wir. Irgendwie dazwischen. Zwischen Einheimischen und Touristen. So wie auch das Moskva irgendwie dazwischen ist. Zwischen Jugendstil und Moderne, zwischen Touristen aus dem Westen und den Alteingesessenen aus der Stadt. Zwischen glorreicher Vergangenheit und dem, was noch kommen wird.

Ein Hotel für die Geheimpolizei

Ich erreiche mein Ziel an einem Wochenende im Herbst, kurz bevor Bora und Kälte Dalmatien in den Würgegriff nehmen. An diesem Morgen kommt der Wind aus Süden. Ein Wind, den wir Jugo nennen und der nirgendwo so heftig weht wie an der Riviera von Makarska. Es ist warm aber bewölkt und nur noch die hartgesottensten Schwimmer gehen ins Wasser. Träge wälzen sich graue Wellen durch den Kanal zwischen Festland und der Insel Brac und treffen am Fuß des Berges Biokovo auf Land; Land, das der gleiche Jugo und das Meer vor ewig langer Zeit erschaffen haben.
Ich stehe am äußersten Rand des Ortes Tučepi, an einem geradezu paradiesischen Küstenabschnitt, und es wundert mich nicht, dass die Elite einer Diktatur dieses Fleckchen Erde für sich beansprucht hat. Die Kieselsteine am Strand klackern wie Murmeln unter meinen Schuhen, hinter mir das Meer, vor mir dichter Pinienwald und die gewaltige bleigraue Wand des Biokovo. Doch mein Blick ruht auf dem Gebäude zwischen Meer und Gebirge – dem Hotel Jadran in Tučepi bei Makarska.

Die Fassade des Jadran zeigt ein gleichmäßiges Raster aus Balkonen, davor ein früher mal verglaster Pavillon, eine großzügige Terrasse und schließlich die Mole. Entlang des goldenen Schnitts kreuzt eine Vertikale das rechteckige langgestreckte Gebäude und versetzt den Betrachter nach Gotham City, in das Prag zwischen den Weltkriegen oder in eine Bauhausfantasie. Hier erhebt sich ein Turm, dessen wie ein Gitternetz angelegtes Fenstermosaik Licht ins Innere lässt. Auf dem Turm befindet sich ein Aufbau, der von einer Terrasse umgeben und von einer Fahnenstange gekrönt ist. Von hier oben könnte gleich Batman aufflattern. Auch der Rest des Gebäudes würde nach Gotham passen, wie von Frank Miller in schwarzer Tusche gezeichnet. Der Eingang wird von einer konvex gebogenen Wand aus Kalkstein verdeckt. Innen dringt Licht durch das Fenstergitter des Turms und beleuchtet ein Treppenhaus, das sich in einer ovalen Spirale nach oben schraubt, wie in einem Film von Curt Siodmak oder auf einem Filmplakat zu „Vertigo“. Und wenn man überzeugt ist, sich in einer architektonischen Ikone des Modernismus zu befinden, einem Klassiker in Berlin, Prag oder Dessau, wird man unvermittelt mit der jugoslawische Vergangenheit des Hotels konfrontiert: ein Wandbild zeigt alle jugoslawischen Völker in ihrer jeweiligen Tracht brüderlich vereint beim Kolo-Tanzen. Das steht im krassen Gegensatz zur strengen Moderne des Gebäudes. Dann läuft man weiter durch dieses lebende Bauhaus, und wann immer sich der Bick durch eine Öffnung nach draußen richtet, sieht man eine Postkartenlandschaft – Kieselsteine, Pinien, Inseln.

Es gab eine Zeit, da war dieses Hotel der ganze Stolz eines Regimes, das erste Hotel der Nachkriegszeit an der jugoslawischen Adria und ein Symbol der Prosperität. Heute ist es die Verkörperung eines jahrzehntelangen Verfalls, der sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt – verödet, demoliert, das Inventar im Zerfall begriffen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, geplündert. Das Hotel ging von Hand zu Hand und jeder neue Eigentümer hatte nur einen Wunsch – das Ding abzureißen. Gerettet haben es die Denkmalschützer, und so steht es noch immer am äußersten Rand von Tučepi und symbolisiert den fehlgeschlagenen Übergang zum Kapitalismus.
Ein rotes Absperrband soll Neugierige fernhalten, doch ohne Zögern springe ich drüber. Zerbrochene Keramikfliesen liegen herum, abgebrochene Äste, leere Blechdosen und Abfall. Die Demütigung ist absolut, ein sichtbares Zeichen, wie sehr diese Gesellschaft das Beste vernachlässigt, was sie selbst erschaffen hat. Während man die Landschaft der Zerstörung betrachtet, erkennt man den Zauber des Gebäudes. Was man nicht sehen kann, ist die unglaubliche Geschichte hinter dem Hotel, eine Geschichte, die die Essenz der Ereignisse aus siebzig Jahren beinhaltet.

Das Hotel Jadran in Tučepi wird behandelt wie das hässliche Kind des Totalitarismus. Errichtet wurde es kurz nach dem Krieg als Feriensitz der jugoslawischen Geheimpolizei –  der Udba. Die Legende erzählt, dass damals eine vom Chef der Geheimpolizei Aleksandar Ranković persönlich ausgewählte Kommission mit einem Motorboot die Küste von Süden nach Norden hinauffuhr, um nach einem geeigneten Ort Ausschau zu halten, wo die Spitze des Unterdrückungsstaates die Sommerfrische verbringen würde. Sie schipperten die ganze Adria hinauf und entschieden sich für einen unbewohnten Küstenstreifen ohne Straßenanbindung zwischen dem damals winzigen Dorf Tučepi und dem nahegelegenen Makarska.

Anschließend brauchten die jugoslawischen Geheimpolizisten noch einen Bauplan. Den gaben sie bei Branko Bon in Auftrag, einem Architekten von der Insel Krk, der bereits in der Zeit zwischen den Kriegen Ruhm erlangt hatte. In Belgrad hatte er die „Palata Albanija“ mitentworfen, das hervorstechendste Gebäude auf Belgrads Hauptstraße Kneza Mihajlova und das zu der damaligen Zeit höchste Hochhaus Osteuropas. Bon war ein anerkannter Architekt des Vorkriegsregimes, aber von diesem Regime war er auch inhaftiert worden. Später ging er zu den Partisanen, weshalb er auch unter dem neuen Regime hohes Ansehen genoss. Im Auftrag der Geheimpolizei entwarf Bon für Tučepi ein Gebäude, das in vielerlei Hinsicht ein Unikum war. Denn damals – Ende der 40er – erneuerte sich Europa. Die Menschen gingen in Lumpen und lebten in Ruinen, und alle europäischen Nationen (und auch Jugoslawien) bauten Eisenbahnstrecken, Brücken, Krankenhäuser, Bahnhöfe. Hotels wurden wenige oder gar keine gebaut, außer von der jugoslawischen Geheimpolizei.

1948 wurden immer noch tausende deutscher Kriegsgefangenen in Lagern von der Regierung am Leben erhalten und als Sklaven missbraucht. So wurde auch das Hotel in Tučepi von deutschen Zwangsarbeitern errichtet. Einen von ihnen hat der Journalist Anđelko Erceg vor einiger Zeit aufgestöbert. Der Wiener Arzt Hans Lang war zum Zeitpunkt des Gesprächs 78 Jahre alt, als 19-Jährigen hatte man ihn nach Tučepi gebracht. Er erzählte Erceg, dass die deutschen Häftlinge Blasmusikkonzerte für die Dorfbewohner veranstalteten und mit ihnen Fußball spielten. Hans Lang spielte gut Fußball und so liehen die Einheimischen ihn sich für Spiele in der Kreisliga aus. Sie nahmen ihn mit zu Auswärtsspielen, zum Beispiel nach Brač. „Bjondi Hans“, der blonde Hans, wie er in Tučepi genannt wurde, durfte Mitte 1949 nach Hause, doch er vergaß Tučepi nicht und freundete sich mit einigen der Dorfbewohner an. Wohl als Folge einer Art von Stockholm-Syndrom kehrte er bereits 1953 zusammen mt seiner Frau als Tourist nach Tučepi zurück und machte seine ehemaligen Fußballkameraden ausfindig. Sein Leben lang verbrachte er den Urlaub in eben dem Hotel, das er als Zwangsarbeiter mit aufgebaut hatte. Und die örtlichen Partisanen, die ihn dabei mit dem Gewehr in der Hand bewacht hatten, bedienten ihn nun als Kellner: Kein anderes Bild veranschaulicht besser die Absurditäten des 20. Jahrhunderts im östlichen Mittelmeerraum.

Mitte ’49 durften die deutschen Kriegsgefangenen nach Hause, doch am Hotel wurde noch fünf weitere Jahre gebaut, bis es 1954 schließlich fertig war. Die lange Bauzeit erklärt sich vor allem durch den Mangel an Baumaterial. So wurden zum Beispiel keine neuen Rohre für die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verwendet. Man nahm ausrangierte Rohre eines ausgebrannten Passagierdampfers. In den ersten drei Jahren nach seiner Eröffnung wurde das Jadran ausschließlich von der Polizeielite genutzt, hier hielten sie Konferenzen ab und übten sich im „Teambuilding“. Erreichbar war das Hotel nur über einen notdürftig geschotterten Feldweg, deshalb wurde für den Bootstransfer eine Mole gebaut.
Das Hotel war luxuriös, die Zimmer geräumig aber es gab nur wenige, die Vergnügungs- und Gastronnomieräume waren großzügig angelegt, aber von den geräumigen Zimmern gab es nur wenige.
Ein Luxushotel für die Geheimpolizei, gebaut von einem armen Staat, noch dazu mit Zwangsarbeitern, war damals schon für viele eine abstoßende Vorstellung, und so sah der berühmte Kunsthistoriker Vladimir Prelog im „Jadran“ ein Beispiel für rücksichtslose Vereinnahmung von Landschaft.

Doch bereits drei Jahre nach der Fertigstellung änderte sich das Schicksal des jugoslawischen „Stasihotels“ grundlegend. 1957 war Jugoslawien bereits in seinen ganz eigenen „roaring 50s“. Die ökonomische Entwicklung war schwindelerregend und die ganze Gesellschaft öffnete sich für den Genuss: erste Supermärkte, Kühlschränke, Schlagermusik, Filme, Tourismus. Im gleichen Jahr, als das erste Schlagerfestival von Opatija, das jugoslawische Pendant zu San Remo, stattfand und Zdenka Vučković in der Hymne des neuen Kommunismus ihren Papa trällend aufforderte, ein neues Auto zu kaufen, waren die Zeiten des Jadran als Polizeihotel vorbei, die Türen wurden für die breite Öffentlichkeit aufgestoßen. Von diesem Moment an wuchs die Nabelschnur zum Dorf, in dessen Nähe es errichtet wurde. Zu der Zeit war Tučepi noch ein Dörfchen an den Hängen des Biokovo, die Menschen lebten von Schafen und Oliven, entlang des Kiesstrands stand gerade mal eine Handvoll Häuser, ein paar Bootsschuppen und zwei barocke Ferienhäuser aus dem 18. Jahrhundert, die zwei reichen Geistlichen gehörten. Der Boden am Biokovo ist hart und karg und der Strand einfach zu schön. Deshalb zog das Dorf in diesen Jahren von den Hängen hinunter ans Meer, und ehemalige Landarbeiter, deren Abhängigkeit und Elend vor dem Krieg der Schriftsteller Đuro Vilović beschrieben hat, übernahmen nun Arbeiten im Tourismus. Im neuen Hotel bedienten sie, kochten, bügelten, während tausende sozialistischer Selbstverwalter hier ihren Urlaub verbrachten, aus Slowenien, Nordkroatien, Bosnien und Serbien und schon bald auch aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Ich sprach mit einer Frau, deren Mann in den 60ern Direktor des Hotels war. Bei ihnen zu Hause wurde die zweite Telefonleitung des Ortes verlegt. Die erste führte natürlich ins Hotel. Wenn man als Einziger im Ort ein Telefon hat, gibt es logischerweise niemanden, den man anrufen könnte. Deshalb thronte das schwarze Ungetüm auf einem Beistelltischchen und diente dazu, dass ihr Mann in stürmischen Nächten den Nachtportier anrufen konnte, um ihm aufzutragen, in den nach Norden hinausgehenden Zimmern die Jalousien zu schließen.

In den 60ern wandte sich die Riviera von Makarska dem Massentourismus zu, für den der Geheimdienst-Glamour nicht rentabel war. Deshalb gab die örtliche Hotelverwaltung einer ortsansässigen Architektin 1969 den Auftrag zu Umbauten, ein Aufzug wurde eingebaut, die Zimmer verkleinert und ihre Zahl erhöht und auf das Ganze wurde ein weiteres Stockwerk gesetzt. Nach Meinung der späteren Architekturkritik wurde durch diesen Eingriff die perfekte Harmonie von Bons Fassade zerstört. Dennoch war das Hotel Jadran Mittelpunkt des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen  Lebens. Hier wurde gefeiert: Silvester, Abitur, Hochzeiten. Auf der Hotelterrasse gastierten die Größen des jugoslawischen Showgeschäfts, und einer Legende nach trat auf eben dieser Terrasse der bis dahin glattrasierte junge Sänger Mišo Kovač zum ersten Mal mit einem Schnurrbart auf, seinem späteren Markenzeichen. Mit der Zeit wurde das Hotel jedoch zu klein und die Zimmer waren nicht mehr zeitgemäß. Ende der 80er erwog das sozialistische Amt für Tourismus in Tučepi den Abriss. Doch auch dieser Plan endete in dem tödlichen Fluss, wo in Kroatien alles endete – im Krieg.

Im Krieg wurde das Hotel Tučepi vorübergehend zu einem Heim für kroatische und bosnische Flüchtlinge. 1994 zogen die Füchtlinge wieder aus und hinterließen das Hotel zwar abgenutzt aber immer noch intakt. Im Mai 1996 wurde es privatisiert. Die Eigentümer kamen und gingen, ihre Ehefrauen zeterten in den Medien. Es waren Litauer und Russen und Kroaten, und alle hatten sie den gleichen Wunsch – Bons Meisterwerk abzureißen. Zu der Zeit versicherten mir ortsansässige Journalisten, sie hätten drei unterschiedlich lautende Gutachten der Denkmalbehörde aus Split in Händen gehalten, unterschrieben von der gleichen Person. Dennoch wurde das Hotel 2001 präventiv und 2011 dauerhaft unter Denkmalschutz gestellt. Grundlage hierfür waren Gutachten der Architekten Dinko Peračić und Maroje Mrduljaš. Der Denkmalschutz erlaubt den Bau eines eigenständigen Anbaus und dazu gibt es einen Entwurf. Lokalzeitungen verkündeten jedoch, dass der Eigentümer Jako Andabak mit dieser Lösung unzufrieden sei und es neue Initiativen gebe, „Investitionshürden“ aus dem Weg zu räumen, beziehungsweise Bons Prachtstück abzureißen. In der Zwischenzeit haben ortsansässige Müllverwerter und Plünderer das Hotel bis aufs Letzte gefleddert und praktisch alles mitgenommen: Keramikfliesen, Elektroinstallationen, Holzvertäfelungen, Lüster, Treppengeländer, Kunstgegenstände. Ehemalige Hotelangestellte berichten, dass sie Kunstwerke aus dem Hotel in privaten Wohnzimmern hängen sahen. Eine Anwohnerin, die sich noch an die goldenen Zeiten des Hotels erinnert, berichtet, dass sie einmal auf dem Weg zum Friedhof in einem Hof den ovalen Empfangstresen stehen sah. Das gesamte Interieur – das den Geist der 50er verströmte – ist unwiederbringlich verloren.

Sogar in diesem Zustand – verrottet, gefleddert, demoliert – ist Bons Hotel noch immer schön. Über diesem verwunschenen Stückchen Natur erhebt es es sich mit seinem Wachturm und darauf ein Fahnenmast und eine Uhr. Und davor erstreckt sich noch immer der Kiesstrand mit der winkelförmigen Mole, auf der früher tschechische Touristinnen trällerten. Zermürbt und gedemütigt steht das Hotel an diesem vielleicht schönsten Kiesstrand der kroatischen Adria und erzählt eine Geschichte über mindestens drei Epochen. Die Geschichte von einem Land, das vom hässlichen Nachkriegstotalitarismus zu einem seltsamen, ganz eigenen Sozialismus der Bonvivants überging und schließlich in einem missgestalteten Kapitalismus gelandet ist, einem Kapitalismus, dem einfach nichts gelingt und der keine unserer Errungenschaften der Vergangenheit zu etwas Gutem und Erhaltenswerten weiterentwickeln konnte. Nicht eine einzige – auch nicht das Hotel Jadran in Tučepi.

Sibeniks Wiederauferstehung

Das Schöne bei uns ist ja , dass mindestens vier Städte, mehr oder weniger berechtigt, um den Titel der wichtigsten Stadt Dalmatiens wetteifern. Dubrovnik fährt das Argument der Geschichtsträchtigkeit auf – seine lange Tradition als Staat, ein reiches kulturelles Erbe, den Bekanntheitsgrad in der ganzen Welt und seine Attraktivität als touristisches Ziel.
Zadar punktet mit seiner Tradition als historische Hauptstadt und damit, die Zeit des Übergangs zur Marktwirtschaft ohne Kratzer überlebt zu haben. Split wirft seine Größe in den Ring, seine Medienmacht und Kulturszene, seine Schriftsteller, Rapper, Journalisten und Musiker.

Geld aus europäischen Fonds

Hinter diesen dreien wäre Šibenik sozusagen das  vierte „kleine Schweinchen“, das ärmste und kleinste. Jahrzehntelang und bis heute galt Šibenik als Schlusslicht unter den größeren Städten Dalmatiens. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn kann die Stadt weder eine Universität noch einen siegreichen Sportklub vorweisen, sie ist weder wirtschaftlich stark noch politisch mächtig, hat keinen Hafen, keinen Tourismus, nicht einmal ein richtiges Strandbad, ihre Post- und Zollämter und Bankfilialen schließen, kurz gesagt: die Stadt ist zum allmählichen Verfall verurteilt. Wie sehr dies auch das Lebensgefühl in Šibenik selbst prägt, zeigt ein Ereignis im Jahr 2012: Damals trugen Mitglieder eines ortsansässigen Vereins die Stadt symbolisch zu Grabe – mit Begräbniszug, Kreuz und Sarg.

Das Bild von Šibenik als Looser-Stadt ist so fest in Stein gemeißelt, dass niemand – zumindest in Dalmatien – es mehr in Frage stellt. Ich sehe das anders. Zwar lebe ich nicht in Šibenik, aber ich bin ziemlich oft dort, und mit allen Vorbehalten, die man gegen den Eindruck eines Außenstehenden geltend machen kann, glaube ich behaupten zu können, dass Šibenik momentan die positivste Stadtgeschichte Dalmatiens schreibt. Es entwickelt sich von allen Städten in unserer Region in die beste Richtung, hat die klügste Vision und interessanteste Perspektive.

Kommt man aus Split, Zadar oder Dubrovnik ist man zunächst verblüfft, wie sehr sich diese Stadt mit Hilfe aus europäischen Fördertöpfen verwandelt hat. Während in der Spliter Stadtverwaltung gerade mal fünf von 700 Angestellten in der Lage sind einen EU-Antrag anständig auszufüllen, hat Šibenik in den letzten Jahren mit europäischen Mitteln die Festung St. Mihovil erneuert, das Faust-Vrančić-Museum eingerichtet, die Promenade am St.-Ante-Kanal ausgebaut. Inzwischen wird die dritte Stadtfestung – Barone – erneuert.

Investition in Luxus

St. Mihovil wurde dabei nicht nur oberflächlich verschönert, sondern innerhalb der Festungsmauern wurde ein fantastisches Open-Air-Gelände geschaffen, das bereits in diesem Sommer vor lauter Konzerten, Festivals und Filmvorführengen nur so brummte. Und das kleine charmante Faust-Vrancic-Museum auf der vorgelagerten Insel Prvić wurde zu einer zusätzlichen Attraktion für die hier festmachenden Segler.
Die supergescheite Verwaltung von Dubrovnik dagegen und die noch schlauere Opposition wussten mit dem Gelände hinter dem Srđ, dem Sergiusberg, nichts Besseres anzufangen, als ihn mit Ferienhäuschen zu verbauen. Pula weiß bis heute nichts mit den riesigen ehemaligen Militärgeländen Katarina und Monument anzufangen, und der Muzil – Pulas Pendant zum Spliter Hausberg Marijan – ist für die Öffentlichkeit nach wie vor unzugänglich, mit Schranke und Bewachung.

Im Gegensatz dazu hat Šibenik die ehemaligen Militäreinrichtungen am Kanal St. Ante kurzerhand für die Bevölkerung geöffnet, mit EU-Geldern Fahrradwege ausgebaut und Informationstafeln aufgestellt. Auf der anderen Seite der Stadt wurde ein ehemaliges Industriegelände zum Stadtbad Banj umgebaut, und Šibenik ist somit nicht länger die einzige Stadt Dalmatiens, in der man nicht am Strand liegen kann. Das Gelände am St.-Ante-Kanal soll als Grünfläche erhalten bleiben, denn für den Tourismus ist es förderlicher, dass man hier spazieren gehen, baden und sich entspannen kann, als dass das Gelände den Immobilienmaklern überlassen und mit Häusern zugepflastert wird.

Deshalb herrscht aber in Šibenik noch lange keine “Antinvestitionsklima”. Weit gefehlt. Šibenik erhielt in diesem Jahr den größten Investitionszuschlag an der Adria, für eine riesige Marina und ein spektakuläres Luxushotel der türkischen Dorgus Gruppe; ein Hotel nach Plänen des umstrittenen und genialen Nikola Bašić aus Zadar. Dadurch bekommt Šibenik nicht nur ein Hotel, sondern unterstützt außerdem die Wiederbelebung von wertvollem öffentlichen Raum, anstatt das ehemalige Militär- und Industriegelände der Verwahrlosung zu überlassen.

Inzwischen tut sich auch etwas im Tourismus und Šibenik verströmt einen Hauch Hipsterchic, den Split bereits hat. Doch im Gegensatz zu Split und vor allem Dubrovnik ist dieser Tourismus noch nicht so aufgebläht, dass darunter das städtische Leben implodiert. Nicht zuletzt bekommt Šibenik so auch neue kulturelle Impulse, etwa durch die Szene am St. Mihovil oder das Fališ-Festival linker Ideen und Kultur, das über die Stadtgrenzen hinaus Furore macht.

Kurz gesagt, vergleicht man Šibenik mit Split, das in seinem klientelistischen Chaos aus Parkberechtigungen, Restaurantbestuhlung, Standgebühren und Veteranenvereinigungen versinkt, oder vergleicht man Šibenik mit Dubrovnik, das von amtierenden Politikern als Einweg-Cashcow missbraucht wird, oder mit Zadar, dessen Schicksal in fataler Weise mit dem seines Bürgermeisters verknüpft ist, der wegen Korruption, Amtsmissbrauch und Bestechung unter Anklage steht, vergleicht man Šibenik also mit diesen drei Städten, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das vierte kleine Schweinchen sich zum Rollenmodell gewandelt hat. Von diesem Vorbild könnten die anderen dalmatinischen Städte eine Menge lernen. Šibenik versteht den europäischen Kontext zu nutzen, erkennt die Bedeutung von Räumen und Flächen und plant eine ausgewogene Entwicklung.

Eine Stadt mit Vision

Erstaunlicherweise lässt sich nicht sagen, wem das Lob gebührt. In Šibenik gibt es keine selbsternannten „Fürsten“ und auch keine jahrzehntelange Feudalherrschaft wie in anderen dalmatinischen Städten. In Šibenik wechseln sich regelmäßig zwei langweilige Parteien mit dem Regieren ab – SDP und HDZ. Keine der beiden war lange genug an der Macht, um die Erfolge nur für sich zu verbuchen, doch beide können sich auf die Fahne schreiben, das Erbe der jeweils anderen Partei nicht zerstört, sondern darauf aufgebaut zu haben.

Das Beispiel Šibenik zeigt, dass mittelfristige Planung und visionäre Kontinuität dafür die besseren Voraussetzungen sind als die zementierte Kontinuität einer immer gleichen Regierung, die zu Klientelpolitik und willkürlicher Allmacht führt – wie etwa in Dubrovik, Rijeka und Pula.

Natürlich wenden die Menschen, mit denen ich in Šibenik gesprochen habe, ein, dass das alles nur Fassade sei, dass Šibenik noch immer die Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerstatistik anführe und dass bloß die Aluminiumfabrik TLM dicht zu machen brauche, um die Stadt dauerhaft in die Knie zu zwingen.

Das mag alles stimmen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Šibenik in diesem Moment etwas tut, was die anderen Städte an der kroatischen Adria sträflich versäumen: Šibenik nutzt seine Ressourcen an Raum und Sehenswürdigkeiten zu einer vernünftigen Entwicklung.

>