Hesse kann Tango

Hesse kann Tango

Von Alpan Sagsöz
„Anschläge in Istanbul, mehrere deutsche Touristen tot“
„Kinder schauen alle 18 Minuten auf ihr Handy. Laut aktueller Studie stresst das dauernde On-Sein unsere Kinder mehr als bisher angenommen“
„Isis-Schlächter enthauptet einen Norweger, 17 Tadschiken und einen Ostfriesen auf dem Marktplatz in Soest – keiner der Zeugen zeigte Zivilcourage“
„Peter Pan kotzt morgens um drei aus dem dritten Stock eines Berliner Vier-Sterne-Hotels und trifft das Dekolleté von Veronica Ferres“
„Breaking News! Klimaveränderungen beeinflussen laut Pekinger Forschungsinstitut nachhaltig die Haarstruktur von Bulgarinnen. Spliss! Rasant ansteigende Zahl Geschädigter im Norden von Sofia!“

Unsere Welt: Laut. Stakkato. Hardcore. Schwer, nicht aus seinem Lebensrhythmus herauskatapultiert zu werden.
Wie hätte Hermann Hesse mit dieser Informationsflut gelebt? Jedenfalls hätte er diese Phase unserer Spezies wohl als ziemlich unromantisch empfunden.

Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu finden, sagte er.

Hesse ist eine Ikone. Einer, den man weder in der Pubertät verbiegen konnte (eher wäre er in der Psychiatrie zerbrochen) noch später, als er die Literaturnobelpreis-Feierlichkeiten als Klimbim abtat und einfach schwänzte. Bei uns war Hesse kein Popstar, aber in den USA und Japan avancierte er posthum unter die meistgelesenen Europäer des Jahrhunderts. Also hatte er Einfluss auf die Haltung vieler Menschen. Er hatte Einfluss auf die Weltenseele.
Seitdem ich mich für die Literaturwelt interessiere, bin ich sein Fan. Würde Hesse noch leben, würde ich natürlich seine Lesungen besuchen, zu denen er selbst wahrscheinlich nicht erschiene. Spannende Vorstellung, vor allem in der jetzigen Zeit, wo Hinz und Kunz sich als „Supertalente“ exaltieren und dabei nicht selten nur dumpfe Vulgarität bieten. Star for a day. Eher für fünf Minuten. Und das Supertalent ist: keins zu haben. Ätsch! Eine andere Art Nirwana sozusagen. Auf eine Zeit mit so vielen „Stars“ hätte Hesse nur mit noch mehr Rückzug reagiert.
Wenn mich aber doch etwas an ihm irritiert hat, dann, dass seine Figuren nie zu lachen scheinen. Vor meinem inneren Auge haben sie dauernd die Stirn in Falten gelegt, selbst wenn sie schlafen. Selbst wenn sie noch Kinder sind, selbst wenn sie kurz vor der Erleuchtung stehen. Vielleicht war seine trockene Ernsthaftigkeit den religiösen Eltern, vielleicht dem engstirnigen Calw, möglicherweise beidem geschuldet. Dennoch wurde Hesse für mich zu einem Leuchtturm.
Vor über zehn Jahren las ich seinen Demian. Kennen Sie das, wenn eine Geschichte Sie im Mark trifft und Sie eigentlich sofort – wegen dieser einen Geschichte – Ihr Leben umkrempeln wollen? Ja, okay, es wird nichts daraus. Aber etwas hinterlässt es doch: ein unsichtbares Band, eine verschworene Übereinkunft, eine diffuse Solidarität zwischen Autor und Leser.
Was Herrmann Hesse vor fast hundert Jahren schrieb, beruhigte suchende Seelen, nicht nur meine. Niemand konnte innere Welten, Identitätskrisen und versuchte Wege zu jesuitischen Erlösungsgefühlen präziser kartografieren und damit fassbar, verdaubar machen. Er konnte die Weltenseele sezieren und spielend wieder neu zusammensetzen. Das dürfte die Königsklasse des Schreibens sein.
Hesse wurde nicht zufällig a star for a life (und posthum). Er beschäftige sich mit immer aktuellen Fragen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Wer sind wir und wie bekomme ich heraus, was wir hier sollen?
Sein Demian, der Steppenwolf und Siddharta sind Bewusstseinserweiterer. Jeder von ihnen hat diese überwältigende Kraft. Vielleicht habe ich in diesem Winterurlaub deswegen wieder in mein Bücherregal gegriffen und den Demian aufgeschlagen. Hesse war fast immer „offline“, meist irgendwo in der Natur. Sicher, das war früher auch besser praktizierbar. Heute hat man eher das Gefühl, dass man kurz überprüfen muss, ob man überhaupt existiert, wenn man länger keine Posts geschrieben hat. Ja, was hätte Hesse heute empfunden, was hätte er im Jahr 2016 geschrieben?
Fest steht, dass er versuchte sich „von Stufe zu Stufe“ zu entwickeln. Durch seine Romane kristallisiert sich ein zentraler Gedanke heraus: Es gibt nur ein Universum, in das es sich lohnt, abzutauchen – man selbst. Immer wieder und immer wieder aus einem anderen Einfallstor, sich selbst überraschend. Quadraturen der Kreise produzierend. Man wird darin umkommen. Was sonst? Aber was, wenn es ein Umkommen, ein Sich-Verlieren wäre, wie bei Hesse? Vielleicht hat er dieses Ich nie gefunden, vielleicht auch bald nicht mehr finden wollen. Aber der Weg dahin hat ihn ein Leben lang getragen und geschützt vor der diffusen, meist im Gleichschritt laufenden Außenwelt. Er hat sich nicht von ihr mitreißen lassen, die Fersen fest in den Boden gerammt.
Es ist alles nur ein Versuch … schrieb Hesse. Man darf also alles versuchen. Man darf fragen, wo eigentlich der Punkt war, an dem die äußeren Fortschritte sich vom seelischem Unterbau der Welt abkoppelten. Vielleicht hilft es, um dort wieder anzuknüpfen. Andernfalls werden gewisse Fragen nicht zu klären sein: Wie zum Beispiel konnte sich ein gesellschaftlicher Konsens bilden, dass man sich in einer immer substanzloseren Effektivitätsgegenwart verlieren will? Hesse war es geglückt, die eigenen Schneckenhäuser immer mitzunehmen und eben nicht mit einer billigen Arschbombe johlend ins Nirwana zu springen. Er beherrschte den Tango des Lebens. Wir sollten es vielleicht ab und an auch versuchen, und sei es mit zwei linken Füßen.

Wie unter einer Käseglocke – Interview mit Jurica Pavicic

Jurica Pavicic ist Schriftsteller und Filmkritiker. Er lehrt an der Universität Split, schreibt Erzählungen und Romane und seine Artikel erscheinen regelmäßig in der kroatischen Presse. 2004 lief die Verfilmung seines Buches „Ovce od gipsa“ unter dem Titel „Die Zeugen“ im Berlinale Wettbewerb. Ich treffe ihn in einem Café am Potsdamer Platz.

RED: Hast du eine sentimentale Beziehung zur Berlinale?

PAVICIC: Ja. Es ist immerhin das einzige Festival, bei dem ich als Autor präsent war. Aber die Berlinale ist mir auch das liebste große Filmfestival. Du musst dir das so verstellen. Wir alle, die wir diese Presseausweise oder irgendwelche VIP-Ausweise tragen, sind auf solchen Festivals in der Regel wie unter einer Käseglocke. In Cannes oder Venedig kommst du mit dem Publikum praktisch nicht in Berührung. Du lebst in einer Parallelwelt. Ich glaube, wenn eine Atombombe vom Himmel fiele, würdest du es erst drei Tage später erfahren.
Das Schöne in Berlin ist, dass du zwar auf einem Festival bist, doch du musst nur zwei Querstraßen weitergehen und schon bist du wieder in der wirklichen Welt. Und außerdem schaust du dir die Filme zusammen mit dem Publikum an. Das ist untypisch für ein großes Festival.

RED: Seit 2004 kommst du jedes Jahr zur Berlinale. Das sind immerhin mehr als zehn Jahre. Hast du in dieser Zeit eine Entwicklung bzw. eine Veränderung des Festivals bemerkt?

PAVICIC: Insgesamt hat sich die Anwesenheit Hollywoods verringert. Das liegt aber an der Verteilung der anderen wichtigen Film-Events. Früher war Berlin prädestiniert für die europäische Premiere amerikanischer Filme, die für den Oskar vorgesehen waren. Inzwischen ist das anders. In Kroatien beispielsweise laufen alle oskar-nominierten Filme bereits zwei Wochen vor der Berlinale. Dieser ganze Film-Event-Kalender hat sich verschoben, das ist zum Nachteil der Berlinale. Um das Festival aber dennoch attraktiv zu halten, laufen oft B-Filme, die aber mit bekannten Schauspielern besetzt sind. Das schadet der Qualität und ich halte das für einen Fehler.

RED: Gibt es auch Dinge, die gleichbleibend gut sind?

PAVICIC: Was ich aus kroatischer Sicht bemerkenswert finde, ist die kontinuierliche Präsenz von südosteuropäischen Filmen. Hier laufen immer russische Filme, oder polnische. Dieses Jahr habe ich zwei gute tschechische Filme gesehen, einen ungarischen. In Cannes oder Venedig gibt es kaum Filme aus Südosteuropa. Da wirst du Filme aus den USA, Frankreich, Südamerike, Asien finden. Südosteuropa war interessant, als es noch den Kalten Krieg gab. Seitdem ist diese Region aus den Wettbewerben verschwunden. Außer eben in Berlin. Das liegt an der historischen Rolle Berlins oder aber an den vielen Migranten aus diesen Ländern, so dass auch das entsprechende interessierte Publikum da ist. Das hört man wenn man in den Vorführungen sitzt. Dann wird um einen herum z.B. plötzlich Polnisch gesprochen. Die wollen alle sehen, was in der alten Heimat so gedreht wird. Berlin ist wirklich das einzige Festival, wo du dir einen Überblick verschaffen kannst, was filmisch gesehen in Südosteuropa so los ist.

RED: Welche Filme haben dir dieses Jahr am besten gefallen?

PAVICIC: Der tunesische Film „Hedi“. Der kam auch beim Publikum gut an. Ebenso „Fuocoammare“. Und der portugiesische Beitrag „Cartas da guerra“ hat mir auch sehr gefallen.

RED: Erkennst du einen Bezug der diesjährigen Wettbewerbsbeiträge zu Themen, die uns aktuell beschäftigen?

PAVICIC: Schon. Allerdings muss man immer berücksichtigen, dass der Entstehungsprozess eines Films relativ lang ist. Ein Film kann also nur den Gesisteszustand wiedergeben, der bei seiner Entstehung aktuell war. Das bringe ich meinen Studenten immer bei. Wenn sie über Prozesse nachdenken und die Poetik des Films, dass sie dann immer einige Jahre im Voraus denken müssen.
Es gibt schon viele Filme, die sich mit dem Islam beschäftigen, der Familie, den Familienstrukturen in islamisch geprägten Ländern. Emigration ist ein Thema, aber das ist eigentlich seit zehn Jahren ein Dauerthema im europäischen Film.

RED: Wie sieht es dieses Jahr mit Beiträgen aus Ex-YU aus?

PAVICIC: Dieses Jahr sind ein kroatischer und zwei serbische Filme zu sehen. Und im Wettbewerb natürlich der bosnische. Am besten gefällt mir davon der serbische Dokumentarfilm „Dubina dva / Depth Two“. Das ist ein ganz hervorragender Film. Sehr experimentell. Es geht um Kriegsverbrechen im Kosovo. Der Regisseur Ognjen Glavonic arbeitet mit Tonaufnahmen der Gerichtsverfahren in Den Haag. Diese Zeugenaussagen unterlegt er mit Bildern der Schauplätze aus der Gegenwart. Das ist sehr eindrücklich.

RED: Du hast gerade eben in Kroatien erlebt, dass zum zweiten Mal eine literarische Vorlage von dir filmisch umgesetzt wurde. 2004 war es dein Roman “Ovce od gipsa”. Und nun ist aus deiner Erzählung „Patrola na cesti“ eine fünfteilige Serie fürs kroatische Fernsehen entstanden. Wie war das? Hattest du Mitspracherecht?

PAVICIC: Ich werde in beiden Drehbüchern als Co-Autor genannt. Beide Projekte sind aber unterschiedlich abgelaufen. Mit Bresan habe ich eine Zeit lang zusammengearbeitet, doch ab einem gewissen Moment hat er eine Richtung eingeschlagen, die nicht ganz meinen Vorstellungen entsprach. Ich habe ihn dann einfach machen lassen. Ich empfinde mich nicht unbedingt als Co-Autor des Drehbuchs. Trotzdem finde ich den Film gut, er hat ja auch Preise gewonnen. Bei der Serie ist es anders. Das Fernsehen orientiert sich viel mehr am Autor. Da war ich wesentlich näher am Entstehungsprozess beteiligt. Natürlich kommt es während des Drehs zu Veränderungen. Dinge werden rausgeschmissen, Dialoge verändern sich, die Struktur wird angepasst. Aber das ist trotzdem viel näher an dem, wie ich es ursprünglich geschrieben habe.

RED: Ist es dir im ersten Fall schwer gefallen, loszulassen?

PAVICIC: Das hört sich jetzt vielleicht ein wenig zynisch an, aber wenn der Film ein Misserfolg geworden wäre, hätte ich es bedauert, weil dann das Buch als Filmstoff sozusagen verbrannt gewesen wäre, ohne den Erfolg, den er verdient. Aber nun war der Film ein Erfolg und da wäre es unangebracht, sich irgendwie zu beschweren. Letztendlich kennen mehr Menschen den Film als das Buch.

RED: Mich interessiert trotzdem nochmal dieser ganz spezielle Moment, als du gesagt hast, “dann mach doch, was du willst”. Wie schwer ist dir der Satz über die Lippen gekommen?

PAVICIC: Nein, es war wirklich nicht so schwerig. Ich beschäftige mich schon sehr lange mit Film und da funktioniert das eben so. Ich weiß, dass das vielen Autoren sehr schwer fällt. Aber da ich mit einem Bein in der Literatur und mit dem anderen im Film stehe, nehme ich das als gegeben hin.

RED: BEi der Serie war es dann anders?

PAVICIC: Ja, da hatte ich als Autor eine wesentlich größere Autonomie. Außerdem spielt in diesem Bereich der Produzent eine sehr wichtige Rolle. Es war im Grunde eine richtig gute Team-Arbeit, mit vielen Besprechungen. Eine Zeitlang bin ich jeden Montag von Split mach Zagreb geflogen, um Szenen und Details zu besprechen. Beim Fernsehen ist auch der Zeitdruck viel größer.

RED: Würdest du gern selber mal einen Film drehen?

PAVICIC: Nein. Als Regisseur musst du dauernd mit den Leuten reden und ihnen erklären, was du willst. Und dann musst du ihnen ständig sagen, dass es nicht gut war und sie die Szene nochmal spielen müssen. Ich bin ein Mensch, der zwischen seinen eigenen vier Wänden funktioniert. Das meine ich natürlich nur auf die Arbeit bezogen. Ansonsten gehe ich schon gerne unter Menschen. Was mir auch gegen den Strich geht, ist das Tempo. Beim Film läuft es immer erst sehr gemächlich an, um dann in einer bestimmten Phase zum Stress pur zu werden. Unter solchen Bedingungen funtioniere ich nicht so gut.

RED: In Amerika und in Deutschland erleben Fernsehserien seit einiger Zeit ein Revival. Wie ist das in Kroatien?

PAVICIC: Ja ich weiß schon, das goldene Zeitalter der Fernsehserien. Ich sehe das auch so. In Kroatien hat man das auch erkannt und das setzt die kroatischen Fernsehmacher unter Druck. Die Leute verlangen weniger Soaps und Sitcoms und mehr Qualität. Das kroatische Fernsehen hat reagiert und einen Versuch gewagt. Einige Leute sehen in unserer Serie den ersten Output. Der serbische Filmkritiker und Drehbuchautor Dimitrije Vojnov schrieb, die Serie sei die erste in ganz Ex-Yu, die den modernen Fernsehstandards, wie HBO sie vorgibt, entspreche. Und ich hoffe, dass wir mit dieser Serie einen neuen Standard auch für das kroatische Fernsehen definieren.

RED: Ist die Serie nur in Kroatien zu sehen?

PAVICIC: Erst mal ja. Ich weiß nicht, ob sie auch an serbische oder bosnische Sender verkauft wird. Aber man kann sie in der Mediathek von HRT sehen und soweit ich weiß, sind alle Folgen auch bei Youtube eingestellt.

RED: Bei Youtube? Legal oder illegal?

PAVICIC: Ich fürchte illegal. In diesem speziellen Fall finde ich es ok. Ich freue mich, wenn möglichst viele sich die Folgen anschauen. Und die Leute haben die Produktion über ihre Fernsehgebühren ja bezahlt. Dann sollen sie sie auch anschauen. Ich glaube der Sender duldet das auch stillschweigend, weil die Serie nicht nur als Erfolg im Sinne von Zuschauerzahlen geplant war, sondern auch als Prestigeprojekt, um zu zeigen, dass das kroatische Fernsehen auch hochwertige Spannung produzieren kann.

RED: Schaust du dir die amerikanischen Serien an? Und welche gefällt die am beste?

PAVICIC: Ich mag „The Wire“. Überhaupt alles, was David Simon gemacht hat, auch “Treme”. Er ist für mich der Balzac des 21. Jahrhunderts. Ich mag auch „Killing“, „Fargo“, die dänischen Serien finde ich auch gut. Auch die erste Staffel von „True Detective“ war gut, obwohl ich das Ende nicht ganz gelungen fand. Es gibt übrigens einen grundsätzlichen Unterschied in der Rezeption von Büchern und Serien. Wenn du ein Buch schreibst, dann lesen es die Leute zu Ende und sagen dir dann ihre Meinung, bzw. kannst du in der Zeitung Rezensionen dazu lesen. Bei einer Serie hingegen findet die Meinungsbildung nach der ersten Folge statt. Stell dir mal vor, unsere Bücher würden nach dem ersten Kapitel rezensiert. Das finde ich wirklich interessant. Nach der ersten Folge sind die Rezensionen da und bleiben als kulturelle Spur zurück, auch wenn die Serie erst danach in Fahrt und irgendwann zu einem Ende kommt. Wen also interessiert das verkorkste Ende von „True Detective“? In einem Buch kannst du dir das nicht erlauben.

Anm. der Interviewerin: Nach dem Interview stehen wir noch eine Weile vor dem Café und Jurica Pavicic vertauscht unsere Rollen. Er befragt mich über Berlin, über Ost und West, und irgendwie kommen wir auf die „kulturellen Spuren“ zurück, die die Geschichte in einer Stadt hinterlässt. Ich erzähle ihm von einem Bild, das ich einmal gesehen habe, das Berlin bei Nacht zeigt, aus dem Weltall. Da sieht man die Grenze zwischen Ost und West, weil für die Straßenlaternen noch immer unterschiedliche Leuchtmittel eingesetzt werden, so dass die eine Hälfte der Stadt bei Nacht gelblich und die andere milchig leuchtet. Pavicic nickt und agt dann: “Bei uns sind es die Gullideckel. Alle Spuren des sozialistischen Staates hat man getilgt. Aber die Gullideckel, mit der Aufschrift von damals, die sind geblieben, überall im Land.“

Miljenko Jergovic: Angst

„Wer im Zustand der Angst lebt, der Schuld, der ständigen Angst vor der Angst, ohne die Augen schließen und Erlösung empfinden zu können, und dabei arbeiten, lachen und sich unterhalten muss, der lebt wie ich und muss damit in unserer Welt zurecht kommen.“ Das schrieb Ivo Andrić in “Wegzeichen“, einem Buch, an dem er zeit seines Lebens arbeitete. Auch wenn es anders klingt, liegt in  Andrićs Worten mehr Wahrheit als Selbstmitleid, der schlimmste Feind des Menschen – schlimmer noch als die Angst.
Würde sich jeder von uns zur Jahreswende, zwischen dem katholischen und dem orthodoxen Weihnachtsfest, fragen, wovor er sich die vergangenen 365 Tage gefürchtet hat, käme dabei eine lange Liste heraus. Im vergangenen Jahr waren die Ängste zahlreicher als die Schäfchen, die wir zum Einschlafen zählen. Einige davon sind riesig und lassen sich durch nichts besänftigen, andere so winzig, dass man sie leicht vergisst, sie vergehen von allein, auch wenn ihre Ursache bleibt, nur dass sie uns keine Angst mehr macht. Genauer gesagt: nicht uns, sondern mir.
Ängste sind zunächst individuell, persönlich und einzigartig, nicht kollektiv. Die Angst des anderen ist uns in der Regel egal. Wir teilen sie nicht. Wir denken, ach, mit dieser Angst ließe sich leicht leben.
Meine Ängste, auch die winzigen, sind schrecklich. So schrecklich, dass ich sie gar nicht benennen will. Denn wem ich sie offenbare, dem lege ich meine Seele in die Hände. Das ist gefährlich, denn derjenige könnte meine Angst ausnutzen. Das ist eine der größten Ängste überhaupt.
Psychotherapeuten wurden erfunden, um uns von unseren Ängsten zu befreien. Das ist ihre oberste Pflicht, die Basis ihrer Arbeit. Dem Psychotherapeuten vertraut man seelenruhig seine Angst an, in der Gewissheit, dass er keinen Vorteil daraus zieht. An erster Stelle der Psychotherapeuten stehen die Pfarrer im Beichtstuhl: Der grundlegende Gedanke hinter dem Beichtgeheimnis ist die von Gott und der Kirche gegebene Garantie, dass dein Beichtvater, deine Angst nicht ausnutzen wird. Religionen, die keine Beichte kennen, das Judentum und der Islam, sind viel strenger und kategorischer. Sie erwarten von den Menschen, alleine mit ihrer Angst zurecht zu kommen. Oder aber, sie nehmen sich des Problems äußerst gründlich an. Es ist nicht verwunderlich, dass Freud Jude war, genauso wie die meisten Väter, Onkel und Tanten der Psychoanalyse. Ebenso wenig, dass der Psychiater, der Shrink in amerikanischen Filmen und Serien, einer merkwürdigen Regel folgend Jude ist.

2015 hatte ich Angst vor dem Tod, vor Krankheit, dem Mob und dem zivilisatorischen Zerfall unserer Gesellschaft. Diese Ängste gestehe ich unumwunden ein, weil sie typisch sind. Ich teile sie mit den meisten Menschen, und keiner außer einem talentierten Psychopathen oder einem Autor von Horror-Romanen wird daraus ein Drama machen. Eine Angst, die wir wie ein Verhungernder seinen letzten Kanten Brot mit anderen teilen, verliert ihren Schrecken. Auch wenn unsere Angst natürlich größer ist als die der anderen, die entweder dümmer oder mutiger sind als wir.
Über meine anderen Ängste kann ich nicht so offen sprechen. Man kann ihnen in meinen Büchern nachspüren, in meinen Prosatexten und Gedichten aus dem Jahr 2015. Das ist der Exhibitionismus des Schriftstellers: Er wird auch seine Ängste offenbaren, wenn es ihm nützt. Er wird seine Seele verkaufen und sich auch noch freuen, wenn sich irgendein Mistkerl daran festbeißt, denn das wäre ein schlagender Beweis, dass derjenige das Buch gelesen hat.

Die effizienteste und leichteste, aber auch gefährlichste Methode, sich seiner Ängste zu entledigen, ist die Erfindung von Scheinängsten. Echte Ängste sind immer individuell. Selbst wenn wir sie mit anderen teilen – wie etwa die Angst vor dem Tod – gehören sie doch nur uns, dem einen unvergleichlichen Ich, dem gegenüber alles andere nur Schein und Illusion ist. Und das Wir ist natürlich die beste Illusion.
Kollektive Ängste sind immer Scheinängste. Sofern es sich nicht um konstitutive und allgemein menschliche Ängste handelt, erfasst uns ein angenehmes Schaudern, wenn wir sie mit der Mehrheit unserer Landsleute, Glaubensbrüder, Mitbürger teilen. Anbieter von Ängsten sind Internetplattformen, das Fernsehen und die Presse. Es versetzt unsere Seele in einen Zustand der Glückseligkeit, wenn wir bei ihrem Angebot zugreifen. Für den Einzelnen gibt es kein größeres Glück als eine Scheinapokalypse, die Ankündigung des Weltuntergangs unter der Regie eines versierten Verschwörungstheoretikers wie z.B. William Engdahl. Wenn der sich unseres Planeten annimmt, schürt er eine Angst, die jede wirkliche Angst harmlos erscheinen lässt. Wer vor ungefähr zehn Jahren Engdahls Hard- oder Softcover-Verschwörung über die Ölindustrie auch nur durchgeblättert hat, der fürchtete hinterher kein Wasser und kein Feuer, weder Finsternis noch Zahnarzt. Er war gewappnet fürs Leben wie ein IS-Kämpfer.

Ganz oben auf der aktuellen Liste der um sich greifenden Scheinängste, der kollektiven Phobien, die uns von dem heilen, was uns wirklich ängstigt, steht die Angst vor syrischen Flüchtlingen. Ihre größte Wirkung entfaltet sie unter Regierungen, Polizei, Armee und hypnotisierten Bürgern der Staaten, die auf der Reiseroute der Flüchtlinge liegen: Ungarn, Slowenien, Tschechien, Slowakei, Polen – alles osteuropäische postkommunistische Staaten. Die Unglücksraben, die aus dem Osten in diese Staaten kommen, gehören zu einer der ältesten modernen arabischen Nationen, sind Semiten, oft Atheisten, Bürger eines arabischen und islamischen Staates mit vorbildlicher Trennung von Kirche und Staat, der sich lange Jahre auf der Grundlage einer merkwürdigen Mischung aus Folklore und Tradition, Marxismus und wissenschaftlichem Sozialismus entwickelte und gedieh. Sie hatten nie die Absicht, sich in den ehemaligen Bastionen des sowjetischen und titoistischen Sozialismus niederzulassen – doch je mehr von ihnen durch Ungarn, Kroatien, Slowenien oder auf Umwegen durch Tschechien, die Slowakei und Polen reisten, desto größer wurde die Angst der Massen und umso bildgewaltiger die Phantasien der Anführer des Volkes von einer Arabisierung und Islamisierung ihrer ethnisch und konfessionell porentief reinen Länder. Schließlich wurden Mauern errichtet mit Stacheldraht und Wachtürmen, die an Konzentrationslager aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, oder, wie etwa an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien, provisorische Absperrungen aus NATO-Draht, die zum Tod von Rehen, Dachsen und Hasen führen. Es wurde ein perfekter Rahmen geschaffen für die Aufzucht und genetische Modifizierung der kollektiven Angst.

An zweiter Stelle steht die Islamophobie im Allgemeinen. Während die erste Scheinphobie als emotionalen und geistigen Treibstoff immerhin noch die Flüchtlinge braucht, genügt der Islamophobie der Fernsehbildschirm. Und auf diesem war Ende 2014 und 2015 zu sehen: die Enthauptung von Menschen in orangefarbenen Overalls, europäischen Mitbürgern, mit denen wir in Christus verbunden sind. Umgebracht an den fernen Stränden des östlichen und südlichen Mittelmeers, in den Wüsten und Einöden des Nahen Ostens. Durch die Wunder der Fernsehübertragung, die Illusion des Internets und die autosuggestive Kraft der Angst wurden sie zu festen Bestandteilen unserer Wohnräume. Der IS lebt und erweitert sein Herrschaftsgebiet bis in unsere halbdunklen Treppenhäuser, unsere schlecht beleuchteten Flure und Badezimmern. Der IS beherrscht unsere Träume, okkupiert unsere Phantasie und Erinnerung. Auf einmal fügt sich alles ein in die große Geschichte der Zivilisation, in eine Angst, die größer und umfassender ist als unsere kleinen Sprach- und Kulturgemeinschaften, die durch Zeit und Raum fließt und die letzten tausend Jahren zu einer Konfrontation zwischen unserer und ihrer Welt reduziert.
Was wir im vergangenen Jahr über Muslime, ihre Kultur und Zivilisation, ihren Glauben dachten und fühlten, unterscheidet sich radikal von dem, was wir ein Jahr, zehn oder fünfzig Jahre zuvor über sie dachten und ihnen gegenüber empfanden. In der Zwischenzeit hat sich etwas verändert, dessen wir uns nicht bewusst sind. Wir denken, es sei schon immer so gewesen, und dass unsere Angst vor dem Islam und einer Islamisierung unseres Lebens ein natürlicher Dauerzustand sei.

Die dritte Pseudophobie ist unsere lokale, kroatische, osteuropäische, kommunistische. Es ist die Phobie vor dem Westen, vor Amerika, dem American Way of Life, der Weltanschauung und dem politisch-militärischen Agieren der Vereinigten Staaten. Nur auf den ersten Blick scheint zwischen dieser Angst und der Angst vor Flüchtlingen und dem Islam ein Widerspruch zu liegen. Schließlich ist die amerikanische Politik ursächlich für die humanitäre, menschliche und zivilisatorische Katastrophe im Nahen und Mittleren Osten und die Vereinigten Staaten sind der Hauptgenerator der globalen Islamophobie. Doch die Dinge liegen anders. All unsere Scheinphobien der vergangenen vier Jahrhunderte waren im Grunde genommen anti-westlich, richteten sich gegen die Errungenschaften der Französischen Revolution, gegen die europäische Aufklärung, die Säkularisierung, die parlamentarische Demokratie. Die Anglophobie – die Angst vor dem wirklichen oder dem metaphorischen Amerika – spielt der Islamophobie in die Hände, sie treten im Paar auf. Schwerlich wird man bei uns einen Christen finden, der sich vor den Muslimen ängstigt, ohne gleichzeitig Hollywood, die CIA, das State Department, den IWF zu fürchten, aber auch beispielsweise Juden, die internationale Bankenlobby, die Freimaurer und was weiß ich.

Es folgen die kollektiven Ängste oder Phobien zweiter Ordnung. Am attraktivsten und am weitesten verbreitet sind die Angst vor der globalen Klimaerwärmung und vor genetisch veränderten Lebensmitteln. Die Dealer der Ängste erster Ordnung sind in der Regel Rechte, was aber keine Voraussetzung ist. Die Dealer von Ängsten zweiter Ordnung sind eher die Linken, obwohl es auch hier zahlreiche Ausnahmen gibt. Natürlich drohen der Welt in ferner Zukunft die Sintflut infolge des Abschmelzens der Polkappen, ein Anstieg der Meerestemperatur, Ozonlöcher, Treibhauseffekt und alles andere, was vor einigen Jahren der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore prophezeite. So, wie uns auch nichts Gutes erwartet, wenn wir Tomaten mit Genen von Seehunden verändern. Doch dazu wird die Welt auch noch bedroht von islamischen Extremisten, amerikanischen Imperialisten und hohlköpfigen Neofaschisten (der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump), und auch unter den syrischen Flüchtlingen findet sich der eine oder andere Psychopath oder zumindest Überträger gefährlicher nahöstlicher Seuchen, zum Beispiel der Pocken. Trotz dieser ganzen Palette an Gefahren, ist es wahrscheinlicher, dass man von einer Straßenbahn überfahren wird oder sich durch den Verzehr von Leberwurst mit einem tödlichen Bakterium infiziert. Wenn man in Europa lebt, geht immer noch eine größere Gefahr von Viktor Orban und Marine Le Pen aus als von Al Bagdadi und seinen Schreihälsen. Leberwurst ist gefährlicher als Donald Trump, ein starkes Erdbeben schlimmer als genetisch veränderte Tomaten.
Warum haben wir dann keine Angst vor Leberwurst und Tomaten?
Die Antwort auf diese Frage ist lebenswichtig: Oh ja, unter uns leben bestimmt Menschen mit panischer Angst vor Tomaten. Zahlreicher sind solche mit Todesangst vor abgelaufenem Haltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln. Aber das sind ihre privaten Ängste, sie betreffen die Mitbewohner, die Verwandtschaft, den Psychiater und den Seelsorger. Der Rest der Welt schert sich nicht um Leberwurst und Tomaten. Bis sich eines Tages vielleicht auch für diese Ängste Dealer finden und sie auf das Niveau kollektiver Empfindungen heben.
Jede Scheinphobie war irgendwann einmal jemandes winzige und harmlose Angst. Oder wurde ganz einfach als Ausdruck eines unanständigen Chauvinismus betrachtet. Was wäre vor zehn Jahren mit jemanden geschehen, der den Islam als böse, verbrecherische Religion bezeichnet hätte, wie es heute Donald Trump tut oder auch erschreckend viele Journalisten, Pfarrer und Bischöfe? Wie hätte vor fünfzig Jahren die Öffentlichkeit eines freien und demokratischen Staates, einer lupenreinen parlamentarischen Demokratie, auf die Entscheidung ihrer Regierung reagiert, das Land mit einer Mauer aus NATO-Draht abzuschotten? Und was wäre aus der Idee eines vereinten Europa geworden, wenn vor nur fünfzehn Jahren Fremde genauso behandelt worden wären wie heute in einigen Teilen des geeinten Europa? Stellen Sie sich Ihre eigenen Eltern, aber auch Großeltern mit den heutigen kollektiven Ängsten vor.

Das Jahr, das hinter uns liegt, war ein Jahr der Angst, so wie die Jahre 1989, 1990, 1991 und 1992 in Europa und der Welt Jahre der Hoffnung waren. Aufgrund besonderer lokaler Umstände haben wir Kroaten die Jahre der Hoffnung ausgelassen, aber wir haben mit den Europäern alle ihre Ängste geteilt. Solange die Idee von Freiheit, Gleichheit und Einheit lebendig war, solange gab es auch Hoffnung. Solange die Osteuropäer an eine bessere Zukunft glaubten, an Wohlstand und Lebensqualität, und solange die Westeuropäer überzeugt waren, dass mit dem Ende des Kalten Krieges eine Zeit des Friedens und der Verständigung angebrochen war, solange lebte man in einer Zeit der Hoffnung. Solange auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer eine positive Idee und Ideologie vorherrschte, um die sich die Gemeinschaft scharen konnte, war Hoffnung berechtigt. Darauf folgten erst Leere und dann Angst. Manchmal erkennen die Menschen den Unterschied zwischen Hoffnung und Angst nicht. Hypnotisiert von der Angst, fühlen sie sich genauso gut wie zu der Zeit als sie von der Hoffnung hypnotisiert waren. Starke und leidenschaftliche kollektiv empfundene Emotionen befreien den Menschen von seinen Alltagssorgen.
Wenn Anführer und ihre Sprachrohre nichts Vernünftiges zu sagen haben, um die Gemeinschaft um sich zu scharen, machen sie den Menschen Angst. Es gibt kein besseres und billigeres Marketinginstrument, als die Angst der Masse zu schüren. Nie laufen die Geschäfte besser als kurz vor dem Jüngsten Gericht. Darauf gehe ich jede Wette ein. Vielleicht erleben wir es auch noch, dann wäre es bewiesen. Am letzten Sonntag vor dem Jüngsten Gericht wird die Konsumfreude größer sein als vor Weihnachten. Die Straßen werden üppiger geschmückt, die Schaufenster glänzender dekoriert sein, und alle werden ihr letztes Geld verpulvern. Hohlköpfige oder ideenlose Politiker, Vladimir Putin oder Barack Obama, sind wie Händler am Vortag des Jüngsten Gerichts. Oder noch besser: wie die Boulevardpresse. Nicht Bildung und Seriosität sind der Tod der Boulevardpresse, wie man gemeinhin annimmt. Der Tod der Boulevardpresse wäre die Hoffnung, dass das Jüngste Gericht und der Weltuntergang in weiter Ferne liegen. Für die kroatische Boulevardpresse zum Beispiel gibt es keine schlimmere Nachricht, als ein unerwarteter Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Das wäre keine Nachricht, sondern eine Anti-Nachricht. Bis sich irgendein Haken findet, etwa eine Absprache noch aus Zeiten unseres ehemaligen Premierministers Ivo Sanader mit der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, derzufolge im Falle eines gestiegenen BIP diejenigen eine Gehaltserhöhung erhalten, denen aus Sicht der Boulevardpresse nie und nimmer eine Gehaltserhöhung zusteht. Das führt dann zu der wunderbaren rettenden Kehrtwende, und der Anstieg des BIP wird nicht nur zu einer schlechten, sondern zu einer katastrophalen Nachricht. Der Anstieg des BIP in Kroatien wird zum Vorboten des Jüngsten Gerichts.

In “Wegzeichen” hat sich Andrić an vielen Stellen mit Angst beschäftigt. Sein ganzes Leben lang hat er sich damit auseinandergesetzt. Dabei war er eigentlich ein sehr mutiger Mann. Schüchtern, verzweifelt, voller Unbehagen und Schuldgefühle, aber mutig. Wäre er anders gewesen, würden wir uns heute weniger mit seinen Überzeugungen und Identitäten beschäftigen. Die Identität des Feiglings ist die der Mehrheit: Immer und in jeder Gesellschaft ist der Feigling Teil der Mehrheit. Er ist niemals ein einsamer, isolierter Einzelner. Feiglinge leben in Frieden mit der Angst. Andrić schrieb: “Die Angst steht im Dienst einer unbekannten Macht, die sie verfolgt wie ein Jäger seine Beute. Ich beobachte die Angst in mir und um mich, und es scheint mir, dass die Menschen nicht vor dem Angst haben, von dem sie denken und sagen, dass es ihnen Angst macht, sondern vor ihrer ureigenen Angst. Diese Angst hockt in ihnen und lauert wie eine hungrige Spinne darauf, dass etwas am Netz der menschlichen Nerven rüttelt. Jede noch so kleine Regung ist ein willkommener Anlass, sich blind darauf zu stürzen. Dann erfüllt die Angst den ganzen Menschen, trübt seine Sinne und seinen Blick, zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, macht aus ihm ein blindes, bewegungsunfähiges Opfer für die unbekannte Macht, die ihn fressen will. Und wenn der Mensch bei diesem Mal nicht unterliegt, zieht sich die Angst in ihm wieder zurück, macht sich klein und unsichtbar und wartet auf den nächsten Anlass.“

Miljenko Jergović, 27.12.2015

Randnotiz: Fußball

Mit ein paar Ausnahmen sind meine Freunde alle belesen und gebildet. Meinen Nachnamen können inzwischen alle fehlerfrei aussprechen, auch die Ausnahmen. Beruflich treffe ich oft Menschen, die noch viel belesener und gebildeter sind als meine Freunde. Die meisten brauchen im Schnitt drei Anläufe, bis sie meinen Namen richtig aussprechen. Wenn es dann endlich klappt, kommen wir häufig auf die Frage zu sprechen, warum so wenig Literatur aus dem südslawischen Raum übersetzt wird. Es ist zu anstrengend. Die vielen -ićs und -ičićs und -ovićs, die notwendigerweise in dieser Literatur immer auftauchen, sind kaum auseinanderzuhalten . Na ja, dachte ich immer, dann ist es ja kein Wunder, wenn diese Titel es nicht auf die Bestsellertische schaffen, an denen sich der normal gebildete und normal belesene Leser drängelt. Der normale Leser will Unterhaltung und keine Helden mit schwer zu merkendem Namen auf -ić, -ičić oder -ović.
Dann verschlug es mich kurz vor Weihnachten in die Niederungen der deutschen Kulturlandschaft. Ich fuhr von Berlin zu meinen Eltern in die schwäbische Provinz, eine zweitausend Einwohner zählende Gemeinde. Da ich ein ziemlich chaotischer Mensch bin, hatte ich den Schlüssel zum Haus meiner Eltern vergessen, die wiederum …. egal. Ich musste an einem Samstag Abend drei Stunden in diesem vermeintlichen Kaff totschlagen. Ich fand eine wenig einladende Kneipe, in der aber geraucht werden durfte, was für mich und angesichts von sieben unter Null dann doch ganz verlockend war.
Nur Männer. Ich bestelle ein Bier, um nicht noch mehr aufzufallen und mische mich unter die Menge. Niemand beachtet mich. Alle stieren an mir vorbei und leicht in die Höhe. Dann werde ich höflich aber bestimmt in die hinterste Ecke verbannt. „Sonscht säh mer nix“, oder so ähnlich. Aus meiner Ecke sehe ich dann, was sie sehen. Klar. Samstag Abend. Sportschau. Schlimmer hätte es mich nicht treffen können, denke ich und konzentriere mich auf mein Bier. Doch dann vernimmt mein Ohr vertraute Töne. Olić, Ibišević, Misimović, Raketić. Astrein ausgesprochen. Ich kann es nicht fassen. Wo meine Literaturkollegen kapitulieren, gehören die -ićs und -ovićs hier zum Samstag Abend wie die Sportschau und das Bier. Die Verwirrung liegt ganz auf meiner Seite. Fußballfans gelten doch allgemein als …, na ja …, auf jeden Fall nicht belesen und gebildet.
Der Eindruck ist nachhaltig. Noch Wochen später grüble ich über das Phänomen. Ob ich ohne es zu merken in ein Treffen von Slawisten geraten bin? Die einfach zufällig auf Bier und Fußball stehen. Oder gibt es zwischen dem Schwäbischen und den südslawischen Sprachen eine bisher unentdeckte Verbindung? Es kann doch nicht sein, dass der typische Samstag-Abend-Fußball-Gucker problemlos etwas bewältigt, was meine Literaturkollegen als Grund für den Mangel an übersetzter Literatur aus Serbien oder Kroatien betrachten.  Bis mein Sohn alle Theorien über den Haufen wirft.  Mein Sohn spricht deutsch, leider habe ich es versäumt, ihn von Anfang an mit meiner Muttersprache vertraut zu machen, aber das ist ein anderes Thema. Er ist fünf Jahre alt und sagt immer noch „Porblem“ statt „Problem“.  Es ist Samstag Abend und er sitzt auf dem Teppich und baut Raumschiffe aus Lego, während sein Vater die Sportschau sieht, ohne Bier. Und dann fragt mein fünfjähriger Sohn, ohne sich zu verhaspeln, ohne einmal zu stolpern: “ Warum spielt Salihamidžić (Sa-li-ha-mi-džić) nicht mit?“

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