Schon auf dem Gang riecht es nach Zimtsternen und Vanillekipferln. Ich steige die Stufen zum Gemeindesaal hinauf, den die Ehrenamtlichen einmal wöchentlich zum Begegnungscafé umfunktionieren. An weihnachtlich geschmückten Tischen sitzen Leute zusammen, spielen selbsterklärende Spiele, füllen Anträge fürs Sozialamt aus und verfassen Briefe, in denen sie der ehemaligen GEZ erklären, der Bewohner des Containers Nr. sowieso halte gar kein Gerät zum Empfang öffentlich-rechtlicher Sender bereit und verzichte deshalb darauf, einen Beitrag zum deutschen Bildungsfernsehen zu entrichten.
Zur Feier des Tages hat sich ein älterer Herr mit Akkordeon eingefunden. Umringt von den anwesenden Kindern spielt er Weihnachtslieder. Der kleine Danijel Jusufović strahlt übers ganze Gesicht, als er das Lied erkennt, das er gerade im Kindergarten gelernt hat, und stimmt aus vollem Halse ein: „Morgen, Kinder, wird’s was geben…“

Vor der Kirche verkauft ein Trüppchen Pfadfinder Weihnachtsbäume für einen guten Zweck. Ich diskutiere mit meinem Mann gerade Nordmanntanne versus Fichte, als ein kleiner Wölfling sich zu Wort meldet: „Möchten Sie sich nicht dieses Baumes erbarmen?“, fragte er und zeigte auf ein gut gewachsenes Exemplar, dem aber die Spitze fehlt. „Sie bekommen ihn auch zum Sonderpreis.“ Mit spontanem Wohlwollen reagiere ich auf die korrekte Verwendung des Genitivs (schließlich unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache), während mein Mann sich eher als Tüftler angesprochen fühlt und die abgebrochene Baumspitze begutachtet, die der Pfadfinder hochhält. Das finanzielle Argument gibt bei uns beiden den Ausschlag, aber das würde keiner von uns zugeben. Kurz darauf verstauen wir unseren „Weihnachtsbaumbausatz“ im Auto.

Als wir den Baum am nächsten Morgen zum Schmücken ins Haus holen, klingelt das Telefon. Herr Jusufović, der seit ein paar Monaten mit seiner Familie bei uns in der Gemeinde wohnt, ist dran. Ich gebe ihm Deutschunterricht, und da ich seine Sprache spreche, dolmetsche ich ab und zu für ihn. Er habe einen Brief bekommen, sagt Jusufović. Etwas Amtliches, mit einem Adler links oben. B-E-S-C-H-E-I-D, buchstabiert er mir die Überschrift. Ich lasse den Baum liegen und treffe mich mit ihm. Der Brief, den er pünktlich am 24. Dezember bekommen hat, ist ein Bescheid über die Anordnung seiner Abschiebung. Ich brauche Jusufović nichts zu übersetzen. Das Wort „Abschiebung“ kennt er. Fehlt nur noch, dass der Absender mit „Frohes Fest“ grüßt.

Ich stelle mir vor, wie am Vortag, während wir Weihnachtslieder sangen und Plätzchen aßen, ein Sachbearbeiter in seinem Büro auf die Uhr sah. Es war Mittagszeit. Aber heute würde er sich keine Pause gönnen, sondern durcharbeiten, um vor dem wohlverdienten Weihnachtsurlaub noch alle Bescheide, die in seinem Fach warten, fertigzumachen und abzuschicken. Und dann: Gran Canaria! Weihnachten in der Sonne. Weit weg vom Büromief, von der pflegebedürftigen Mutter, von Nieselregen oder Schneematsch. Frisch motiviert haute er in die Tasten seines Computers.
Plötzlich klopfte es und eine Nikolausmütze schob sich durch die Tür. „Frohes Fest und guten Beschluss!“ Die Kollegin aus dem Büro nebenan stellte ein Tütchen Lebkuchenherzen neben seinen Bildschirm, selbstgebacken. Dann verschwand sie über den Flur zu den übrigen fleißigen Kollegen.
Von da an fiel es dem Sachbearbeiter schwer, sich zu konzentrieren. Sein Magen knurrte, sein Blick glitt immer wieder vom Dokument auf dem Bildschirm zu der durchsichtigen Tüte. Schließlich riss er sie auf. Auf Gran Canaria machten Lebkuchen ohnehin keinen Sinn. Er probierte ein Herz, klickte kauend weiter, steckte sich noch eins in den Mund. Dann riss er sich zusammen, erledigte in einem Zug die letzten Schreiben, speicherte und gab den Druckauftrag. Während der Drucker ratterte, vertilgte er die restlichen Lebkuchenherzen aus der Tüte. Er faltete die Briefe und steckte sie in Fensterumschläge und leckte die gummierten Laschen mit seiner klebrigen Zunge an. Ab zur Poststelle und dann nach Hause, packen. Heilig Abend unter Palmen.

Als ich von Jusufovićs zurückkomme, hat mein Mann den Baum schon aufgestellt und ist gerade dabei, die abgebrochene Spitze mit Blumendraht zu befestigen. „Lass mal“, sage ich. „Dieses Jahr kommt kein Stern an den Baum.“
Und dann stelle ich mir vor, wie der Sachbearbeiter gerade mit seiner Frau in einer Hotellobby auf Gran Canaria steht. Vor den Panoramafenstern wiegen sich Palmen im Wind. Die Krippe, die die Hotelangestellten davor aufgebaut haben, wirkt wie im falschen Film. Aber der Sachbearbeiter hat ohnehin nur Augen für den Portier. Seit einer Viertelstunde sucht der im Computer vergeblich nach ihrer Reservierung. Ein Anruf im Reisebüro bringt auch nichts. An Heiligabend ist dort niemand mehr zu erreichen. Verzweifelt wendet er sich nochmals an den Portier. Der zuckte die Schultern: „Tut mir leid, wir haben wirklich kein Zimmer mehr frei.“