Vor kurzem hatte ich das Glück, mir in Birma über dem Tal der tausend Pagoden den Sonnenaufgang ansehen zu können. Noch im Dunkeln fuhr ich mit dem Rad zu einem Tempel und stieg fast fünfzig Meter die hohen Stufen hinauf. Und natürlich war ich nicht allein. Immer mehr kamen, um das Spektakel zu sehen. Im ersten Licht konnte man im Osten einige der hohen Tempel erkennen, dann rötete sich der Himmel, die Sonne wollte hervorkommen. Über dem Tal lag leichter Nebel. Das erste Gold einiger Stupas wurde sichtbar.

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Wir standen vielleicht eine halbe Stunde dicht an dicht. Mehr als hundert Menschen aus allen Teilen der Welt. Doch statt sich ruhig und aufmerksam das Wunder zu betrachten, waren alle damit beschäftigen es zu fotografieren. Belichtungszeiten wurden verändert, Stative neu ausgerichtet, Tabletts weit hochgehoben. Neben meinem Gesicht schob sich rechts und links ein Teleobjektiv nach vorn. Fast alle betrachteten sich den Sonnenaufgang durch ihre Kameras. Ein Italiener neben mir schoss in der kurzen Zeit mehr als fünfhundert Fotos. Schoss! Andere drehten sich weg, um mit Selfie-Sticks nicht nur den roten Himmel, sondern vor allem sich selbst zu inszenieren. Ich spürte eine schwelende Aggressivität um mich herum, eine lieblose und hemmungslose Aneignung von Schönheit und fühlte mich unwohl.

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Da ist etwas geschehen, was ich so noch nicht kannte. Fotos erhalten mehr Wert als das gerade Erlebte. Das Erlebte ist nur dann von Bedeutung, wenn es fotografisch festgehalten wird. Gut, man muss nicht mehr wie früher ökonomisch mit einem 36ger-Farbfilm umgehen, wenn auch in der Analogzeit schon wild herumfotografiert wurde. Aber was geschieht, wenn man aus dem Urlaub nur noch Fotos auf einer SD-Karte statt erlebte Erinnerung mitbringt? Frei nach Susan Sontag: Kürzlich ist meine Digitalkamera von einem wunderschönen Urlaub zurückgekehrt. Wenn du magst, kann sie dir zeigen, wo überall sie war und was sie erlebt hat.

Dabei zeugt ein Foto nicht von Realität. Realität ist mehr als die Überleitung von Lichtwerten zu Spannungswerte in einem Chip. Unsere Sinne sind umfangreicher. Das Foto zeigt zusätzlich nur eine von vielen Variationen, wie etwas im Bruchteil einer Sekunde ausgesehen haben kann. Muss man daher so viele Fotos aufnehmen? Man wird auch durch die Vielzahl nicht der Wirklichkeit gerecht, weil viele Bilder noch keinen Gedanken und kein Gefühl schaffen. Nichts ist w a h r genommen. Und was geschieht eigentlich mit all den Fotos, wenn die Kamera aus dem Urlaub zurückgekehrt ist? Ist eines dabei, das mehr ist als Abklatsch? Ist eines dabei, das uns anrührt (wie das Licht eines Sterns), wie Roland Barthes es wollte? Oder will man tatsächlich nur bewahren und beglaubigen: Ich war zum Sonnenaufgaben auf dem Shwesandaw-Tempel!!! Ich. Ich. Ich.

Nochmals Susan Sontag und dieses Mal original und noch aus der Analogzeit: „Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“

Ich habe an diesem Morgen in Birma die ersten Sonnenstrahlen auf meiner kühlen Haut gespürt. Ich hätte gern der Stille dort unten zwischen den Pagoden gespürt, wenn nicht die Verschlüsse dazwischen geschnappt hätten. Ich hätte dort oben den Morgen riechen können. Und deshalb fasste ich einen Entschluss. Nein zwei.

Erstens: Ich gebe toten Fotos ihre Wahrheit, ihre Wirklichkeit, ihr Leben zurück. Zuhause überschütte ich eines mit konzentrierter Zuckerlösung. Der Zucker kristallisiert über Wochen. Das Motiv wird langsam immer unsichtbarer. Irgendwann ist der Zucker auskristallisiert und fällt nach langer Zeit Stück für Stück ab. Das Motiv tritt wieder hervor. Zucker, Moos, Flechten, Wasser, Schnee und mein letztes Experiment: Schimmelkulturen. Rötlich, gelb, grau, blau.bagan-3

Zweitens: Ich zeige meinen Romanfiguren ein Foto, das etwas ganz anderes behauptet als im Roman geschrieben. Nein, mehr noch: Das Gegenteil. Große Verwirrung. Protest. Beispiel: Kai Hinrichsen unterstellt im Roman „Fluchtland“ seinem Gast beim gemeinsamen Abendessen, dass dessen Großeltern sich als Nazis am Ende des Faschismus nach Argentinien abgesetzt hatten. Kai war schon wieder einmal die Fantasie durchgegangen. Peinlich. Seine Familie stellt ihn an den Pranger, denn die Großeltern des Gastes waren Juden gewesen, die nach Argentinien fliehen mussten. Und jetzt lege ich das erste Foto auf den Esstisch. Der Opar des Gastes in der Uniform eines SS-Oberführers. Eisernes Kreuz, Ritterkreuz, Totenkopfring, Ehrendegen. Zweites Foto: Der Opa des Gastes gemeinsam mit Eichmann in Argentinien. So können Fotos leben! Und verändern (wenn auch sie sich immer noch nicht selbst verändern). Und ich überlasse es ganz elegant meinen Romanfiguren, mit diesem Problem umzugehen.

Denn alles kann ja ganz anders sein als beschrieben und natürlich als gesehen.