Flüchtlingskrise – Münchhausen by proxy

von B. Stipetic

Die Tatsache, dass eine unvorstellbare Anzahl an Flüchtlingen vor den Toren Europas unter menschenunwürdigen Bedingungen kampiert, begreifen wir noch immer als unsere Krise. Von der Politik wird hektisch agiert und reagiert, in einer Rhetorik, die den Krisenzustand zum Ausnahmezustand erhebt: Obergrenzen, Transitzonen, Kontingente, Schießbefehl. Währenddessen wird das besorgte Wahlvolk zusehends hysterisch: Islamisierung, importierter Terror und überhaupt und ganz allegemein: der kurz bevorstehende Untergang des Abendlandes.
Gefühlt hundert Prozent aller Talkshows und Politikrunden beschäftigen sich mit dieser Krise, bzw. deren Symptomen, ohne bisher auch nur ein wenig Struktur in die Debatte gebracht zu haben, geschweige denn wirkliche Lösungsansätze. Nur hin und wieder kommt der zaghafte Hinweis, diese Krise müsste an ihren Wurzeln bekämpft werden. In schöner Regelmäßigkeit wird eine Vertiefung dieser Redebeiträge von den Moderatoren der Talkshows abgeblockt, ja, ja, natürlich sei das so, aber es würde doch den Rahmen der Sendung sprengen, darüber weiter zu reden, und schließlich rede man ohnehin gerade über etwas anderes, Köln, die AfD, Integration, Kriminalität oder was sonst noch in den Flüchtlingstopf passt.
Die Flüchtlingskrise hat für uns ihren Ursprung und ihr herbeigesehntes Ende dort, wo Europa anfängt, bzw. aufhört – in Griechenland und der Türkei. Ein anschauliches Beispiel hierfür lieferte der Kanzleramtschef Peter Altmeier in der Sendung Hart aber fair vom 14. März. Herr Altmeier sieht auch den Bedarf, die Flüchtlingskrise an ihren Wurzeln zu bekämpfen, indem man zum Beispiel in den Flüchtlingslagern die Essensrationen erhöht und mehr Geld in die Ausstattung investiert. Ich finde nicht, dass man Politikern aus einem dahingesagten Satz gleich einen Strick drehen muss, aber manchmal sind dahingesagte Sätze entlarvend. Die Flüchtlinge sind erst dann eine Krise, wenn sie bis zu unserer Haustür vordringen. Machen wir es ihnen also etwas kuscheliger in der Türkei, geben wir ihnen zu essen, Unterkünfte und sanitäre Einrichtungen, die im Fernsehen nicht ganz so erbärmlich erscheinen, und sie werden uns nicht weiter behelligen.
Das sind aber nicht die Wurzeln der Flüchtlingsströme. Denn nicht wir stecken in der Krise, sondern die Flüchtlinge. Um das zu begreifen, genügt eine Minute innere Einkehr und Ehrlichkeit, man braucht dazu weder Bilder aus Idomeni noch Talkshows über die Verhandlungen der EU mit der Türkei. Die Flüchtlinge sind es, die in diesen Monaten die schwerste Krise ihres Lebens durchmachen, nicht wir. Weil die Länder, aus denen sie kommen, sich in der Krise befinden. Und genau hier finden sich die Wurzeln der Probleme. Die Menschen strömen nicht nach Europa, weil Frau Merkel sie eingeladen hat. Die Menschen strömen nach Europa, weil in ihren Herkunftsländern Krieg herrscht, weil geschossen und gebombt wird, auch mit deutschen Waffen. Weil Diktatoren an der Macht sind, die andere Meinungen gewaltsam unterbinden, unter anderem mit Waffen aus EU-Ländern.
Deutschland ist der fünftgrößte Waffenexporteur der Welt. Mit an der Spitze unserer „Kunden“ steht Saudi-Arabien. Den größten Teil der Waffen exportieren wir an NATO-Länder, die wiederum einen großen Teil ihrer Waffenerzeugnisse in Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas liefern. Ist es so abwegig, hier eine Verbindung zu sehen? Der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler hat es beim Namen genannt: Wir verteidigen am Hindukush nicht die Demokratie, sondern unsere Wirtschaftsinteressen.
Wir sind bereit, junge Bundeswehrsoldaten nach Afghanistan zu schicken, nehmen billigend in Kauf, dass sie dabei ums Leben kommen, weil wir dort wirtschaftliche Interessen haben. Wir sind aber nicht bereit, Menschen ins Land zu lassen, die vor Zuständen, die wir mitverantworten, fliehen.
Diese Menschen stürzen uns angeblich in eine Krise, weil sie nicht in dem Saustall, den wir mit anrichten, leben wollen. Wir zeigen Verständnis, zum Teil sogar Anerkennung, für den ungarischen Präsidenten Orban, weil er Zäune errichtet. Ungarn ist zwar sicher kein großer Waffenexporteur, doch Ungarn hat gut profitiert von dem Geld, das Deutschland, Frankreich oder Großbritannien mit Waffenverkäufen erwirtschaften. Ebenso wie Polen, Kroatien oder Tschechien.
Nein, wir sind nicht schuld an den Krisen im Nahen Osten oder an den Regimen in Nordafrika. Wir verursachen diese Krisen nicht, aber wir befeuern sie, und wenn das Folgen hat, wollen wir es nicht wahrhaben. Statt uns und unsere Politik zu hinterfragen, entdecken wir plötzlich wieder unsere Werte und eine Leitkultur, deren Inhalt immer schwammiger und nebulöser wird.
Wir machen uns eine Krise zu eigen, die nicht unsere ist, und verlangen dann nach Lösungen, die nur irgendwelche Symptome behandeln, und zwar eingebildete.

[Laut Wikipedia bezeichnet Münchhausen bx proxy das Erfinden, Übersteigern oder tatsächliche Verursachen von Krankheiten oder deren Symptomen bei Dritten, um anschließend die medizinische Behandlung zu verlangen.]