Hesse kann Tango

Von Alpan Sagsöz
„Anschläge in Istanbul, mehrere deutsche Touristen tot“
„Kinder schauen alle 18 Minuten auf ihr Handy. Laut aktueller Studie stresst das dauernde On-Sein unsere Kinder mehr als bisher angenommen“
„Isis-Schlächter enthauptet einen Norweger, 17 Tadschiken und einen Ostfriesen auf dem Marktplatz in Soest – keiner der Zeugen zeigte Zivilcourage“
„Peter Pan kotzt morgens um drei aus dem dritten Stock eines Berliner Vier-Sterne-Hotels und trifft das Dekolleté von Veronica Ferres“
„Breaking News! Klimaveränderungen beeinflussen laut Pekinger Forschungsinstitut nachhaltig die Haarstruktur von Bulgarinnen. Spliss! Rasant ansteigende Zahl Geschädigter im Norden von Sofia!“

Unsere Welt: Laut. Stakkato. Hardcore. Schwer, nicht aus seinem Lebensrhythmus herauskatapultiert zu werden.
Wie hätte Hermann Hesse mit dieser Informationsflut gelebt? Jedenfalls hätte er diese Phase unserer Spezies wohl als ziemlich unromantisch empfunden.

Der wahre Beruf des Menschen ist, zu sich selbst zu finden, sagte er.

Hesse ist eine Ikone. Einer, den man weder in der Pubertät verbiegen konnte (eher wäre er in der Psychiatrie zerbrochen) noch später, als er die Literaturnobelpreis-Feierlichkeiten als Klimbim abtat und einfach schwänzte. Bei uns war Hesse kein Popstar, aber in den USA und Japan avancierte er posthum unter die meistgelesenen Europäer des Jahrhunderts. Also hatte er Einfluss auf die Haltung vieler Menschen. Er hatte Einfluss auf die Weltenseele.
Seitdem ich mich für die Literaturwelt interessiere, bin ich sein Fan. Würde Hesse noch leben, würde ich natürlich seine Lesungen besuchen, zu denen er selbst wahrscheinlich nicht erschiene. Spannende Vorstellung, vor allem in der jetzigen Zeit, wo Hinz und Kunz sich als „Supertalente“ exaltieren und dabei nicht selten nur dumpfe Vulgarität bieten. Star for a day. Eher für fünf Minuten. Und das Supertalent ist: keins zu haben. Ätsch! Eine andere Art Nirwana sozusagen. Auf eine Zeit mit so vielen „Stars“ hätte Hesse nur mit noch mehr Rückzug reagiert.
Wenn mich aber doch etwas an ihm irritiert hat, dann, dass seine Figuren nie zu lachen scheinen. Vor meinem inneren Auge haben sie dauernd die Stirn in Falten gelegt, selbst wenn sie schlafen. Selbst wenn sie noch Kinder sind, selbst wenn sie kurz vor der Erleuchtung stehen. Vielleicht war seine trockene Ernsthaftigkeit den religiösen Eltern, vielleicht dem engstirnigen Calw, möglicherweise beidem geschuldet. Dennoch wurde Hesse für mich zu einem Leuchtturm.
Vor über zehn Jahren las ich seinen Demian. Kennen Sie das, wenn eine Geschichte Sie im Mark trifft und Sie eigentlich sofort – wegen dieser einen Geschichte – Ihr Leben umkrempeln wollen? Ja, okay, es wird nichts daraus. Aber etwas hinterlässt es doch: ein unsichtbares Band, eine verschworene Übereinkunft, eine diffuse Solidarität zwischen Autor und Leser.
Was Herrmann Hesse vor fast hundert Jahren schrieb, beruhigte suchende Seelen, nicht nur meine. Niemand konnte innere Welten, Identitätskrisen und versuchte Wege zu jesuitischen Erlösungsgefühlen präziser kartografieren und damit fassbar, verdaubar machen. Er konnte die Weltenseele sezieren und spielend wieder neu zusammensetzen. Das dürfte die Königsklasse des Schreibens sein.
Hesse wurde nicht zufällig a star for a life (und posthum). Er beschäftige sich mit immer aktuellen Fragen: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Wer sind wir und wie bekomme ich heraus, was wir hier sollen?
Sein Demian, der Steppenwolf und Siddharta sind Bewusstseinserweiterer. Jeder von ihnen hat diese überwältigende Kraft. Vielleicht habe ich in diesem Winterurlaub deswegen wieder in mein Bücherregal gegriffen und den Demian aufgeschlagen. Hesse war fast immer „offline“, meist irgendwo in der Natur. Sicher, das war früher auch besser praktizierbar. Heute hat man eher das Gefühl, dass man kurz überprüfen muss, ob man überhaupt existiert, wenn man länger keine Posts geschrieben hat. Ja, was hätte Hesse heute empfunden, was hätte er im Jahr 2016 geschrieben?
Fest steht, dass er versuchte sich „von Stufe zu Stufe“ zu entwickeln. Durch seine Romane kristallisiert sich ein zentraler Gedanke heraus: Es gibt nur ein Universum, in das es sich lohnt, abzutauchen – man selbst. Immer wieder und immer wieder aus einem anderen Einfallstor, sich selbst überraschend. Quadraturen der Kreise produzierend. Man wird darin umkommen. Was sonst? Aber was, wenn es ein Umkommen, ein Sich-Verlieren wäre, wie bei Hesse? Vielleicht hat er dieses Ich nie gefunden, vielleicht auch bald nicht mehr finden wollen. Aber der Weg dahin hat ihn ein Leben lang getragen und geschützt vor der diffusen, meist im Gleichschritt laufenden Außenwelt. Er hat sich nicht von ihr mitreißen lassen, die Fersen fest in den Boden gerammt.
Es ist alles nur ein Versuch … schrieb Hesse. Man darf also alles versuchen. Man darf fragen, wo eigentlich der Punkt war, an dem die äußeren Fortschritte sich vom seelischem Unterbau der Welt abkoppelten. Vielleicht hilft es, um dort wieder anzuknüpfen. Andernfalls werden gewisse Fragen nicht zu klären sein: Wie zum Beispiel konnte sich ein gesellschaftlicher Konsens bilden, dass man sich in einer immer substanzloseren Effektivitätsgegenwart verlieren will? Hesse war es geglückt, die eigenen Schneckenhäuser immer mitzunehmen und eben nicht mit einer billigen Arschbombe johlend ins Nirwana zu springen. Er beherrschte den Tango des Lebens. Wir sollten es vielleicht ab und an auch versuchen, und sei es mit zwei linken Füßen.