„Wer im Zustand der Angst lebt, der Schuld, der ständigen Angst vor der Angst, ohne die Augen schließen und Erlösung empfinden zu können, und dabei arbeiten, lachen und sich unterhalten muss, der lebt wie ich und muss damit in unserer Welt zurecht kommen.“ Das schrieb Ivo Andrić in “Wegzeichen“, einem Buch, an dem er zeit seines Lebens arbeitete. Auch wenn es anders klingt, liegt in  Andrićs Worten mehr Wahrheit als Selbstmitleid, der schlimmste Feind des Menschen – schlimmer noch als die Angst.
Würde sich jeder von uns zur Jahreswende, zwischen dem katholischen und dem orthodoxen Weihnachtsfest, fragen, wovor er sich die vergangenen 365 Tage gefürchtet hat, käme dabei eine lange Liste heraus. Im vergangenen Jahr waren die Ängste zahlreicher als die Schäfchen, die wir zum Einschlafen zählen. Einige davon sind riesig und lassen sich durch nichts besänftigen, andere so winzig, dass man sie leicht vergisst, sie vergehen von allein, auch wenn ihre Ursache bleibt, nur dass sie uns keine Angst mehr macht. Genauer gesagt: nicht uns, sondern mir.
Ängste sind zunächst individuell, persönlich und einzigartig, nicht kollektiv. Die Angst des anderen ist uns in der Regel egal. Wir teilen sie nicht. Wir denken, ach, mit dieser Angst ließe sich leicht leben.
Meine Ängste, auch die winzigen, sind schrecklich. So schrecklich, dass ich sie gar nicht benennen will. Denn wem ich sie offenbare, dem lege ich meine Seele in die Hände. Das ist gefährlich, denn derjenige könnte meine Angst ausnutzen. Das ist eine der größten Ängste überhaupt.
Psychotherapeuten wurden erfunden, um uns von unseren Ängsten zu befreien. Das ist ihre oberste Pflicht, die Basis ihrer Arbeit. Dem Psychotherapeuten vertraut man seelenruhig seine Angst an, in der Gewissheit, dass er keinen Vorteil daraus zieht. An erster Stelle der Psychotherapeuten stehen die Pfarrer im Beichtstuhl: Der grundlegende Gedanke hinter dem Beichtgeheimnis ist die von Gott und der Kirche gegebene Garantie, dass dein Beichtvater, deine Angst nicht ausnutzen wird. Religionen, die keine Beichte kennen, das Judentum und der Islam, sind viel strenger und kategorischer. Sie erwarten von den Menschen, alleine mit ihrer Angst zurecht zu kommen. Oder aber, sie nehmen sich des Problems äußerst gründlich an. Es ist nicht verwunderlich, dass Freud Jude war, genauso wie die meisten Väter, Onkel und Tanten der Psychoanalyse. Ebenso wenig, dass der Psychiater, der Shrink in amerikanischen Filmen und Serien, einer merkwürdigen Regel folgend Jude ist.

2015 hatte ich Angst vor dem Tod, vor Krankheit, dem Mob und dem zivilisatorischen Zerfall unserer Gesellschaft. Diese Ängste gestehe ich unumwunden ein, weil sie typisch sind. Ich teile sie mit den meisten Menschen, und keiner außer einem talentierten Psychopathen oder einem Autor von Horror-Romanen wird daraus ein Drama machen. Eine Angst, die wir wie ein Verhungernder seinen letzten Kanten Brot mit anderen teilen, verliert ihren Schrecken. Auch wenn unsere Angst natürlich größer ist als die der anderen, die entweder dümmer oder mutiger sind als wir.
Über meine anderen Ängste kann ich nicht so offen sprechen. Man kann ihnen in meinen Büchern nachspüren, in meinen Prosatexten und Gedichten aus dem Jahr 2015. Das ist der Exhibitionismus des Schriftstellers: Er wird auch seine Ängste offenbaren, wenn es ihm nützt. Er wird seine Seele verkaufen und sich auch noch freuen, wenn sich irgendein Mistkerl daran festbeißt, denn das wäre ein schlagender Beweis, dass derjenige das Buch gelesen hat.

Die effizienteste und leichteste, aber auch gefährlichste Methode, sich seiner Ängste zu entledigen, ist die Erfindung von Scheinängsten. Echte Ängste sind immer individuell. Selbst wenn wir sie mit anderen teilen – wie etwa die Angst vor dem Tod – gehören sie doch nur uns, dem einen unvergleichlichen Ich, dem gegenüber alles andere nur Schein und Illusion ist. Und das Wir ist natürlich die beste Illusion.
Kollektive Ängste sind immer Scheinängste. Sofern es sich nicht um konstitutive und allgemein menschliche Ängste handelt, erfasst uns ein angenehmes Schaudern, wenn wir sie mit der Mehrheit unserer Landsleute, Glaubensbrüder, Mitbürger teilen. Anbieter von Ängsten sind Internetplattformen, das Fernsehen und die Presse. Es versetzt unsere Seele in einen Zustand der Glückseligkeit, wenn wir bei ihrem Angebot zugreifen. Für den Einzelnen gibt es kein größeres Glück als eine Scheinapokalypse, die Ankündigung des Weltuntergangs unter der Regie eines versierten Verschwörungstheoretikers wie z.B. William Engdahl. Wenn der sich unseres Planeten annimmt, schürt er eine Angst, die jede wirkliche Angst harmlos erscheinen lässt. Wer vor ungefähr zehn Jahren Engdahls Hard- oder Softcover-Verschwörung über die Ölindustrie auch nur durchgeblättert hat, der fürchtete hinterher kein Wasser und kein Feuer, weder Finsternis noch Zahnarzt. Er war gewappnet fürs Leben wie ein IS-Kämpfer.

Ganz oben auf der aktuellen Liste der um sich greifenden Scheinängste, der kollektiven Phobien, die uns von dem heilen, was uns wirklich ängstigt, steht die Angst vor syrischen Flüchtlingen. Ihre größte Wirkung entfaltet sie unter Regierungen, Polizei, Armee und hypnotisierten Bürgern der Staaten, die auf der Reiseroute der Flüchtlinge liegen: Ungarn, Slowenien, Tschechien, Slowakei, Polen – alles osteuropäische postkommunistische Staaten. Die Unglücksraben, die aus dem Osten in diese Staaten kommen, gehören zu einer der ältesten modernen arabischen Nationen, sind Semiten, oft Atheisten, Bürger eines arabischen und islamischen Staates mit vorbildlicher Trennung von Kirche und Staat, der sich lange Jahre auf der Grundlage einer merkwürdigen Mischung aus Folklore und Tradition, Marxismus und wissenschaftlichem Sozialismus entwickelte und gedieh. Sie hatten nie die Absicht, sich in den ehemaligen Bastionen des sowjetischen und titoistischen Sozialismus niederzulassen – doch je mehr von ihnen durch Ungarn, Kroatien, Slowenien oder auf Umwegen durch Tschechien, die Slowakei und Polen reisten, desto größer wurde die Angst der Massen und umso bildgewaltiger die Phantasien der Anführer des Volkes von einer Arabisierung und Islamisierung ihrer ethnisch und konfessionell porentief reinen Länder. Schließlich wurden Mauern errichtet mit Stacheldraht und Wachtürmen, die an Konzentrationslager aus dem Zweiten Weltkrieg erinnern, oder, wie etwa an der Grenze zwischen Kroatien und Slowenien, provisorische Absperrungen aus NATO-Draht, die zum Tod von Rehen, Dachsen und Hasen führen. Es wurde ein perfekter Rahmen geschaffen für die Aufzucht und genetische Modifizierung der kollektiven Angst.

An zweiter Stelle steht die Islamophobie im Allgemeinen. Während die erste Scheinphobie als emotionalen und geistigen Treibstoff immerhin noch die Flüchtlinge braucht, genügt der Islamophobie der Fernsehbildschirm. Und auf diesem war Ende 2014 und 2015 zu sehen: die Enthauptung von Menschen in orangefarbenen Overalls, europäischen Mitbürgern, mit denen wir in Christus verbunden sind. Umgebracht an den fernen Stränden des östlichen und südlichen Mittelmeers, in den Wüsten und Einöden des Nahen Ostens. Durch die Wunder der Fernsehübertragung, die Illusion des Internets und die autosuggestive Kraft der Angst wurden sie zu festen Bestandteilen unserer Wohnräume. Der IS lebt und erweitert sein Herrschaftsgebiet bis in unsere halbdunklen Treppenhäuser, unsere schlecht beleuchteten Flure und Badezimmern. Der IS beherrscht unsere Träume, okkupiert unsere Phantasie und Erinnerung. Auf einmal fügt sich alles ein in die große Geschichte der Zivilisation, in eine Angst, die größer und umfassender ist als unsere kleinen Sprach- und Kulturgemeinschaften, die durch Zeit und Raum fließt und die letzten tausend Jahren zu einer Konfrontation zwischen unserer und ihrer Welt reduziert.
Was wir im vergangenen Jahr über Muslime, ihre Kultur und Zivilisation, ihren Glauben dachten und fühlten, unterscheidet sich radikal von dem, was wir ein Jahr, zehn oder fünfzig Jahre zuvor über sie dachten und ihnen gegenüber empfanden. In der Zwischenzeit hat sich etwas verändert, dessen wir uns nicht bewusst sind. Wir denken, es sei schon immer so gewesen, und dass unsere Angst vor dem Islam und einer Islamisierung unseres Lebens ein natürlicher Dauerzustand sei.

Die dritte Pseudophobie ist unsere lokale, kroatische, osteuropäische, kommunistische. Es ist die Phobie vor dem Westen, vor Amerika, dem American Way of Life, der Weltanschauung und dem politisch-militärischen Agieren der Vereinigten Staaten. Nur auf den ersten Blick scheint zwischen dieser Angst und der Angst vor Flüchtlingen und dem Islam ein Widerspruch zu liegen. Schließlich ist die amerikanische Politik ursächlich für die humanitäre, menschliche und zivilisatorische Katastrophe im Nahen und Mittleren Osten und die Vereinigten Staaten sind der Hauptgenerator der globalen Islamophobie. Doch die Dinge liegen anders. All unsere Scheinphobien der vergangenen vier Jahrhunderte waren im Grunde genommen anti-westlich, richteten sich gegen die Errungenschaften der Französischen Revolution, gegen die europäische Aufklärung, die Säkularisierung, die parlamentarische Demokratie. Die Anglophobie – die Angst vor dem wirklichen oder dem metaphorischen Amerika – spielt der Islamophobie in die Hände, sie treten im Paar auf. Schwerlich wird man bei uns einen Christen finden, der sich vor den Muslimen ängstigt, ohne gleichzeitig Hollywood, die CIA, das State Department, den IWF zu fürchten, aber auch beispielsweise Juden, die internationale Bankenlobby, die Freimaurer und was weiß ich.

Es folgen die kollektiven Ängste oder Phobien zweiter Ordnung. Am attraktivsten und am weitesten verbreitet sind die Angst vor der globalen Klimaerwärmung und vor genetisch veränderten Lebensmitteln. Die Dealer der Ängste erster Ordnung sind in der Regel Rechte, was aber keine Voraussetzung ist. Die Dealer von Ängsten zweiter Ordnung sind eher die Linken, obwohl es auch hier zahlreiche Ausnahmen gibt. Natürlich drohen der Welt in ferner Zukunft die Sintflut infolge des Abschmelzens der Polkappen, ein Anstieg der Meerestemperatur, Ozonlöcher, Treibhauseffekt und alles andere, was vor einigen Jahren der amerikanische Präsidentschaftskandidat Al Gore prophezeite. So, wie uns auch nichts Gutes erwartet, wenn wir Tomaten mit Genen von Seehunden verändern. Doch dazu wird die Welt auch noch bedroht von islamischen Extremisten, amerikanischen Imperialisten und hohlköpfigen Neofaschisten (der wahrscheinliche republikanische Präsidentschaftskandidat Donald Trump), und auch unter den syrischen Flüchtlingen findet sich der eine oder andere Psychopath oder zumindest Überträger gefährlicher nahöstlicher Seuchen, zum Beispiel der Pocken. Trotz dieser ganzen Palette an Gefahren, ist es wahrscheinlicher, dass man von einer Straßenbahn überfahren wird oder sich durch den Verzehr von Leberwurst mit einem tödlichen Bakterium infiziert. Wenn man in Europa lebt, geht immer noch eine größere Gefahr von Viktor Orban und Marine Le Pen aus als von Al Bagdadi und seinen Schreihälsen. Leberwurst ist gefährlicher als Donald Trump, ein starkes Erdbeben schlimmer als genetisch veränderte Tomaten.
Warum haben wir dann keine Angst vor Leberwurst und Tomaten?
Die Antwort auf diese Frage ist lebenswichtig: Oh ja, unter uns leben bestimmt Menschen mit panischer Angst vor Tomaten. Zahlreicher sind solche mit Todesangst vor abgelaufenem Haltbarkeitsdatum bei Lebensmitteln. Aber das sind ihre privaten Ängste, sie betreffen die Mitbewohner, die Verwandtschaft, den Psychiater und den Seelsorger. Der Rest der Welt schert sich nicht um Leberwurst und Tomaten. Bis sich eines Tages vielleicht auch für diese Ängste Dealer finden und sie auf das Niveau kollektiver Empfindungen heben.
Jede Scheinphobie war irgendwann einmal jemandes winzige und harmlose Angst. Oder wurde ganz einfach als Ausdruck eines unanständigen Chauvinismus betrachtet. Was wäre vor zehn Jahren mit jemanden geschehen, der den Islam als böse, verbrecherische Religion bezeichnet hätte, wie es heute Donald Trump tut oder auch erschreckend viele Journalisten, Pfarrer und Bischöfe? Wie hätte vor fünfzig Jahren die Öffentlichkeit eines freien und demokratischen Staates, einer lupenreinen parlamentarischen Demokratie, auf die Entscheidung ihrer Regierung reagiert, das Land mit einer Mauer aus NATO-Draht abzuschotten? Und was wäre aus der Idee eines vereinten Europa geworden, wenn vor nur fünfzehn Jahren Fremde genauso behandelt worden wären wie heute in einigen Teilen des geeinten Europa? Stellen Sie sich Ihre eigenen Eltern, aber auch Großeltern mit den heutigen kollektiven Ängsten vor.

Das Jahr, das hinter uns liegt, war ein Jahr der Angst, so wie die Jahre 1989, 1990, 1991 und 1992 in Europa und der Welt Jahre der Hoffnung waren. Aufgrund besonderer lokaler Umstände haben wir Kroaten die Jahre der Hoffnung ausgelassen, aber wir haben mit den Europäern alle ihre Ängste geteilt. Solange die Idee von Freiheit, Gleichheit und Einheit lebendig war, solange gab es auch Hoffnung. Solange die Osteuropäer an eine bessere Zukunft glaubten, an Wohlstand und Lebensqualität, und solange die Westeuropäer überzeugt waren, dass mit dem Ende des Kalten Krieges eine Zeit des Friedens und der Verständigung angebrochen war, solange lebte man in einer Zeit der Hoffnung. Solange auf beiden Seiten der ehemaligen Mauer eine positive Idee und Ideologie vorherrschte, um die sich die Gemeinschaft scharen konnte, war Hoffnung berechtigt. Darauf folgten erst Leere und dann Angst. Manchmal erkennen die Menschen den Unterschied zwischen Hoffnung und Angst nicht. Hypnotisiert von der Angst, fühlen sie sich genauso gut wie zu der Zeit als sie von der Hoffnung hypnotisiert waren. Starke und leidenschaftliche kollektiv empfundene Emotionen befreien den Menschen von seinen Alltagssorgen.
Wenn Anführer und ihre Sprachrohre nichts Vernünftiges zu sagen haben, um die Gemeinschaft um sich zu scharen, machen sie den Menschen Angst. Es gibt kein besseres und billigeres Marketinginstrument, als die Angst der Masse zu schüren. Nie laufen die Geschäfte besser als kurz vor dem Jüngsten Gericht. Darauf gehe ich jede Wette ein. Vielleicht erleben wir es auch noch, dann wäre es bewiesen. Am letzten Sonntag vor dem Jüngsten Gericht wird die Konsumfreude größer sein als vor Weihnachten. Die Straßen werden üppiger geschmückt, die Schaufenster glänzender dekoriert sein, und alle werden ihr letztes Geld verpulvern. Hohlköpfige oder ideenlose Politiker, Vladimir Putin oder Barack Obama, sind wie Händler am Vortag des Jüngsten Gerichts. Oder noch besser: wie die Boulevardpresse. Nicht Bildung und Seriosität sind der Tod der Boulevardpresse, wie man gemeinhin annimmt. Der Tod der Boulevardpresse wäre die Hoffnung, dass das Jüngste Gericht und der Weltuntergang in weiter Ferne liegen. Für die kroatische Boulevardpresse zum Beispiel gibt es keine schlimmere Nachricht, als ein unerwarteter Anstieg des Bruttoinlandsprodukts. Das wäre keine Nachricht, sondern eine Anti-Nachricht. Bis sich irgendein Haken findet, etwa eine Absprache noch aus Zeiten unseres ehemaligen Premierministers Ivo Sanader mit der Gewerkschaft des öffentlichen Dienstes, derzufolge im Falle eines gestiegenen BIP diejenigen eine Gehaltserhöhung erhalten, denen aus Sicht der Boulevardpresse nie und nimmer eine Gehaltserhöhung zusteht. Das führt dann zu der wunderbaren rettenden Kehrtwende, und der Anstieg des BIP wird nicht nur zu einer schlechten, sondern zu einer katastrophalen Nachricht. Der Anstieg des BIP in Kroatien wird zum Vorboten des Jüngsten Gerichts.

In “Wegzeichen” hat sich Andrić an vielen Stellen mit Angst beschäftigt. Sein ganzes Leben lang hat er sich damit auseinandergesetzt. Dabei war er eigentlich ein sehr mutiger Mann. Schüchtern, verzweifelt, voller Unbehagen und Schuldgefühle, aber mutig. Wäre er anders gewesen, würden wir uns heute weniger mit seinen Überzeugungen und Identitäten beschäftigen. Die Identität des Feiglings ist die der Mehrheit: Immer und in jeder Gesellschaft ist der Feigling Teil der Mehrheit. Er ist niemals ein einsamer, isolierter Einzelner. Feiglinge leben in Frieden mit der Angst. Andrić schrieb: “Die Angst steht im Dienst einer unbekannten Macht, die sie verfolgt wie ein Jäger seine Beute. Ich beobachte die Angst in mir und um mich, und es scheint mir, dass die Menschen nicht vor dem Angst haben, von dem sie denken und sagen, dass es ihnen Angst macht, sondern vor ihrer ureigenen Angst. Diese Angst hockt in ihnen und lauert wie eine hungrige Spinne darauf, dass etwas am Netz der menschlichen Nerven rüttelt. Jede noch so kleine Regung ist ein willkommener Anlass, sich blind darauf zu stürzen. Dann erfüllt die Angst den ganzen Menschen, trübt seine Sinne und seinen Blick, zieht ihm den Boden unter den Füßen weg, macht aus ihm ein blindes, bewegungsunfähiges Opfer für die unbekannte Macht, die ihn fressen will. Und wenn der Mensch bei diesem Mal nicht unterliegt, zieht sich die Angst in ihm wieder zurück, macht sich klein und unsichtbar und wartet auf den nächsten Anlass.“

Miljenko Jergović, 27.12.2015