Der Amtsschimmel reitet auch Heiligabend

Schon auf dem Gang riecht es nach Zimtsternen und Vanillekipferln. Ich steige die Stufen zum Gemeindesaal hinauf, den die Ehrenamtlichen einmal wöchentlich zum Begegnungscafé umfunktionieren. An weihnachtlich geschmückten Tischen sitzen Leute zusammen, spielen selbsterklärende Spiele, füllen Anträge fürs Sozialamt aus und verfassen Briefe, in denen sie der ehemaligen GEZ erklären, der Bewohner des Containers Nr. sowieso halte gar kein Gerät zum Empfang öffentlich-rechtlicher Sender bereit und verzichte deshalb darauf, einen Beitrag zum deutschen Bildungsfernsehen zu entrichten.
Zur Feier des Tages hat sich ein älterer Herr mit Akkordeon eingefunden. Umringt von den anwesenden Kindern spielt er Weihnachtslieder. Der kleine Danijel Jusufović strahlt übers ganze Gesicht, als er das Lied erkennt, das er gerade im Kindergarten gelernt hat, und stimmt aus vollem Halse ein: „Morgen, Kinder, wird’s was geben…“

Vor der Kirche verkauft ein Trüppchen Pfadfinder Weihnachtsbäume für einen guten Zweck. Ich diskutiere mit meinem Mann gerade Nordmanntanne versus Fichte, als ein kleiner Wölfling sich zu Wort meldet: „Möchten Sie sich nicht dieses Baumes erbarmen?“, fragte er und zeigte auf ein gut gewachsenes Exemplar, dem aber die Spitze fehlt. „Sie bekommen ihn auch zum Sonderpreis.“ Mit spontanem Wohlwollen reagiere ich auf die korrekte Verwendung des Genitivs (schließlich unterrichte ich Deutsch als Fremdsprache), während mein Mann sich eher als Tüftler angesprochen fühlt und die abgebrochene Baumspitze begutachtet, die der Pfadfinder hochhält. Das finanzielle Argument gibt bei uns beiden den Ausschlag, aber das würde keiner von uns zugeben. Kurz darauf verstauen wir unseren „Weihnachtsbaumbausatz“ im Auto.

Als wir den Baum am nächsten Morgen zum Schmücken ins Haus holen, klingelt das Telefon. Herr Jusufović, der seit ein paar Monaten mit seiner Familie bei uns in der Gemeinde wohnt, ist dran. Ich gebe ihm Deutschunterricht, und da ich seine Sprache spreche, dolmetsche ich ab und zu für ihn. Er habe einen Brief bekommen, sagt Jusufović. Etwas Amtliches, mit einem Adler links oben. B-E-S-C-H-E-I-D, buchstabiert er mir die Überschrift. Ich lasse den Baum liegen und treffe mich mit ihm. Der Brief, den er pünktlich am 24. Dezember bekommen hat, ist ein Bescheid über die Anordnung seiner Abschiebung. Ich brauche Jusufović nichts zu übersetzen. Das Wort „Abschiebung“ kennt er. Fehlt nur noch, dass der Absender mit „Frohes Fest“ grüßt.

Ich stelle mir vor, wie am Vortag, während wir Weihnachtslieder sangen und Plätzchen aßen, ein Sachbearbeiter in seinem Büro auf die Uhr sah. Es war Mittagszeit. Aber heute würde er sich keine Pause gönnen, sondern durcharbeiten, um vor dem wohlverdienten Weihnachtsurlaub noch alle Bescheide, die in seinem Fach warten, fertigzumachen und abzuschicken. Und dann: Gran Canaria! Weihnachten in der Sonne. Weit weg vom Büromief, von der pflegebedürftigen Mutter, von Nieselregen oder Schneematsch. Frisch motiviert haute er in die Tasten seines Computers.
Plötzlich klopfte es und eine Nikolausmütze schob sich durch die Tür. „Frohes Fest und guten Beschluss!“ Die Kollegin aus dem Büro nebenan stellte ein Tütchen Lebkuchenherzen neben seinen Bildschirm, selbstgebacken. Dann verschwand sie über den Flur zu den übrigen fleißigen Kollegen.
Von da an fiel es dem Sachbearbeiter schwer, sich zu konzentrieren. Sein Magen knurrte, sein Blick glitt immer wieder vom Dokument auf dem Bildschirm zu der durchsichtigen Tüte. Schließlich riss er sie auf. Auf Gran Canaria machten Lebkuchen ohnehin keinen Sinn. Er probierte ein Herz, klickte kauend weiter, steckte sich noch eins in den Mund. Dann riss er sich zusammen, erledigte in einem Zug die letzten Schreiben, speicherte und gab den Druckauftrag. Während der Drucker ratterte, vertilgte er die restlichen Lebkuchenherzen aus der Tüte. Er faltete die Briefe und steckte sie in Fensterumschläge und leckte die gummierten Laschen mit seiner klebrigen Zunge an. Ab zur Poststelle und dann nach Hause, packen. Heilig Abend unter Palmen.

Als ich von Jusufovićs zurückkomme, hat mein Mann den Baum schon aufgestellt und ist gerade dabei, die abgebrochene Spitze mit Blumendraht zu befestigen. „Lass mal“, sage ich. „Dieses Jahr kommt kein Stern an den Baum.“
Und dann stelle ich mir vor, wie der Sachbearbeiter gerade mit seiner Frau in einer Hotellobby auf Gran Canaria steht. Vor den Panoramafenstern wiegen sich Palmen im Wind. Die Krippe, die die Hotelangestellten davor aufgebaut haben, wirkt wie im falschen Film. Aber der Sachbearbeiter hat ohnehin nur Augen für den Portier. Seit einer Viertelstunde sucht der im Computer vergeblich nach ihrer Reservierung. Ein Anruf im Reisebüro bringt auch nichts. An Heiligabend ist dort niemand mehr zu erreichen. Verzweifelt wendet er sich nochmals an den Portier. Der zuckte die Schultern: „Tut mir leid, wir haben wirklich kein Zimmer mehr frei.“

Streiflicht: Belgrad – Hotel Moskva

Von der Terrasse unseres Hotels hat man einen grandiosen Blick in Richtung Pannonische Tiefebene. Die Straße, die in den Terazije-Platz mündet, schiebt die Bebauung auseinander, der unmittelbar benachbarte Park bricht diese Stadtlichtung noch weiter auf und zwischen dem Hotel Moskva und dem Hotel Balkan öffnet sich die Stadt und mein Blick fällt den Berg hinab und über den Fluss in eine gewaltige Weite. Was für ein Ausblick, was für ein Himmel!
Wenn mir die Weite zu viel wird und mein Auge Halt braucht, drehe ich den Kopf leicht nach links. Dort steht seit vielen Jahrzehnten das Hotel Moskva. Ich kann mich kaum sattsehen an seiner glänzenden grünen Jugendstilfassade. Es ist eines meiner zwei Lieblingsgebäude in Belgrad, das andere steht am entgegengesetzten Ende der Knez Mihajlova, der Belgrader Fußgängerzone, in der Kralja Petra. Jugendstil, mit grünen Kacheln verziert.

Das Moskva. Auch meine Tochter liebt das Hotel, es erinnert sie an viele vergangene Aufenthalte in Belgrad. Also machen wir uns auf den Weg und gehen hinüber. Am ersten Tag sitzen wir mit Freunden im inneren Hotelbereich, Jugendstilkunst an den Wänden, ein Flügel, auf dem heute allerdings niemand spielt. Man sitzt unten oder auf der Galerie, in bequemen Sesseln oder Zweisitzern um niedrige Tische herum. Noch darf hier immer und überall geraucht werden, selbst während des Essens in den Restaurants. Wir rauchen nicht. Wir bestellen Kaffee, Orasnice, ein Gebäck, das überwiegend aus Walnüssen besteht und wundervoll schmeckt, und hausgemachte Limonade. Ein Traum.

Das Moskva. Elegant gekleidete, höfliche Kellner, die gekonnt türkischen Mokka aus sogenannten Džezve einschenken. Diese schön gearbeiteten kleinen Stielkännchen aus getriebenem Messing und der Kaffee, den man hier lieber „landestypisch“ als „türkisch“ nennt, erinnern an die lange Zeit der türkischen Besatzung und sind ein gutes Beispiel für die pragmatische Einstellung auf dem Balkan: Was gut ist aus vergangenen Zeiten, oder lecker oder schön, das wird beibehalten, was nicht, landet auf dem Müllabladeplatz der Geschichte.
Am nächsten Nachmittag setzen wir uns vor dem Moskva auf die Terrasse und bestellen – dasselbe. Es ist ein Ritual, an sich gehören noch eine Zigarette und die Tageszeitung dazu, und ganz viel Zeit. Von hier aus kann man, durch die hohen Nadelgehölze, die im Wechsel mit blutroten Geranien die Terrasse vom Bürgersteig der belebten Straße abgrenzen, die Passanten beobachten. Sehr schlanke, hochgewachsene Mädchen, die Haare perfekt geschnitten und glatt frisiert, stark aber überwiegend geschmackvoll geschminkt, sind auf halsbrecherisch hohen Hacken unterwegs, die uns Respekt einflößen. Junge Männer, meist groß und gepflegt, die vor wenigen Jahren noch aussahen, wie frisch aus dem Bodybuildingstudio gekommen, mit seltsam anzusehenden, mühsam antrainierten Muskelsträngen an Hälsen, die fast denselben Umfang erreichten, wie die Köpfe der Halsbesitzer, sind jetzt wieder auf Normalgröße zurückgeschrumpft. Straßenkartenbewaffnete Touristen aus Deutschland, Amerika oder Japan, in Wanderschuhen und mit Rucksäcken. Orthodoxe Popen in langen schwarzen Soutanen, deren lustig-listige Augen über wallenden Vollbärten hervorblitzen. Bettelnde Zigeunerinnen, die sich mit dem Kind an der Brust an Touristenfersen heften. Niemals würden sie sich als Roma bezeichnen. Und von wegen lustig ist das Zigeunerleben, hier sind sie, wenn sie arbeiten, Straßenfeger – deren ständiger Einsatz übrigens dazu beiträgt, dass die Stadt deutlich sauberer ist, als ich sie in Erinnerung habe.

Das Moskva. Ein Schmuckstück. Tagsüber in der Sonne glänzend, nachts effektvoll beleuchtet. Früher Dreh- und Angelpunkt für Besprechungen und Geschäfte der Belgrader Kaufleute mit den Bauern und Händlern aus der näheren Umgebung und Geschäftsleuten auf der Durchreise. Selten geworden sind die Bauern aus dem Umland, die noch vor wenigen Jahren in Tracht, oder zumindest mit einzelnen Teilen ihrer Tracht, wie den Šajkače, gefilzten Wollhosen, oder in Opanke, Lederschuhen aus einem Stück, deren Kappe hochgebogen ist, mit ihren Produkten zum großen Markt unterhalb des Moskva kamen. Dort, auf dem Zeleni Venac, verkaufen sie immer noch ihr selbst angebautes Obst und Gemüse, das Fleisch ihrer selbst gezüchteten Schweine und Schafe, ihren eigenen Käse und Kajmak, aber ihre Tracht tragen sie nicht mehr.

Das Moskva. Heute sitzen hier korrekt gekleidete Herren in dunklen Anzügen, die während ihrer Geschäftsreise ein Hotelzimmer im Moskva bezogen haben, Pensionäre, die über Politik diskutieren, Touristen, die sich von der Stadtbesichtigung ausruhen, und wir. Irgendwie dazwischen. Zwischen Einheimischen und Touristen. So wie auch das Moskva irgendwie dazwischen ist. Zwischen Jugendstil und Moderne, zwischen Touristen aus dem Westen und den Alteingesessenen aus der Stadt. Zwischen glorreicher Vergangenheit und dem, was noch kommen wird.

Erzählende Fotos

Vor kurzem hatte ich das Glück, mir in Birma über dem Tal der tausend Pagoden den Sonnenaufgang ansehen zu können. Noch im Dunkeln fuhr ich mit dem Rad zu einem Tempel und stieg fast fünfzig Meter die hohen Stufen hinauf. Und natürlich war ich nicht allein. Immer mehr kamen, um das Spektakel zu sehen. Im ersten Licht konnte man im Osten einige der hohen Tempel erkennen, dann rötete sich der Himmel, die Sonne wollte hervorkommen. Über dem Tal lag leichter Nebel. Das erste Gold einiger Stupas wurde sichtbar.

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Wir standen vielleicht eine halbe Stunde dicht an dicht. Mehr als hundert Menschen aus allen Teilen der Welt. Doch statt sich ruhig und aufmerksam das Wunder zu betrachten, waren alle damit beschäftigen es zu fotografieren. Belichtungszeiten wurden verändert, Stative neu ausgerichtet, Tabletts weit hochgehoben. Neben meinem Gesicht schob sich rechts und links ein Teleobjektiv nach vorn. Fast alle betrachteten sich den Sonnenaufgang durch ihre Kameras. Ein Italiener neben mir schoss in der kurzen Zeit mehr als fünfhundert Fotos. Schoss! Andere drehten sich weg, um mit Selfie-Sticks nicht nur den roten Himmel, sondern vor allem sich selbst zu inszenieren. Ich spürte eine schwelende Aggressivität um mich herum, eine lieblose und hemmungslose Aneignung von Schönheit und fühlte mich unwohl.

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Da ist etwas geschehen, was ich so noch nicht kannte. Fotos erhalten mehr Wert als das gerade Erlebte. Das Erlebte ist nur dann von Bedeutung, wenn es fotografisch festgehalten wird. Gut, man muss nicht mehr wie früher ökonomisch mit einem 36ger-Farbfilm umgehen, wenn auch in der Analogzeit schon wild herumfotografiert wurde. Aber was geschieht, wenn man aus dem Urlaub nur noch Fotos auf einer SD-Karte statt erlebte Erinnerung mitbringt? Frei nach Susan Sontag: Kürzlich ist meine Digitalkamera von einem wunderschönen Urlaub zurückgekehrt. Wenn du magst, kann sie dir zeigen, wo überall sie war und was sie erlebt hat.

Dabei zeugt ein Foto nicht von Realität. Realität ist mehr als die Überleitung von Lichtwerten zu Spannungswerte in einem Chip. Unsere Sinne sind umfangreicher. Das Foto zeigt zusätzlich nur eine von vielen Variationen, wie etwas im Bruchteil einer Sekunde ausgesehen haben kann. Muss man daher so viele Fotos aufnehmen? Man wird auch durch die Vielzahl nicht der Wirklichkeit gerecht, weil viele Bilder noch keinen Gedanken und kein Gefühl schaffen. Nichts ist w a h r genommen. Und was geschieht eigentlich mit all den Fotos, wenn die Kamera aus dem Urlaub zurückgekehrt ist? Ist eines dabei, das mehr ist als Abklatsch? Ist eines dabei, das uns anrührt (wie das Licht eines Sterns), wie Roland Barthes es wollte? Oder will man tatsächlich nur bewahren und beglaubigen: Ich war zum Sonnenaufgaben auf dem Shwesandaw-Tempel!!! Ich. Ich. Ich.

Nochmals Susan Sontag und dieses Mal original und noch aus der Analogzeit: „Das Fotografieren hat eine chronisch voyeuristische Beziehung zur Welt geschaffen, die die Bedeutung aller Ereignisse einebnet.“

Ich habe an diesem Morgen in Birma die ersten Sonnenstrahlen auf meiner kühlen Haut gespürt. Ich hätte gern der Stille dort unten zwischen den Pagoden gespürt, wenn nicht die Verschlüsse dazwischen geschnappt hätten. Ich hätte dort oben den Morgen riechen können. Und deshalb fasste ich einen Entschluss. Nein zwei.

Erstens: Ich gebe toten Fotos ihre Wahrheit, ihre Wirklichkeit, ihr Leben zurück. Zuhause überschütte ich eines mit konzentrierter Zuckerlösung. Der Zucker kristallisiert über Wochen. Das Motiv wird langsam immer unsichtbarer. Irgendwann ist der Zucker auskristallisiert und fällt nach langer Zeit Stück für Stück ab. Das Motiv tritt wieder hervor. Zucker, Moos, Flechten, Wasser, Schnee und mein letztes Experiment: Schimmelkulturen. Rötlich, gelb, grau, blau.bagan-3

Zweitens: Ich zeige meinen Romanfiguren ein Foto, das etwas ganz anderes behauptet als im Roman geschrieben. Nein, mehr noch: Das Gegenteil. Große Verwirrung. Protest. Beispiel: Kai Hinrichsen unterstellt im Roman „Fluchtland“ seinem Gast beim gemeinsamen Abendessen, dass dessen Großeltern sich als Nazis am Ende des Faschismus nach Argentinien abgesetzt hatten. Kai war schon wieder einmal die Fantasie durchgegangen. Peinlich. Seine Familie stellt ihn an den Pranger, denn die Großeltern des Gastes waren Juden gewesen, die nach Argentinien fliehen mussten. Und jetzt lege ich das erste Foto auf den Esstisch. Der Opar des Gastes in der Uniform eines SS-Oberführers. Eisernes Kreuz, Ritterkreuz, Totenkopfring, Ehrendegen. Zweites Foto: Der Opa des Gastes gemeinsam mit Eichmann in Argentinien. So können Fotos leben! Und verändern (wenn auch sie sich immer noch nicht selbst verändern). Und ich überlasse es ganz elegant meinen Romanfiguren, mit diesem Problem umzugehen.

Denn alles kann ja ganz anders sein als beschrieben und natürlich als gesehen.

 

Ein Hotel für die Geheimpolizei

Ich erreiche mein Ziel an einem Wochenende im Herbst, kurz bevor Bora und Kälte Dalmatien in den Würgegriff nehmen. An diesem Morgen kommt der Wind aus Süden. Ein Wind, den wir Jugo nennen und der nirgendwo so heftig weht wie an der Riviera von Makarska. Es ist warm aber bewölkt und nur noch die hartgesottensten Schwimmer gehen ins Wasser. Träge wälzen sich graue Wellen durch den Kanal zwischen Festland und der Insel Brac und treffen am Fuß des Berges Biokovo auf Land; Land, das der gleiche Jugo und das Meer vor ewig langer Zeit erschaffen haben.
Ich stehe am äußersten Rand des Ortes Tučepi, an einem geradezu paradiesischen Küstenabschnitt, und es wundert mich nicht, dass die Elite einer Diktatur dieses Fleckchen Erde für sich beansprucht hat. Die Kieselsteine am Strand klackern wie Murmeln unter meinen Schuhen, hinter mir das Meer, vor mir dichter Pinienwald und die gewaltige bleigraue Wand des Biokovo. Doch mein Blick ruht auf dem Gebäude zwischen Meer und Gebirge – dem Hotel Jadran in Tučepi bei Makarska.

Die Fassade des Jadran zeigt ein gleichmäßiges Raster aus Balkonen, davor ein früher mal verglaster Pavillon, eine großzügige Terrasse und schließlich die Mole. Entlang des goldenen Schnitts kreuzt eine Vertikale das rechteckige langgestreckte Gebäude und versetzt den Betrachter nach Gotham City, in das Prag zwischen den Weltkriegen oder in eine Bauhausfantasie. Hier erhebt sich ein Turm, dessen wie ein Gitternetz angelegtes Fenstermosaik Licht ins Innere lässt. Auf dem Turm befindet sich ein Aufbau, der von einer Terrasse umgeben und von einer Fahnenstange gekrönt ist. Von hier oben könnte gleich Batman aufflattern. Auch der Rest des Gebäudes würde nach Gotham passen, wie von Frank Miller in schwarzer Tusche gezeichnet. Der Eingang wird von einer konvex gebogenen Wand aus Kalkstein verdeckt. Innen dringt Licht durch das Fenstergitter des Turms und beleuchtet ein Treppenhaus, das sich in einer ovalen Spirale nach oben schraubt, wie in einem Film von Curt Siodmak oder auf einem Filmplakat zu „Vertigo“. Und wenn man überzeugt ist, sich in einer architektonischen Ikone des Modernismus zu befinden, einem Klassiker in Berlin, Prag oder Dessau, wird man unvermittelt mit der jugoslawische Vergangenheit des Hotels konfrontiert: ein Wandbild zeigt alle jugoslawischen Völker in ihrer jeweiligen Tracht brüderlich vereint beim Kolo-Tanzen. Das steht im krassen Gegensatz zur strengen Moderne des Gebäudes. Dann läuft man weiter durch dieses lebende Bauhaus, und wann immer sich der Bick durch eine Öffnung nach draußen richtet, sieht man eine Postkartenlandschaft – Kieselsteine, Pinien, Inseln.

Es gab eine Zeit, da war dieses Hotel der ganze Stolz eines Regimes, das erste Hotel der Nachkriegszeit an der jugoslawischen Adria und ein Symbol der Prosperität. Heute ist es die Verkörperung eines jahrzehntelangen Verfalls, der sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt – verödet, demoliert, das Inventar im Zerfall begriffen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, geplündert. Das Hotel ging von Hand zu Hand und jeder neue Eigentümer hatte nur einen Wunsch – das Ding abzureißen. Gerettet haben es die Denkmalschützer, und so steht es noch immer am äußersten Rand von Tučepi und symbolisiert den fehlgeschlagenen Übergang zum Kapitalismus.
Ein rotes Absperrband soll Neugierige fernhalten, doch ohne Zögern springe ich drüber. Zerbrochene Keramikfliesen liegen herum, abgebrochene Äste, leere Blechdosen und Abfall. Die Demütigung ist absolut, ein sichtbares Zeichen, wie sehr diese Gesellschaft das Beste vernachlässigt, was sie selbst erschaffen hat. Während man die Landschaft der Zerstörung betrachtet, erkennt man den Zauber des Gebäudes. Was man nicht sehen kann, ist die unglaubliche Geschichte hinter dem Hotel, eine Geschichte, die die Essenz der Ereignisse aus siebzig Jahren beinhaltet.

Das Hotel Jadran in Tučepi wird behandelt wie das hässliche Kind des Totalitarismus. Errichtet wurde es kurz nach dem Krieg als Feriensitz der jugoslawischen Geheimpolizei –  der Udba. Die Legende erzählt, dass damals eine vom Chef der Geheimpolizei Aleksandar Ranković persönlich ausgewählte Kommission mit einem Motorboot die Küste von Süden nach Norden hinauffuhr, um nach einem geeigneten Ort Ausschau zu halten, wo die Spitze des Unterdrückungsstaates die Sommerfrische verbringen würde. Sie schipperten die ganze Adria hinauf und entschieden sich für einen unbewohnten Küstenstreifen ohne Straßenanbindung zwischen dem damals winzigen Dorf Tučepi und dem nahegelegenen Makarska.

Anschließend brauchten die jugoslawischen Geheimpolizisten noch einen Bauplan. Den gaben sie bei Branko Bon in Auftrag, einem Architekten von der Insel Krk, der bereits in der Zeit zwischen den Kriegen Ruhm erlangt hatte. In Belgrad hatte er die „Palata Albanija“ mitentworfen, das hervorstechendste Gebäude auf Belgrads Hauptstraße Kneza Mihajlova und das zu der damaligen Zeit höchste Hochhaus Osteuropas. Bon war ein anerkannter Architekt des Vorkriegsregimes, aber von diesem Regime war er auch inhaftiert worden. Später ging er zu den Partisanen, weshalb er auch unter dem neuen Regime hohes Ansehen genoss. Im Auftrag der Geheimpolizei entwarf Bon für Tučepi ein Gebäude, das in vielerlei Hinsicht ein Unikum war. Denn damals – Ende der 40er – erneuerte sich Europa. Die Menschen gingen in Lumpen und lebten in Ruinen, und alle europäischen Nationen (und auch Jugoslawien) bauten Eisenbahnstrecken, Brücken, Krankenhäuser, Bahnhöfe. Hotels wurden wenige oder gar keine gebaut, außer von der jugoslawischen Geheimpolizei.

1948 wurden immer noch tausende deutscher Kriegsgefangenen in Lagern von der Regierung am Leben erhalten und als Sklaven missbraucht. So wurde auch das Hotel in Tučepi von deutschen Zwangsarbeitern errichtet. Einen von ihnen hat der Journalist Anđelko Erceg vor einiger Zeit aufgestöbert. Der Wiener Arzt Hans Lang war zum Zeitpunkt des Gesprächs 78 Jahre alt, als 19-Jährigen hatte man ihn nach Tučepi gebracht. Er erzählte Erceg, dass die deutschen Häftlinge Blasmusikkonzerte für die Dorfbewohner veranstalteten und mit ihnen Fußball spielten. Hans Lang spielte gut Fußball und so liehen die Einheimischen ihn sich für Spiele in der Kreisliga aus. Sie nahmen ihn mit zu Auswärtsspielen, zum Beispiel nach Brač. „Bjondi Hans“, der blonde Hans, wie er in Tučepi genannt wurde, durfte Mitte 1949 nach Hause, doch er vergaß Tučepi nicht und freundete sich mit einigen der Dorfbewohner an. Wohl als Folge einer Art von Stockholm-Syndrom kehrte er bereits 1953 zusammen mt seiner Frau als Tourist nach Tučepi zurück und machte seine ehemaligen Fußballkameraden ausfindig. Sein Leben lang verbrachte er den Urlaub in eben dem Hotel, das er als Zwangsarbeiter mit aufgebaut hatte. Und die örtlichen Partisanen, die ihn dabei mit dem Gewehr in der Hand bewacht hatten, bedienten ihn nun als Kellner: Kein anderes Bild veranschaulicht besser die Absurditäten des 20. Jahrhunderts im östlichen Mittelmeerraum.

Mitte ’49 durften die deutschen Kriegsgefangenen nach Hause, doch am Hotel wurde noch fünf weitere Jahre gebaut, bis es 1954 schließlich fertig war. Die lange Bauzeit erklärt sich vor allem durch den Mangel an Baumaterial. So wurden zum Beispiel keine neuen Rohre für die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verwendet. Man nahm ausrangierte Rohre eines ausgebrannten Passagierdampfers. In den ersten drei Jahren nach seiner Eröffnung wurde das Jadran ausschließlich von der Polizeielite genutzt, hier hielten sie Konferenzen ab und übten sich im „Teambuilding“. Erreichbar war das Hotel nur über einen notdürftig geschotterten Feldweg, deshalb wurde für den Bootstransfer eine Mole gebaut.
Das Hotel war luxuriös, die Zimmer geräumig aber es gab nur wenige, die Vergnügungs- und Gastronnomieräume waren großzügig angelegt, aber von den geräumigen Zimmern gab es nur wenige.
Ein Luxushotel für die Geheimpolizei, gebaut von einem armen Staat, noch dazu mit Zwangsarbeitern, war damals schon für viele eine abstoßende Vorstellung, und so sah der berühmte Kunsthistoriker Vladimir Prelog im „Jadran“ ein Beispiel für rücksichtslose Vereinnahmung von Landschaft.

Doch bereits drei Jahre nach der Fertigstellung änderte sich das Schicksal des jugoslawischen „Stasihotels“ grundlegend. 1957 war Jugoslawien bereits in seinen ganz eigenen „roaring 50s“. Die ökonomische Entwicklung war schwindelerregend und die ganze Gesellschaft öffnete sich für den Genuss: erste Supermärkte, Kühlschränke, Schlagermusik, Filme, Tourismus. Im gleichen Jahr, als das erste Schlagerfestival von Opatija, das jugoslawische Pendant zu San Remo, stattfand und Zdenka Vučković in der Hymne des neuen Kommunismus ihren Papa trällend aufforderte, ein neues Auto zu kaufen, waren die Zeiten des Jadran als Polizeihotel vorbei, die Türen wurden für die breite Öffentlichkeit aufgestoßen. Von diesem Moment an wuchs die Nabelschnur zum Dorf, in dessen Nähe es errichtet wurde. Zu der Zeit war Tučepi noch ein Dörfchen an den Hängen des Biokovo, die Menschen lebten von Schafen und Oliven, entlang des Kiesstrands stand gerade mal eine Handvoll Häuser, ein paar Bootsschuppen und zwei barocke Ferienhäuser aus dem 18. Jahrhundert, die zwei reichen Geistlichen gehörten. Der Boden am Biokovo ist hart und karg und der Strand einfach zu schön. Deshalb zog das Dorf in diesen Jahren von den Hängen hinunter ans Meer, und ehemalige Landarbeiter, deren Abhängigkeit und Elend vor dem Krieg der Schriftsteller Đuro Vilović beschrieben hat, übernahmen nun Arbeiten im Tourismus. Im neuen Hotel bedienten sie, kochten, bügelten, während tausende sozialistischer Selbstverwalter hier ihren Urlaub verbrachten, aus Slowenien, Nordkroatien, Bosnien und Serbien und schon bald auch aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Ich sprach mit einer Frau, deren Mann in den 60ern Direktor des Hotels war. Bei ihnen zu Hause wurde die zweite Telefonleitung des Ortes verlegt. Die erste führte natürlich ins Hotel. Wenn man als Einziger im Ort ein Telefon hat, gibt es logischerweise niemanden, den man anrufen könnte. Deshalb thronte das schwarze Ungetüm auf einem Beistelltischchen und diente dazu, dass ihr Mann in stürmischen Nächten den Nachtportier anrufen konnte, um ihm aufzutragen, in den nach Norden hinausgehenden Zimmern die Jalousien zu schließen.

In den 60ern wandte sich die Riviera von Makarska dem Massentourismus zu, für den der Geheimdienst-Glamour nicht rentabel war. Deshalb gab die örtliche Hotelverwaltung einer ortsansässigen Architektin 1969 den Auftrag zu Umbauten, ein Aufzug wurde eingebaut, die Zimmer verkleinert und ihre Zahl erhöht und auf das Ganze wurde ein weiteres Stockwerk gesetzt. Nach Meinung der späteren Architekturkritik wurde durch diesen Eingriff die perfekte Harmonie von Bons Fassade zerstört. Dennoch war das Hotel Jadran Mittelpunkt des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen  Lebens. Hier wurde gefeiert: Silvester, Abitur, Hochzeiten. Auf der Hotelterrasse gastierten die Größen des jugoslawischen Showgeschäfts, und einer Legende nach trat auf eben dieser Terrasse der bis dahin glattrasierte junge Sänger Mišo Kovač zum ersten Mal mit einem Schnurrbart auf, seinem späteren Markenzeichen. Mit der Zeit wurde das Hotel jedoch zu klein und die Zimmer waren nicht mehr zeitgemäß. Ende der 80er erwog das sozialistische Amt für Tourismus in Tučepi den Abriss. Doch auch dieser Plan endete in dem tödlichen Fluss, wo in Kroatien alles endete – im Krieg.

Im Krieg wurde das Hotel Tučepi vorübergehend zu einem Heim für kroatische und bosnische Flüchtlinge. 1994 zogen die Füchtlinge wieder aus und hinterließen das Hotel zwar abgenutzt aber immer noch intakt. Im Mai 1996 wurde es privatisiert. Die Eigentümer kamen und gingen, ihre Ehefrauen zeterten in den Medien. Es waren Litauer und Russen und Kroaten, und alle hatten sie den gleichen Wunsch – Bons Meisterwerk abzureißen. Zu der Zeit versicherten mir ortsansässige Journalisten, sie hätten drei unterschiedlich lautende Gutachten der Denkmalbehörde aus Split in Händen gehalten, unterschrieben von der gleichen Person. Dennoch wurde das Hotel 2001 präventiv und 2011 dauerhaft unter Denkmalschutz gestellt. Grundlage hierfür waren Gutachten der Architekten Dinko Peračić und Maroje Mrduljaš. Der Denkmalschutz erlaubt den Bau eines eigenständigen Anbaus und dazu gibt es einen Entwurf. Lokalzeitungen verkündeten jedoch, dass der Eigentümer Jako Andabak mit dieser Lösung unzufrieden sei und es neue Initiativen gebe, „Investitionshürden“ aus dem Weg zu räumen, beziehungsweise Bons Prachtstück abzureißen. In der Zwischenzeit haben ortsansässige Müllverwerter und Plünderer das Hotel bis aufs Letzte gefleddert und praktisch alles mitgenommen: Keramikfliesen, Elektroinstallationen, Holzvertäfelungen, Lüster, Treppengeländer, Kunstgegenstände. Ehemalige Hotelangestellte berichten, dass sie Kunstwerke aus dem Hotel in privaten Wohnzimmern hängen sahen. Eine Anwohnerin, die sich noch an die goldenen Zeiten des Hotels erinnert, berichtet, dass sie einmal auf dem Weg zum Friedhof in einem Hof den ovalen Empfangstresen stehen sah. Das gesamte Interieur – das den Geist der 50er verströmte – ist unwiederbringlich verloren.

Sogar in diesem Zustand – verrottet, gefleddert, demoliert – ist Bons Hotel noch immer schön. Über diesem verwunschenen Stückchen Natur erhebt es es sich mit seinem Wachturm und darauf ein Fahnenmast und eine Uhr. Und davor erstreckt sich noch immer der Kiesstrand mit der winkelförmigen Mole, auf der früher tschechische Touristinnen trällerten. Zermürbt und gedemütigt steht das Hotel an diesem vielleicht schönsten Kiesstrand der kroatischen Adria und erzählt eine Geschichte über mindestens drei Epochen. Die Geschichte von einem Land, das vom hässlichen Nachkriegstotalitarismus zu einem seltsamen, ganz eigenen Sozialismus der Bonvivants überging und schließlich in einem missgestalteten Kapitalismus gelandet ist, einem Kapitalismus, dem einfach nichts gelingt und der keine unserer Errungenschaften der Vergangenheit zu etwas Gutem und Erhaltenswerten weiterentwickeln konnte. Nicht eine einzige – auch nicht das Hotel Jadran in Tučepi.

Sibeniks Wiederauferstehung

Das Schöne bei uns ist ja , dass mindestens vier Städte, mehr oder weniger berechtigt, um den Titel der wichtigsten Stadt Dalmatiens wetteifern. Dubrovnik fährt das Argument der Geschichtsträchtigkeit auf – seine lange Tradition als Staat, ein reiches kulturelles Erbe, den Bekanntheitsgrad in der ganzen Welt und seine Attraktivität als touristisches Ziel.
Zadar punktet mit seiner Tradition als historische Hauptstadt und damit, die Zeit des Übergangs zur Marktwirtschaft ohne Kratzer überlebt zu haben. Split wirft seine Größe in den Ring, seine Medienmacht und Kulturszene, seine Schriftsteller, Rapper, Journalisten und Musiker.

Geld aus europäischen Fonds

Hinter diesen dreien wäre Šibenik sozusagen das  vierte „kleine Schweinchen“, das ärmste und kleinste. Jahrzehntelang und bis heute galt Šibenik als Schlusslicht unter den größeren Städten Dalmatiens. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn kann die Stadt weder eine Universität noch einen siegreichen Sportklub vorweisen, sie ist weder wirtschaftlich stark noch politisch mächtig, hat keinen Hafen, keinen Tourismus, nicht einmal ein richtiges Strandbad, ihre Post- und Zollämter und Bankfilialen schließen, kurz gesagt: die Stadt ist zum allmählichen Verfall verurteilt. Wie sehr dies auch das Lebensgefühl in Šibenik selbst prägt, zeigt ein Ereignis im Jahr 2012: Damals trugen Mitglieder eines ortsansässigen Vereins die Stadt symbolisch zu Grabe – mit Begräbniszug, Kreuz und Sarg.

Das Bild von Šibenik als Looser-Stadt ist so fest in Stein gemeißelt, dass niemand – zumindest in Dalmatien – es mehr in Frage stellt. Ich sehe das anders. Zwar lebe ich nicht in Šibenik, aber ich bin ziemlich oft dort, und mit allen Vorbehalten, die man gegen den Eindruck eines Außenstehenden geltend machen kann, glaube ich behaupten zu können, dass Šibenik momentan die positivste Stadtgeschichte Dalmatiens schreibt. Es entwickelt sich von allen Städten in unserer Region in die beste Richtung, hat die klügste Vision und interessanteste Perspektive.

Kommt man aus Split, Zadar oder Dubrovnik ist man zunächst verblüfft, wie sehr sich diese Stadt mit Hilfe aus europäischen Fördertöpfen verwandelt hat. Während in der Spliter Stadtverwaltung gerade mal fünf von 700 Angestellten in der Lage sind einen EU-Antrag anständig auszufüllen, hat Šibenik in den letzten Jahren mit europäischen Mitteln die Festung St. Mihovil erneuert, das Faust-Vrančić-Museum eingerichtet, die Promenade am St.-Ante-Kanal ausgebaut. Inzwischen wird die dritte Stadtfestung – Barone – erneuert.

Investition in Luxus

St. Mihovil wurde dabei nicht nur oberflächlich verschönert, sondern innerhalb der Festungsmauern wurde ein fantastisches Open-Air-Gelände geschaffen, das bereits in diesem Sommer vor lauter Konzerten, Festivals und Filmvorführengen nur so brummte. Und das kleine charmante Faust-Vrancic-Museum auf der vorgelagerten Insel Prvić wurde zu einer zusätzlichen Attraktion für die hier festmachenden Segler.
Die supergescheite Verwaltung von Dubrovnik dagegen und die noch schlauere Opposition wussten mit dem Gelände hinter dem Srđ, dem Sergiusberg, nichts Besseres anzufangen, als ihn mit Ferienhäuschen zu verbauen. Pula weiß bis heute nichts mit den riesigen ehemaligen Militärgeländen Katarina und Monument anzufangen, und der Muzil – Pulas Pendant zum Spliter Hausberg Marijan – ist für die Öffentlichkeit nach wie vor unzugänglich, mit Schranke und Bewachung.

Im Gegensatz dazu hat Šibenik die ehemaligen Militäreinrichtungen am Kanal St. Ante kurzerhand für die Bevölkerung geöffnet, mit EU-Geldern Fahrradwege ausgebaut und Informationstafeln aufgestellt. Auf der anderen Seite der Stadt wurde ein ehemaliges Industriegelände zum Stadtbad Banj umgebaut, und Šibenik ist somit nicht länger die einzige Stadt Dalmatiens, in der man nicht am Strand liegen kann. Das Gelände am St.-Ante-Kanal soll als Grünfläche erhalten bleiben, denn für den Tourismus ist es förderlicher, dass man hier spazieren gehen, baden und sich entspannen kann, als dass das Gelände den Immobilienmaklern überlassen und mit Häusern zugepflastert wird.

Deshalb herrscht aber in Šibenik noch lange keine “Antinvestitionsklima”. Weit gefehlt. Šibenik erhielt in diesem Jahr den größten Investitionszuschlag an der Adria, für eine riesige Marina und ein spektakuläres Luxushotel der türkischen Dorgus Gruppe; ein Hotel nach Plänen des umstrittenen und genialen Nikola Bašić aus Zadar. Dadurch bekommt Šibenik nicht nur ein Hotel, sondern unterstützt außerdem die Wiederbelebung von wertvollem öffentlichen Raum, anstatt das ehemalige Militär- und Industriegelände der Verwahrlosung zu überlassen.

Inzwischen tut sich auch etwas im Tourismus und Šibenik verströmt einen Hauch Hipsterchic, den Split bereits hat. Doch im Gegensatz zu Split und vor allem Dubrovnik ist dieser Tourismus noch nicht so aufgebläht, dass darunter das städtische Leben implodiert. Nicht zuletzt bekommt Šibenik so auch neue kulturelle Impulse, etwa durch die Szene am St. Mihovil oder das Fališ-Festival linker Ideen und Kultur, das über die Stadtgrenzen hinaus Furore macht.

Kurz gesagt, vergleicht man Šibenik mit Split, das in seinem klientelistischen Chaos aus Parkberechtigungen, Restaurantbestuhlung, Standgebühren und Veteranenvereinigungen versinkt, oder vergleicht man Šibenik mit Dubrovnik, das von amtierenden Politikern als Einweg-Cashcow missbraucht wird, oder mit Zadar, dessen Schicksal in fataler Weise mit dem seines Bürgermeisters verknüpft ist, der wegen Korruption, Amtsmissbrauch und Bestechung unter Anklage steht, vergleicht man Šibenik also mit diesen drei Städten, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das vierte kleine Schweinchen sich zum Rollenmodell gewandelt hat. Von diesem Vorbild könnten die anderen dalmatinischen Städte eine Menge lernen. Šibenik versteht den europäischen Kontext zu nutzen, erkennt die Bedeutung von Räumen und Flächen und plant eine ausgewogene Entwicklung.

Eine Stadt mit Vision

Erstaunlicherweise lässt sich nicht sagen, wem das Lob gebührt. In Šibenik gibt es keine selbsternannten „Fürsten“ und auch keine jahrzehntelange Feudalherrschaft wie in anderen dalmatinischen Städten. In Šibenik wechseln sich regelmäßig zwei langweilige Parteien mit dem Regieren ab – SDP und HDZ. Keine der beiden war lange genug an der Macht, um die Erfolge nur für sich zu verbuchen, doch beide können sich auf die Fahne schreiben, das Erbe der jeweils anderen Partei nicht zerstört, sondern darauf aufgebaut zu haben.

Das Beispiel Šibenik zeigt, dass mittelfristige Planung und visionäre Kontinuität dafür die besseren Voraussetzungen sind als die zementierte Kontinuität einer immer gleichen Regierung, die zu Klientelpolitik und willkürlicher Allmacht führt – wie etwa in Dubrovik, Rijeka und Pula.

Natürlich wenden die Menschen, mit denen ich in Šibenik gesprochen habe, ein, dass das alles nur Fassade sei, dass Šibenik noch immer die Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerstatistik anführe und dass bloß die Aluminiumfabrik TLM dicht zu machen brauche, um die Stadt dauerhaft in die Knie zu zwingen.

Das mag alles stimmen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Šibenik in diesem Moment etwas tut, was die anderen Städte an der kroatischen Adria sträflich versäumen: Šibenik nutzt seine Ressourcen an Raum und Sehenswürdigkeiten zu einer vernünftigen Entwicklung.

Randnotiz: Fußball

Mit ein paar Ausnahmen sind meine Freunde alle belesen und gebildet. Meinen Nachnamen können inzwischen alle fehlerfrei aussprechen, auch die Ausnahmen. Beruflich treffe ich oft Menschen, die noch viel belesener und gebildeter sind als meine Freunde. Die meisten brauchen im Schnitt drei Anläufe, bis sie meinen Namen richtig aussprechen. Wenn es dann endlich klappt, kommen wir häufig auf die Frage zu sprechen, warum so wenig Literatur aus dem südslawischen Raum übersetzt wird. Es ist zu anstrengend. Die vielen -ićs und -ičićs und -ovićs, die notwendigerweise in dieser Literatur immer auftauchen, sind kaum auseinanderzuhalten . Na ja, dachte ich immer, dann ist es ja kein Wunder, wenn diese Titel es nicht auf die Bestsellertische schaffen, an denen sich der normal gebildete und normal belesene Leser drängelt. Der normale Leser will Unterhaltung und keine Helden mit schwer zu merkendem Namen auf -ić, -ičić oder -ović.
Dann verschlug es mich kurz vor Weihnachten in die Niederungen der deutschen Kulturlandschaft. Ich fuhr von Berlin zu meinen Eltern in die schwäbische Provinz, eine zweitausend Einwohner zählende Gemeinde. Da ich ein ziemlich chaotischer Mensch bin, hatte ich den Schlüssel zum Haus meiner Eltern vergessen, die wiederum …. egal. Ich musste an einem Samstag Abend drei Stunden in diesem vermeintlichen Kaff totschlagen. Ich fand eine wenig einladende Kneipe, in der aber geraucht werden durfte, was für mich und angesichts von sieben unter Null dann doch ganz verlockend war.
Nur Männer. Ich bestelle ein Bier, um nicht noch mehr aufzufallen und mische mich unter die Menge. Niemand beachtet mich. Alle stieren an mir vorbei und leicht in die Höhe. Dann werde ich höflich aber bestimmt in die hinterste Ecke verbannt. „Sonscht säh mer nix“, oder so ähnlich. Aus meiner Ecke sehe ich dann, was sie sehen. Klar. Samstag Abend. Sportschau. Schlimmer hätte es mich nicht treffen können, denke ich und konzentriere mich auf mein Bier. Doch dann vernimmt mein Ohr vertraute Töne. Olić, Ibišević, Misimović, Raketić. Astrein ausgesprochen. Ich kann es nicht fassen. Wo meine Literaturkollegen kapitulieren, gehören die -ićs und -ovićs hier zum Samstag Abend wie die Sportschau und das Bier. Die Verwirrung liegt ganz auf meiner Seite. Fußballfans gelten doch allgemein als …, na ja …, auf jeden Fall nicht belesen und gebildet.
Der Eindruck ist nachhaltig. Noch Wochen später grüble ich über das Phänomen. Ob ich ohne es zu merken in ein Treffen von Slawisten geraten bin? Die einfach zufällig auf Bier und Fußball stehen. Oder gibt es zwischen dem Schwäbischen und den südslawischen Sprachen eine bisher unentdeckte Verbindung? Es kann doch nicht sein, dass der typische Samstag-Abend-Fußball-Gucker problemlos etwas bewältigt, was meine Literaturkollegen als Grund für den Mangel an übersetzter Literatur aus Serbien oder Kroatien betrachten.  Bis mein Sohn alle Theorien über den Haufen wirft.  Mein Sohn spricht deutsch, leider habe ich es versäumt, ihn von Anfang an mit meiner Muttersprache vertraut zu machen, aber das ist ein anderes Thema. Er ist fünf Jahre alt und sagt immer noch „Porblem“ statt „Problem“.  Es ist Samstag Abend und er sitzt auf dem Teppich und baut Raumschiffe aus Lego, während sein Vater die Sportschau sieht, ohne Bier. Und dann fragt mein fünfjähriger Sohn, ohne sich zu verhaspeln, ohne einmal zu stolpern: “ Warum spielt Salihamidžić (Sa-li-ha-mi-džić) nicht mit?“