Mit ein paar Ausnahmen sind meine Freunde alle belesen und gebildet. Meinen Nachnamen können inzwischen alle fehlerfrei aussprechen, auch die Ausnahmen. Beruflich treffe ich oft Menschen, die noch viel belesener und gebildeter sind als meine Freunde. Die meisten brauchen im Schnitt drei Anläufe, bis sie meinen Namen richtig aussprechen. Wenn es dann endlich klappt, kommen wir häufig auf die Frage zu sprechen, warum so wenig Literatur aus dem südslawischen Raum übersetzt wird. Es ist zu anstrengend. Die vielen -ićs und -ičićs und -ovićs, die notwendigerweise in dieser Literatur immer auftauchen, sind kaum auseinanderzuhalten . Na ja, dachte ich immer, dann ist es ja kein Wunder, wenn diese Titel es nicht auf die Bestsellertische schaffen, an denen sich der normal gebildete und normal belesene Leser drängelt. Der normale Leser will Unterhaltung und keine Helden mit schwer zu merkendem Namen auf -ić, -ičić oder -ović.
Dann verschlug es mich kurz vor Weihnachten in die Niederungen der deutschen Kulturlandschaft. Ich fuhr von Berlin zu meinen Eltern in die schwäbische Provinz, eine zweitausend Einwohner zählende Gemeinde. Da ich ein ziemlich chaotischer Mensch bin, hatte ich den Schlüssel zum Haus meiner Eltern vergessen, die wiederum …. egal. Ich musste an einem Samstag Abend drei Stunden in diesem vermeintlichen Kaff totschlagen. Ich fand eine wenig einladende Kneipe, in der aber geraucht werden durfte, was für mich und angesichts von sieben unter Null dann doch ganz verlockend war.
Nur Männer. Ich bestelle ein Bier, um nicht noch mehr aufzufallen und mische mich unter die Menge. Niemand beachtet mich. Alle stieren an mir vorbei und leicht in die Höhe. Dann werde ich höflich aber bestimmt in die hinterste Ecke verbannt. „Sonscht säh mer nix“, oder so ähnlich. Aus meiner Ecke sehe ich dann, was sie sehen. Klar. Samstag Abend. Sportschau. Schlimmer hätte es mich nicht treffen können, denke ich und konzentriere mich auf mein Bier. Doch dann vernimmt mein Ohr vertraute Töne. Olić, Ibišević, Misimović, Raketić. Astrein ausgesprochen. Ich kann es nicht fassen. Wo meine Literaturkollegen kapitulieren, gehören die -ićs und -ovićs hier zum Samstag Abend wie die Sportschau und das Bier. Die Verwirrung liegt ganz auf meiner Seite. Fußballfans gelten doch allgemein als …, na ja …, auf jeden Fall nicht belesen und gebildet.
Der Eindruck ist nachhaltig. Noch Wochen später grüble ich über das Phänomen. Ob ich ohne es zu merken in ein Treffen von Slawisten geraten bin? Die einfach zufällig auf Bier und Fußball stehen. Oder gibt es zwischen dem Schwäbischen und den südslawischen Sprachen eine bisher unentdeckte Verbindung? Es kann doch nicht sein, dass der typische Samstag-Abend-Fußball-Gucker problemlos etwas bewältigt, was meine Literaturkollegen als Grund für den Mangel an übersetzter Literatur aus Serbien oder Kroatien betrachten.  Bis mein Sohn alle Theorien über den Haufen wirft.  Mein Sohn spricht deutsch, leider habe ich es versäumt, ihn von Anfang an mit meiner Muttersprache vertraut zu machen, aber das ist ein anderes Thema. Er ist fünf Jahre alt und sagt immer noch „Porblem“ statt „Problem“.  Es ist Samstag Abend und er sitzt auf dem Teppich und baut Raumschiffe aus Lego, während sein Vater die Sportschau sieht, ohne Bier. Und dann fragt mein fünfjähriger Sohn, ohne sich zu verhaspeln, ohne einmal zu stolpern: “ Warum spielt Salihamidžić (Sa-li-ha-mi-džić) nicht mit?“