Sibeniks Wiederauferstehung

Das Schöne bei uns ist ja , dass mindestens vier Städte, mehr oder weniger berechtigt, um den Titel der wichtigsten Stadt Dalmatiens wetteifern. Dubrovnik fährt das Argument der Geschichtsträchtigkeit auf – seine lange Tradition als Staat, ein reiches kulturelles Erbe, den Bekanntheitsgrad in der ganzen Welt und seine Attraktivität als touristisches Ziel.
Zadar punktet mit seiner Tradition als historische Hauptstadt und damit, die Zeit des Übergangs zur Marktwirtschaft ohne Kratzer überlebt zu haben. Split wirft seine Größe in den Ring, seine Medienmacht und Kulturszene, seine Schriftsteller, Rapper, Journalisten und Musiker.

Geld aus europäischen Fonds

Hinter diesen dreien wäre Šibenik sozusagen das  vierte „kleine Schweinchen“, das ärmste und kleinste. Jahrzehntelang und bis heute galt Šibenik als Schlusslicht unter den größeren Städten Dalmatiens. Im Gegensatz zu ihren Nachbarn kann die Stadt weder eine Universität noch einen siegreichen Sportklub vorweisen, sie ist weder wirtschaftlich stark noch politisch mächtig, hat keinen Hafen, keinen Tourismus, nicht einmal ein richtiges Strandbad, ihre Post- und Zollämter und Bankfilialen schließen, kurz gesagt: die Stadt ist zum allmählichen Verfall verurteilt. Wie sehr dies auch das Lebensgefühl in Šibenik selbst prägt, zeigt ein Ereignis im Jahr 2012: Damals trugen Mitglieder eines ortsansässigen Vereins die Stadt symbolisch zu Grabe – mit Begräbniszug, Kreuz und Sarg.

Das Bild von Šibenik als Looser-Stadt ist so fest in Stein gemeißelt, dass niemand – zumindest in Dalmatien – es mehr in Frage stellt. Ich sehe das anders. Zwar lebe ich nicht in Šibenik, aber ich bin ziemlich oft dort, und mit allen Vorbehalten, die man gegen den Eindruck eines Außenstehenden geltend machen kann, glaube ich behaupten zu können, dass Šibenik momentan die positivste Stadtgeschichte Dalmatiens schreibt. Es entwickelt sich von allen Städten in unserer Region in die beste Richtung, hat die klügste Vision und interessanteste Perspektive.

Kommt man aus Split, Zadar oder Dubrovnik ist man zunächst verblüfft, wie sehr sich diese Stadt mit Hilfe aus europäischen Fördertöpfen verwandelt hat. Während in der Spliter Stadtverwaltung gerade mal fünf von 700 Angestellten in der Lage sind einen EU-Antrag anständig auszufüllen, hat Šibenik in den letzten Jahren mit europäischen Mitteln die Festung St. Mihovil erneuert, das Faust-Vrančić-Museum eingerichtet, die Promenade am St.-Ante-Kanal ausgebaut. Inzwischen wird die dritte Stadtfestung – Barone – erneuert.

Investition in Luxus

St. Mihovil wurde dabei nicht nur oberflächlich verschönert, sondern innerhalb der Festungsmauern wurde ein fantastisches Open-Air-Gelände geschaffen, das bereits in diesem Sommer vor lauter Konzerten, Festivals und Filmvorführengen nur so brummte. Und das kleine charmante Faust-Vrancic-Museum auf der vorgelagerten Insel Prvić wurde zu einer zusätzlichen Attraktion für die hier festmachenden Segler.
Die supergescheite Verwaltung von Dubrovnik dagegen und die noch schlauere Opposition wussten mit dem Gelände hinter dem Srđ, dem Sergiusberg, nichts Besseres anzufangen, als ihn mit Ferienhäuschen zu verbauen. Pula weiß bis heute nichts mit den riesigen ehemaligen Militärgeländen Katarina und Monument anzufangen, und der Muzil – Pulas Pendant zum Spliter Hausberg Marijan – ist für die Öffentlichkeit nach wie vor unzugänglich, mit Schranke und Bewachung.

Im Gegensatz dazu hat Šibenik die ehemaligen Militäreinrichtungen am Kanal St. Ante kurzerhand für die Bevölkerung geöffnet, mit EU-Geldern Fahrradwege ausgebaut und Informationstafeln aufgestellt. Auf der anderen Seite der Stadt wurde ein ehemaliges Industriegelände zum Stadtbad Banj umgebaut, und Šibenik ist somit nicht länger die einzige Stadt Dalmatiens, in der man nicht am Strand liegen kann. Das Gelände am St.-Ante-Kanal soll als Grünfläche erhalten bleiben, denn für den Tourismus ist es förderlicher, dass man hier spazieren gehen, baden und sich entspannen kann, als dass das Gelände den Immobilienmaklern überlassen und mit Häusern zugepflastert wird.

Deshalb herrscht aber in Šibenik noch lange keine “Antinvestitionsklima”. Weit gefehlt. Šibenik erhielt in diesem Jahr den größten Investitionszuschlag an der Adria, für eine riesige Marina und ein spektakuläres Luxushotel der türkischen Dorgus Gruppe; ein Hotel nach Plänen des umstrittenen und genialen Nikola Bašić aus Zadar. Dadurch bekommt Šibenik nicht nur ein Hotel, sondern unterstützt außerdem die Wiederbelebung von wertvollem öffentlichen Raum, anstatt das ehemalige Militär- und Industriegelände der Verwahrlosung zu überlassen.

Inzwischen tut sich auch etwas im Tourismus und Šibenik verströmt einen Hauch Hipsterchic, den Split bereits hat. Doch im Gegensatz zu Split und vor allem Dubrovnik ist dieser Tourismus noch nicht so aufgebläht, dass darunter das städtische Leben implodiert. Nicht zuletzt bekommt Šibenik so auch neue kulturelle Impulse, etwa durch die Szene am St. Mihovil oder das Fališ-Festival linker Ideen und Kultur, das über die Stadtgrenzen hinaus Furore macht.

Kurz gesagt, vergleicht man Šibenik mit Split, das in seinem klientelistischen Chaos aus Parkberechtigungen, Restaurantbestuhlung, Standgebühren und Veteranenvereinigungen versinkt, oder vergleicht man Šibenik mit Dubrovnik, das von amtierenden Politikern als Einweg-Cashcow missbraucht wird, oder mit Zadar, dessen Schicksal in fataler Weise mit dem seines Bürgermeisters verknüpft ist, der wegen Korruption, Amtsmissbrauch und Bestechung unter Anklage steht, vergleicht man Šibenik also mit diesen drei Städten, kann man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass das vierte kleine Schweinchen sich zum Rollenmodell gewandelt hat. Von diesem Vorbild könnten die anderen dalmatinischen Städte eine Menge lernen. Šibenik versteht den europäischen Kontext zu nutzen, erkennt die Bedeutung von Räumen und Flächen und plant eine ausgewogene Entwicklung.

Eine Stadt mit Vision

Erstaunlicherweise lässt sich nicht sagen, wem das Lob gebührt. In Šibenik gibt es keine selbsternannten „Fürsten“ und auch keine jahrzehntelange Feudalherrschaft wie in anderen dalmatinischen Städten. In Šibenik wechseln sich regelmäßig zwei langweilige Parteien mit dem Regieren ab – SDP und HDZ. Keine der beiden war lange genug an der Macht, um die Erfolge nur für sich zu verbuchen, doch beide können sich auf die Fahne schreiben, das Erbe der jeweils anderen Partei nicht zerstört, sondern darauf aufgebaut zu haben.

Das Beispiel Šibenik zeigt, dass mittelfristige Planung und visionäre Kontinuität dafür die besseren Voraussetzungen sind als die zementierte Kontinuität einer immer gleichen Regierung, die zu Klientelpolitik und willkürlicher Allmacht führt – wie etwa in Dubrovik, Rijeka und Pula.

Natürlich wenden die Menschen, mit denen ich in Šibenik gesprochen habe, ein, dass das alles nur Fassade sei, dass Šibenik noch immer die Arbeitslosen- und Sozialhilfeempfängerstatistik anführe und dass bloß die Aluminiumfabrik TLM dicht zu machen brauche, um die Stadt dauerhaft in die Knie zu zwingen.

Das mag alles stimmen. Dennoch habe ich den Eindruck, dass Šibenik in diesem Moment etwas tut, was die anderen Städte an der kroatischen Adria sträflich versäumen: Šibenik nutzt seine Ressourcen an Raum und Sehenswürdigkeiten zu einer vernünftigen Entwicklung.

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