Streiflicht: Belgrad – Hotel Moskva

Von der Terrasse unseres Hotels hat man einen grandiosen Blick in Richtung Pannonische Tiefebene. Die Straße, die in den Terazije-Platz mündet, schiebt die Bebauung auseinander, der unmittelbar benachbarte Park bricht diese Stadtlichtung noch weiter auf und zwischen dem Hotel Moskva und dem Hotel Balkan öffnet sich die Stadt und mein Blick fällt den Berg hinab und über den Fluss in eine gewaltige Weite. Was für ein Ausblick, was für ein Himmel!
Wenn mir die Weite zu viel wird und mein Auge Halt braucht, drehe ich den Kopf leicht nach links. Dort steht seit vielen Jahrzehnten das Hotel Moskva. Ich kann mich kaum sattsehen an seiner glänzenden grünen Jugendstilfassade. Es ist eines meiner zwei Lieblingsgebäude in Belgrad, das andere steht am entgegengesetzten Ende der Knez Mihajlova, der Belgrader Fußgängerzone, in der Kralja Petra. Jugendstil, mit grünen Kacheln verziert.

Das Moskva. Auch meine Tochter liebt das Hotel, es erinnert sie an viele vergangene Aufenthalte in Belgrad. Also machen wir uns auf den Weg und gehen hinüber. Am ersten Tag sitzen wir mit Freunden im inneren Hotelbereich, Jugendstilkunst an den Wänden, ein Flügel, auf dem heute allerdings niemand spielt. Man sitzt unten oder auf der Galerie, in bequemen Sesseln oder Zweisitzern um niedrige Tische herum. Noch darf hier immer und überall geraucht werden, selbst während des Essens in den Restaurants. Wir rauchen nicht. Wir bestellen Kaffee, Orasnice, ein Gebäck, das überwiegend aus Walnüssen besteht und wundervoll schmeckt, und hausgemachte Limonade. Ein Traum.

Das Moskva. Elegant gekleidete, höfliche Kellner, die gekonnt türkischen Mokka aus sogenannten Džezve einschenken. Diese schön gearbeiteten kleinen Stielkännchen aus getriebenem Messing und der Kaffee, den man hier lieber „landestypisch“ als „türkisch“ nennt, erinnern an die lange Zeit der türkischen Besatzung und sind ein gutes Beispiel für die pragmatische Einstellung auf dem Balkan: Was gut ist aus vergangenen Zeiten, oder lecker oder schön, das wird beibehalten, was nicht, landet auf dem Müllabladeplatz der Geschichte.
Am nächsten Nachmittag setzen wir uns vor dem Moskva auf die Terrasse und bestellen – dasselbe. Es ist ein Ritual, an sich gehören noch eine Zigarette und die Tageszeitung dazu, und ganz viel Zeit. Von hier aus kann man, durch die hohen Nadelgehölze, die im Wechsel mit blutroten Geranien die Terrasse vom Bürgersteig der belebten Straße abgrenzen, die Passanten beobachten. Sehr schlanke, hochgewachsene Mädchen, die Haare perfekt geschnitten und glatt frisiert, stark aber überwiegend geschmackvoll geschminkt, sind auf halsbrecherisch hohen Hacken unterwegs, die uns Respekt einflößen. Junge Männer, meist groß und gepflegt, die vor wenigen Jahren noch aussahen, wie frisch aus dem Bodybuildingstudio gekommen, mit seltsam anzusehenden, mühsam antrainierten Muskelsträngen an Hälsen, die fast denselben Umfang erreichten, wie die Köpfe der Halsbesitzer, sind jetzt wieder auf Normalgröße zurückgeschrumpft. Straßenkartenbewaffnete Touristen aus Deutschland, Amerika oder Japan, in Wanderschuhen und mit Rucksäcken. Orthodoxe Popen in langen schwarzen Soutanen, deren lustig-listige Augen über wallenden Vollbärten hervorblitzen. Bettelnde Zigeunerinnen, die sich mit dem Kind an der Brust an Touristenfersen heften. Niemals würden sie sich als Roma bezeichnen. Und von wegen lustig ist das Zigeunerleben, hier sind sie, wenn sie arbeiten, Straßenfeger – deren ständiger Einsatz übrigens dazu beiträgt, dass die Stadt deutlich sauberer ist, als ich sie in Erinnerung habe.

Das Moskva. Ein Schmuckstück. Tagsüber in der Sonne glänzend, nachts effektvoll beleuchtet. Früher Dreh- und Angelpunkt für Besprechungen und Geschäfte der Belgrader Kaufleute mit den Bauern und Händlern aus der näheren Umgebung und Geschäftsleuten auf der Durchreise. Selten geworden sind die Bauern aus dem Umland, die noch vor wenigen Jahren in Tracht, oder zumindest mit einzelnen Teilen ihrer Tracht, wie den Šajkače, gefilzten Wollhosen, oder in Opanke, Lederschuhen aus einem Stück, deren Kappe hochgebogen ist, mit ihren Produkten zum großen Markt unterhalb des Moskva kamen. Dort, auf dem Zeleni Venac, verkaufen sie immer noch ihr selbst angebautes Obst und Gemüse, das Fleisch ihrer selbst gezüchteten Schweine und Schafe, ihren eigenen Käse und Kajmak, aber ihre Tracht tragen sie nicht mehr.

Das Moskva. Heute sitzen hier korrekt gekleidete Herren in dunklen Anzügen, die während ihrer Geschäftsreise ein Hotelzimmer im Moskva bezogen haben, Pensionäre, die über Politik diskutieren, Touristen, die sich von der Stadtbesichtigung ausruhen, und wir. Irgendwie dazwischen. Zwischen Einheimischen und Touristen. So wie auch das Moskva irgendwie dazwischen ist. Zwischen Jugendstil und Moderne, zwischen Touristen aus dem Westen und den Alteingesessenen aus der Stadt. Zwischen glorreicher Vergangenheit und dem, was noch kommen wird.

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