Terror – das Medienereignis

Von B. Stipetic

New York, London, Madrid, Paris, Brüssel. Auch vor New York gab es Terroranschläge und Brüssel war nicht der letzte. Wir sind entsetzt, wir fühlen uns hilflos und keiner hat auch nur ansatzweise ein Rezept, wie man das beenden könnte.
Als heute morgen die Nachrichten aus Brüssel eintickerten, dann die ersten Bilder, die ersten Videos, musste ich irgendwann an eine Szene aus dem Film „Ausnahmezustand“ denken. Da hat eine Gruppe Terroristen einen Bus gekapert und es passiert zunächst nichts. Es werden keine Forderungen gestellt, keine Drohungen ausgestoßen. Bis einer der Ermittler plötzlich begreift: „Sie warten auf die TV-Kameras“.
So ähnlich ist es mit der Mehrzahl der Terrorangriffe, die Europa treffen. Das Ziel ist weniger, möglichst viele Menschen in den Tod zu bomben, sondern uns zu zeigen, wie verletzbar wir sind, wie sehr wir uns von der Angst beherrschen lassen. Und unsere Medien spielen diesen Absichten in die Hände.
Keine Nachricht ist in diesem Zusammenhang zu banal, um nicht zur Schlagzeile zu werden: Bundespolizei verstärkt Präsenz an Flughäfen und Grenzen, Deutsche Bahn stellt Zugverkehr nach Brüssel ein.
Flankiert von nützlichem Ratgeberwissen: Was die Anschläge in Brüssel für Reisende bedeuten. So rüstet sich Europa gegen den Terror.
Den ganzen Vormittag wurde gemeldet, dass es nun zehn oder doch elf Tote am Flughafen gab, obwohl beide Zahlen sich vermutlich spätestens am Abend leider als falsch erweisen werden.
Terrorangriffe sind zu medialen Ereignissen geworden. Jede Online-Zeitung hat Newsticker, im Fernsehen kommen Sondersendungen am laufenden Band. Dabei gibt es nicht wirklich mehr zu berichten, als das, was bereits am Morgen bekannt war: Es gab einen Terroranschlag und es gab Tote und Verletzte. Der Neuigkeitengehalt der ganzen Artikel und Sondersendungen ist minimal. Wir werden in die Hysterie „genewst“. Und wir geben den Terroristen genau das, was sie wollen, wir bestätigen sie mit Schlagzeilen wie: Angriff auf Europa. Belgien ist bis ins Mark getroffen. Der Terror trifft das Machtzentrum der EU. Wieder ins Herz.
Kurz gesagt: Sie haben ihr Ziel erreicht.
Unsere Berichterstattung folgt einer bekannten und berechenbaren Choreographie, die einen Sog nach allen Seiten entwickelt. Das Ereignis wird dramatisiert, obwohl das Drama längst geschehen ist. Wenn man sich dem nicht bewusst entgegenstemmt, ist man als Leser versucht, alle Viertelstunde die Nachrichtenseiten zu aktualisieren und in einem der Newsticker nachzuschauen, ob es nicht doch eine unerwartete Entwicklung gibt. Denn genau diese Dringlichkeit wird durch die Art der Berichterstattung suggeriert: Bleibt dran, es könnte noch mehr passieren.
Die Krönung sind für mich die Bilder und das Filmmaterial. Ich kann mich gut erinnern, wie nach den Anschlägen von Paris eine Kamera stundenlang auf die Straße gerichtet war, in der das Bataclan steht. Es war nicht wirklich etwas zu sehen außer Polizeifahrzeugen, die die Straße absperrten, und Polizisten, die hin- und herliefen. Worauf hat die Kamera gewartet? Auf die ersten Toten und Verletzten, die aus dem Theater getragen werden? Darauf, dass alles live in die Luft fliegt? Was hilft es uns, solche Bilder zu sehen? Dient das unserer Information? Sind wir dann besser vorbereitet, wenn es uns in Berlin oder Frankfurt oder München erwischt? Wozu brauchen wir verwackelte Amateurvideos aus Brüssel: Momente nach den Explosionen. Ich habe es mir nicht angeschaut. Ich bin entsetzt genug. Wenn ich mir aber vorstelle, dass die Drahtzieher der Anschläge und geistigen Brandstifter die Bilder von Menschen sehen, die in Panik sind, die bluten und weinen, Bilder von vermummten Polizisten, die in Brüssel alles Mögliche absperren und sichern, dann kann ich mir sehr gut vorstellen, wie zufrieden sie lächeln und sich daran aufgeilen, wie erfolgreich auch dieser Anschlag war. Dann planen sie genüsslich den nächsten, und ein Puzzleteilchen in ihrer Planung ist unsere Berichterstattung.